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Buchvorstellung in Potsdam Heimspiel für Sarrazin

10.09.2010 ·  Thilo Sarrazin eröffnet am Donnerstagabend in Potsdam die Lesereihe zu seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ - und sorgt gleich wieder für Schlagzeilen: Während der Veranstaltung bestätigt er, dass er sich aus dem Vorstand der Bundesbank zurückziehen wird.

Von Michael Müller, Potsdam
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Es ist kurz nach 20 Uhr an diesem Donnerstagabend, als Thilo Sarrazin den Potsdamer Nikolaisaal betritt. Er ist umringt von schwarz gekleideten Leibwächtern, die nach den Morddrohungen der vergangenen Tage sein Leben schützen sollen. Es ist die erste Lesung, zu der Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ gebeten hat, und die Zuschauer sind seinem Ruf in Scharen gefolgt. „Die Nachfrage war galaktisch“, sagt Veranstalter Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro. „Wir hätten gut und gerne 3000 Karten verkaufen können.“ Platz ist nur für gut 750 Zuschauer, aber die klatschen lautstark Beifall als Sarrazin den Raum betritt, vereinzelt sind „Bravo“-Rufe zu hören. Sarrazin hat noch kein einziges Wort gesagt und doch ist klar: Es wird ein Heimspiel für ihn werden.

Als Sarrazin die umstrittenen Grundthesen seines Buches vorstellt, hängen die Zuschauer förmlich an seinen Lippen. Fast jede Aussage wird mit lautem Applaus goutiert, unterbrochen lediglich von „Bravo“- und „Jawohl“-Rufen. Die Stimmung des Publikums ist bestens. Dabei sollte der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung erst noch folgen: Es ist kurz vor 21 Uhr, die an Sarrazins Vortrag anschließende Diskussion ist bereits in vollem Gange. Sarrazin setzt gerade zu einer seiner ausschweifenden Antworten an, als dem Moderator ein kleiner weißer Zettel gereicht wird. Sarrazin blickt zwar kurz zu ihm, lässt sich aber nicht stören und referiert weiter.

Er lehnt sich zurück und untermalt seine Analyse zur Zukunft Deutschlands mit weitgreifenden Handbewegungen. Allerdings scheint die Nachricht auf dem kleinen weißen Zettel derart brisant zu sein, dass ihr Überbringer nicht ablässt und sie dem Moderator zusätzlich ins Ohr flüstert. Dieser stutzt, blickt nochmals auf den kleinen weißen Zettel, fast so als könne er es nicht glauben: Es ist die erste Eilmeldung der Nachrichtenagenturen über den Rücktritt Sarrazins aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Mit der Bitte, ihn als Bundesbankvorstand zu entlassen, erspart der umstrittene Autor auch Bundespräsident Wulff eine heikle Entscheidung. Der geschäftsführende SPD-Fraktionschef Poß rechnet damit, dass Sarrazin seinen Kampf gegen die politische Klasse nun richtig aufnehmen wird.

Für kurze Zeit ist es still

Als Sarrazin mit seiner Antwort endet, sitzt ihm ein sichtlich verdutzter Moderator gegenüber und sagt: „Herr Sarrazin, die Agenturen melden Ihren Rücktritt als Bundesbankvorstand.“ Ein Raunen geht durch den Saal. Kein Klatschen mehr, keine „Bravo“-Rufe – für kurze Zeit ist es still. Doch Sarrazin fühlt sich an diesem Abend sichtlich wohl, nicht wie in den Fernsehtalkshows der vergangenen Woche, wo „teilweise sechs Kontrahenten versuchten, mich zu grillen.“ An diesem Abend in Potsdam ist es anders, und so antwortet Sarrazin auf die Frage des Moderators nur süffisant: „Mir ist diese Meldung nicht bekannt.“ Doch der Moderator lässt nicht locker, will Sarrazin gar den Zettel reichen, damit diesem dann die Meldung bekannt sei und er antworten könne. Doch Sarrazin bleibt standhaft – vorerst. Er wolle nicht darauf antworten, sondern lieber „prüfen, was die Medien morgen berichten.“

Ohnehin sind aus Sarrazins Sicht die Medien und die politische Klasse seine eigentlichen Kontrahenten. Auch Veranstaltungsleiter Hendrik Röder hat in seiner Rede zu Beginn der Veranstaltung von der „Wucht der medialen Verdammung“ gesprochen, der sich Sarrazin seit nunmehr 14 Tagen ausgesetzt sehe. Sarrazin selbst kann nicht erkennen, dass sein Buch die Gesellschaft spalte, wie Medienberichten zufolge einige Umfragen belegen würden. Und so führt Sarrazin an diesem Abend seinerseits Umfragen an: 70 Prozent Zustimmung in der Fernsehsendung „Beckmann“, 84 Prozent Zustimmung bei der Sendung „Hart aber Fair“, nicht zu vergessen eine Umfrage des Fernsehsenders „n-tv“, bei der eine Zustimmungsrate zu seinen Thesen von 94 Prozent ermittelt wurde. „Also wirklich, als Außenseiter fühle ich mich da nicht,“ sagt Sarrazin.

Dass bei einer solch hohen Zustimmungsrate mitunter auch Applaus von der „falschen Seite“ dabei sei, könne er leider nicht verhindern. Muss Sarrazin erklären, Sachverhalte darstellen und gar Widerspruch kontern, beginnt er häufig zu stottern. Dann fällt in fast jedem Satz das Wort „also“. Doch in Momenten wie diesem, wann immer er Zahlen ins Feld führen kann, fühlt sich der Finanzbeamte sicher und weiß das Publikum für sich zu begeistern.

Dann lässt Sarrazin die Fassade der Koketterie fallen

Aber der Moderator der Potsdamer Veranstaltung hakt nochmals bei Sarrazin nach: „Wieso weichen Sie mir in dieser Frage jetzt aus?“ Und dann lässt Sarrazin die Fassade der Koketterie fallen, holt kurz tief Luft und sagt: „Gut, dann sage ich es hier jetzt zum ersten Mal: Erstens, der Bundesbankvorstand hält die Vorwürfe gegen mich, ich hätte mich gegen Ausländer diskriminierend und rassistisch geäußert, nicht aufrecht und zieht sie zurück.“ Das Potsdamer Publikum ist begeistert und klatscht lautstark Beifall. „Zweitens, der Bundesbankvorstand hat beim Bundespräsidenten den Antrag, mich vom Amt zu entheben, zurückgezogen.“ Wieder ertönt Applaus von den Zuschauerrängen. „Und drittens, erst danach habe ich den Bundespräsidenten gebeten, mich mit Ablauf des 30. September von meinem Amt zu entbinden.“

Sarrazin ist die Reihenfolge der Ereignisse sehr wichtig, sie soll zeigen, dass er die Entscheidung getroffen hat. In den vergangenen 14 Tagen habe er „massiven Druck“ gespürt. Seine Familie sei zwar einiges Leid gewohnt, „das war für mich nicht einfach.“ Er habe deshalb überlegt und sei zu der Entscheidung gekommen: „Ich kann es mir nicht leisten, mich mit der gesamten politischen Klasse anzulegen und mit 70 Prozent der publizierten Meinung.“ Doch das könne schlichtweg keiner aushalten. Jetzt, nach dieser Entscheidung, könne er noch auf vielen Veranstaltungen auftreten, ohne dass man sage, da spreche der Bundesbankvorstand. Jetzt müsse es heißen, „der Sarrazin hat gesagt... Und damit kann ich leben.“

Die Zuschauer bitten ihn, seine Entscheidung zu überdenken

Das Publikum auf den Sitzen im Nikolaisaal ist enttäuscht, scheint nicht zu wissen, wie es auf diese Nachricht reagieren soll. In der abschließenden Fragerunde bitten denn die Zuschauer Sarrazin mehrmals, seine Entscheidung nochmals zu überdenken. Einige versuchen ihn gar zu ermuntern, eine eigene Partei zu gründen. Doch Sarrazin ist von der deutschen Parteienlandschaft überzeugt. „Wir in Deutschland habe eine Parteienlandschaft, die alles anbietet. Deshalb muss ein solch wichtiger Diskurs innerhalb der etablierten Volksparteien geführt werden.“

Doch sicherlich auch in Anbetracht des ihm drohenden Parteiausschlusses aus der SPD warnt Sarrazin: „Wenn diese Diskussionen nicht in diesen Parteien geführt wird oder gar Druck ausgeübt wird, dann werden irgendwann andere Leute kommen, die weniger demokratisch sind, und ihr eigenes Süppchen kochen.“ Auch eine mögliche Kandidatur um den Vorsitz in den etablierten Parteien weist Sarrazin weit von sich. „Meine Lebensplanung war es immer, in der zweiten Reihe zu stehen und beratend zu arbeiten. An dieser Lebensplanung möchte ich festhalten.“ Er könne jetzt nicht den Michael Kohlhaas der Republik geben und gegen das gesamte Politik- und Medienestablishment ankämpfen. Deshalb ist es für Sarrazin ein „strategischer Rückzug“. „So kann ich mich mehr dem Sachthema widmen, das mir wichtig ist.“

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