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Brennende Autos in der Hauptstadt Die Glut auf den Straßen Berlins

18.08.2011 ·  Auch in der Nacht zum Donnerstag brennen in Berlin wieder Autos. Niemand scheint zu wissen, warum – und was zu tun ist. Denn galt das Anzünden von Autos bisher als typisch linkes Delikt, spielen inzwischen auch Nachahmungstaten eine Rolle.

Von Mechthild Küpper und Ursula Scheer
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„Ich hatte ihn sogar noch vollgetankt“, sagt Naim Mirta und schaut auf das, was von seinem Mercedes E 200 übrig geblieben ist. Schief hängt die verkohlte Karosserie über dem rechten Vorderreifen. Die Windschutzscheibe ist zerplatzt. Blasig löst sich der Lack, wo er nicht in schwarzen Flocken abgefallen ist. Auch zwölf Stunden nach dem Brandanschlag riecht es auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock am Heilmannring in Charlottenburg noch nach verbranntem Gummi und heißem Metall. Um Mitternacht hatten die Täter zugeschlagen. Sie waren längst wieder davon, als die Polizei kam.

Mirta hat seinen Fotoapparat mitgebracht, um die Überreste seines Wagens zu dokumentieren. „Ich bin alles andere als ein reicher Mann“, sagt er. Naim Mirta stammt aus Mazedonien. Er hat eine Frau, zwei kleine Kinder und arbeitet in der Gastronomie – oder wo immer auch sonst ihm das Jobcenter eine Stelle vermitteln kann. Den Mercedes hat er vor einem Jahr gekauft. Zehn Jahre war der Wagen damals alt, war 50.000 Kilometer gefahren, aber noch gut in Schuss. Eine zuverlässige Familienkutsche für 8000 Euro. Geld, dass sich Mirta zusammensparen musste.

Jetzt ist er fassungslos, denn die Versicherung wird nichts zahlen. Er hatte nur eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, es war die günstigste Variante. „Diese Verbrecher müssen doch auch die Kindersitze im Wagen gesehen haben“, sagt er. „Diese Irren denken wohl, Mercedes sei Luxus. Aber das ist es nicht, nicht so ein altes Auto. Und ich brauche es für die Arbeit.“ Mirta will wenigstens noch den Stern von seinem Autowrack abschrauben. Als Erinnerung.

„Nicht warten, bis breite Masse sich erhebt“

Vor einigen Jahren, als es gerade angefangen hatte mit den brennenden Autos auf den Straßen Berlins, baten Polizisten noch inständig, bloß nicht zu beschreiben, wie einfach es ist, ein Auto anzuzünden. Ein Stück Grillanzünder, ein Feuerzeug, mehr braucht man nicht. Lange schon ist das kein Geheimnis mehr, und es scheint viele zu geben, die nicht nur wissen wie es geht, sondern es auch tun. Damals gab es gelegentlich noch Bekennerbriefe zu den Brandanschlägen; die gibt es längst nicht mehr.

Es gilt als typisch linkes Delikt, teure Autos anzuzünden, die Ermittlungen führt der Staatsschutz. Inzwischen wird sogar ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera eingesetzt. Im Bericht des Berliner Verfassungsschutzes über „Linke Gewalt 2003 bis 2008“ schreibt Innensenator Ehrhard Körting (SPD), linke Gewalt habe viele Facetten, und nennt an erster Stelle „Brandstiftungen an Kraftfahrzeugen“.

Die alternative Berliner „Tageszeitung“ publizierte im Dezember 2009 unter der Überschrift: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“ ein Interview zum Thema „Autos in Metropolen“. Sowohl der Interviewer als auch der Interviewte benutzten Pseudonyme. Damals brannten Autos noch vor allem in Kreuzberg-Friedrichshain, und damals nutzten die Täter, wenn sie sich überhaupt äußerten, noch den Schlachtruf gegen die „Gentrifizierung“ und die Verdrängung armer Leute aus der Innenstadt. In Kreuzberg-Friedrichshain, sagte der Interviewte, seien „die Auswirkungen der Verdrängung am deutlichsten spürbar“, die Schlacht in Prenzlauer Berg sei dagegen in seinen Augen verloren. Seiner Meinung nach gebe es „genug Motivation, das System aus Gier, Macht und Erniedrigung zu bekämpfen“. Die Linke könne „nicht länger warten, bis die breite Masse sich erhebt“.

Seit Jahresbeginn brannten 135 Autos

Die Stadtteile, in denen in der Nacht zum Mittwoch die Autos brannten, sind keine Reichenviertel. Der Heilmannring liegt im weniger schicken Teil von Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier stehen vor allem Wohnblocks. Dazwischen gibt es ein bisschen Grün, einen Discounter, einen Drogeriemarkt, eine Kneipe, eine Stadtbibliothek und ein Bürgeramt. Um die Mittagszeit kurven Kinder mit ihren Fahrrädern über die Straßen. „Eigentlich ist das hier eine ruhige Gegend“, sagt eine Rentnerin, die gerade ihren Hund ausführt. „Hier wohnen ganz normale, kleine Leute. An der U-Bahn-Station kommt es schon mal zu Schlägereien, und es werden auch manchmal Autos aufgeknackt. Aber angezündet? Das hatten wir noch nicht.“ Nachts sei hier niemand auf der Straße, sagt sie. Da hätten die Brandstifter leichtes Spiel.

Die Sicherheitsbehörden rechnen mit 6300 gewaltbereiten Linksextremisten in Deutschland, 1100 leben in Berlin. Das Anzünden von Autos ist unter Linksradikalen umstritten. So nannte es der ehemalige Terrorist Bommi Baumann schon 2009 „reine Randale“ und fand, es sei schädlich für die linke Szene. Und weil die Zahl der angezündeten Autos von 221 im Jahr 2009 auf 54 im Jahr 2010 sank, glaubten die Berliner schon, das Schlimmste sei vorbei. Doch es kam anders: Seit Jahresbeginn brannten 135 Autos, 86 wurden in Mitleidenschaft gezogen, zuletzt waren es regelrechte Anschlags-Serien. In der vergangenen Woche brannten sieben Autos in einer Nacht, in der Nacht zum Dienstag brannten elf in Charlottenburg, in der Nacht zum Mittwoch waren es 15, vor allem wieder in Charlottenburg, wo die „Gentrifizierung“ schon vor Jahrzehnten stattgefunden hat. In der Nacht zum Donnerstag waren es neun.

Zurückhaltung mit Patentrezepten

In Berlin wird am 18. September gewählt, und noch ist nicht erkennbar, ob dieser Wahlkampf ein beherrschendes Thema finden wird. Nun könnten es womöglich noch die brennenden Autos werden und die Unfähigkeit, die Brandstiftungen zu verhindern. Denn es ist unter den Parteien durchaus umstritten, was Politik und Polizei dagegen tun sollen und ob sie den Bränden überhaupt ein Ende setzen können. Noch aber halten sich die Parteien mit Patentrezepten zurück; sie wissen, dass es keineswegs nur eine Frage des guten Willens und der Zahl der aktiven Polizeibeamten ist, ob sich bestimmte Gewaltkonjunkturen eindämmen lassen. Beim 1. Mai in Kreuzberg scheint es – mit spektakulären Rückschlägen – nach vielen Jahren gelungen. An der Verhinderung gewalttätiger Übergriffe im öffentlichen Nahverkehr wird noch gearbeitet.

Vertreter der Linkspartei sagen, es gebe „keine Sympathien“ für diese Straftaten. Auch die Grünen distanzieren sich seit langem von der Idee, Brandanschläge auf Autos könnten irgendwie politisch begründet sein. Sie sehen es als Aufgabe aller an, die Konjunktur des „Autoabfackelns“ zu beenden. „Null gesellschaftliche Akzeptanz für Autobrandstiftungen“ fordert Volker Ratzmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen. Am Mittwoch sah sich selbst der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) genötigt, sich zur Serie von Brandstiftungen zu äußern. In einer Metropole wie Berlin könne die Polizei nicht überall sein, daher sei „auch die Wachsamkeit der Bürgerinnen und Bürger gefragt“, sagte er.

„Tatgelegenheiten ohne Ende“

Innensenator Körting muss immer wieder darauf hinweisen, dass die Polizei zwar in jeder Nacht Brandstreifen in Zivil und in Uniform auf den Straßen hat, hundert Beamte und mehr. Doch bei 5000 Kilometern Straßen und über einer Millionen Autos in Berlin, von denen die meisten am Straßenrand und nicht in Garagen geparkt stehen, sei es nicht möglich, Brandanschläge zu verhindern. Die Sicherheitsbehörden sind schon froh, wenn die Brände so früh gemeldet werden, dass sie gelöscht werden können, bevor die Autos ganz zerstört sind.

„Tatgelegenheiten ohne Ende“ nennt das der Polizeisprecher. Der frühere Polizeipräsident Dieter Glietsch bekräftigte schon bei einer Tagung des Verfassungsschutzes zur linken Gewalt im November 2009 die Auffassung, mit polizeilichen Mitteln könne man das massenhafte Anzünden von Autos nicht verhindern.

Nach Auffassung von Glietsch ist es den demokratischen Parteien in Berlin nicht gelungen, „Gewalt unabhängig davon gesellschaftlich zu ächten, ob es links- oder rechtsextremistische oder nicht politisch motivierte Gewalt ist“. So sieht es auch der FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer. Im Abgeordnetenhaus seien sich alle Fraktionen gegen den Rechtsradikalismus einig, doch im Kampf gegen den Linksextremismus fehle es bei „Rot-Rot und Teilen der Grünen“ an konsequenter Umsetzung dieser Haltung.

„Zu einem Flächenbrand entwickelt“

„Wie lange wollen Wowereit und Körting diesen Sittenverfall noch dulden?“, fragt Frank Henkel, der Spitzenkandidat der CDU, „der Vandalismus hat unerträgliche Ausmaße angenommen“, die Autobrandstiftungen hätten sich „zu einem Flächenbrand entwickelt“. Der CDU-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf hat die von der Staatsanwaltschaft ausgesetzte Belohnung für jeden Hinweis auf die Brandstifter in Höhe von 5000 Euro erhöht – 2000 Euro will der Kreisverband noch zusätzlich zahlen.

Autos anzünden ist in den Augen des Innensenators Körting eine „feige Tat“, die leicht zu begehen und schwer zu bekämpfen ist. Auch in anderen Städten brennen immer wieder Autos – in Hamburg waren es allein 190 in diesem Jahr. „Ich parke mein Auto weiterhin auf der Straße vor meinem Haus“, kündigte Körting an.

Die Polizei schätzt, dass die Hälfte der Brandstiftungen an Autos im weitesten Sinn linksradikal motiviert ist. Doch gesichertes Wissen über die Täter und ihre Motive gibt es nicht; Körting glaubt, dass inzwischen Nachahmungstaten eine große Rolle spielen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht vom „Powergefühl“, das der Anblick brennender Autos und der Machtlosigkeit aller anderen bei den Tätern erzeugt. Das schmale Wissen über die Täter lässt viel Raum für Spekulationen.

Im Berliner „Tagesspiegel“ wurden etwa Polizisten zitiert, die die Serie von Brandanschlägen in Charlottenburg für die Tat eines einzigen Mannes halten, der mit dem Fahrrad in dem Viertel unterwegs gewesen sein könnte. Von Auto zu Auto. Der Mann sei zuvor bereits zu einer Bewährungsstrafe wegen Brandstiftung, die er gestanden hatte, verurteilt, und weiterer Taten verdächtigt worden, die ihm aber nicht nachgewiesen werden konnten. Die Erfolgsquote vor Gericht ist ohnehin gering, immer wieder fasst die Polizei Tatverdächtige, doch reichen die Beweise und Indizien selten für eine Verurteilung.

„Man kann sich nicht schützen“

Die Begriffe des Ächtens, der „Null Akzeptanz“ und der Wachsamkeit zielen nicht auf Politik und Polizeitaktik, sondern auf das gesellschaftliche Klima. Der Berliner Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, sagte, die Polizei sei auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Weil es nur Sekunden dauere, einen Grillanzünder auf einen Reifen eines geparkten Autos zu legen, sei Prävention schwierig. Die Gewerkschaft der Polizei lehnt den Vorschlag der CDU, eine Sonderkommission zu bilden, als „Aktionismus“ ab. Scharf kritisiert sie auch die Idee des CDU-Politikers Burkhard Dregger, die Freiwillige Polizeireserve wieder einzuführen, wie es sie in West-Berlin einst gab. Sie fordert hingegen, mehr Polizeibeamte einzustellen.

Einen Straßenzug vom Heilmannring entfernt, im Charlottenburger Halemweg, stehen gleich zwei ausgebrannte Autowracks auf einem Parkplatz: ein Opel Astra und ein B-Klasse-Mercedes. Daneben liegt ein zum Skelett verkohltes Mofa, das wohl nur zufällig in Flammen aufgegangen ist. Zu dicht stand es an den brennenden Autos. Immer wieder bleiben Nachbarn stehen. „Es ist einfach nicht zu fassen“, sagt eine alte Frau. „Das eine Auto gehört einer alleinerziehenden Mutter – warum zündet das jemand einfach an?“ Sie sei heilfroh, eine Garage für ihren Wagen zu haben. Eine Mischung aus Unglauben, Hilflosigkeit und Wut liegt über den zusammenstehenden Nachbarn.

Viele glauben, dass die Brandstifter gezielt vorgehen – verstehen aber nicht, was sie mit ihrem Vandalismus bezwecken. Kapitalismuskritik könne es ja nicht sein. „Das Schlimmste ist, dass man sich nicht schützen kann“, sagt ein Mann. Man könne ja nicht neben jedes Auto einen Schutzmann stellen. „Wenigstens ist es bei uns noch nicht so weit wie in England, wo schon ganze Häuser angezündet werden, es Straßenschlachten gibt und Leute zu Schaden kommen“, sagt er. „Aber das kann ja alles noch kommen.“

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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