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Nachruf auf Hans Koschnick : Eher volkstümlich als hanseatisch

Hans Koschnick 1929-2016 Bild: dpa

Im Alter von 87 Jahren ist der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick gestorben. Er war 18 Jahre lang das politische Oberhaupt der Hansestadt.

          Der spezifisch sozialdemokratische Weg Bremens nach dem Zweiten Weltkrieg ist eng mit dem Namen Hans Koschnick verwoben. Der 1929 geborene Sohn eines Gewerkschaftssekretärs verkörperte zeitlebens eher den volkstümlichen als den hanseatischen Typus eines bremischen Politikers.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Koschnick, der seine Karriere als Verwaltungsbeamter und Sekretär der Gewerkschaft ÖTV begann, nahm bereits in jungen Jahren einen steilen Aufstieg in der Bremer SPD. 1963 wurde der junge „Hans im Glück“ mit 34 Jahren Innensenator. Vier Jahre später wurde Koschnick nach dem Verlust der absoluten SPD-Mehrheit unter Willy Dehnkamp zum Bürgermeister gewählt und sollte dem Bremer Senat fortan 18 Jahre lang vorstehen.

          Durch seine Begabung zum Kompromiss gelang es Koschnick, das politische Gleichgewicht zu halten zwischen dem bürgerlich geprägten Flügel der SPD und den vielen Bremer Genossen, die in diesen Jahren einen starken Hang zu sozialistischen Experimenten an den Tag legten.

          Auf dem SPD-Parteitag im November 1977 in Hamburg bespricht sich Koschnick mit Egon Bahr und Willy Brandt, zwei Größen der Partei. Bilderstrecke

          Mit dem Namen Koschnick wird in der Geschichte Bremens insbesondere die Gründung der Universität im Jahr 1971 verbunden bleiben. In den vergangenen Jahren ist es der einstigen Reformuniversität gelungen, ihren lange zweifelhaften Ruf abzulegen.

          Die eigentliche Bewährungsprobe Koschnicks als Bürgermeister war indes die Bewältigung des Strukturwandels infolge von Werftenkrise und der Borgwardt-Pleite 1961. Mit der Ansiedlung von Daimler-Benz gelang Koschnick 1978 ein Coup. Dem Verluste tausender Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft begegnet Koschnick alerdings vor allem durch eine Ausweitung des Öffentlichen Dienstes, wodurch Bremen ebenso in die Überschuldung schlitterte wie durch die verhängnisvolle Einkommenssteuerreform von 1969, infolge deren die Steuerkraft der wirtschaftsstarken Hansestadt bis heute vor allem dem Umland zugutekommt.

          Die Schuldenkrise Bremens führte 1985 schließlich auch zur Ablösung Koschnicks. Seine Gaben als Vermittler brachte der Sozialdemokrat auch weiterhin ein, als Schlichter in Tarifverhandlungen sowie als EU-Administrator der Stadt Mostar von 1994 bis 1996. Koschnick engagierte sich zudem für die in ihre Heimat zurückkehrenden Bosnien-Flüchtlinge. Am Donnerstag ist Hans Koschnick im Alter von 87 Jahren gestorben.

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