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Rechte Gewalt : Wer zündet Flüchtlingsheime an?

Eine Bauanleitung für einen Molotowcocktail lässt sich auch im Netz finden: Im August 2015 haben zwei Männer und eine Frau in Salzhemmendorf einen Molotowcocktail in ein Flüchtlingsheim geworfen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn in Deutschland Flüchtlingsheime angesteckt werden, heißt es immer wieder: Die Täter kommen aus der Mitte der Gesellschaft. So einfach ist es aber nicht.

          In Deutschland brennen Flüchtlingsunterkünfte. In diesem Jahr waren es schon mehr als fünfzig, im vergangenen Jahr fast hundert. Dazu kommen mehr als tausend weitere Straftaten, die sich gegen Flüchtlinge richten: Jeden Tag wird irgendwo in Deutschland eine Unterkunft beschmiert oder beschädigt, werden Flüchtlinge mit Gewalt bedroht oder tatsächlich angegriffen. Es ist ein Wunder, dass es noch keine Toten gab – anders als in den neunziger Jahren in Mölln und in Solingen. Damals warfen Neonazis die Brandbomben. Die Täter waren den Behörden bekannt. Das soll heute anders sein.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Laut Bundeskriminalamt sind rund drei Viertel der Tatverdächtigen zuvor nicht durch „politisch motivierte Kriminalität“ aufgefallen. Bei fast der Hälfte der Tatverdächtigen hatten die Behörden gar keine „Vorerkenntnisse“, weder zur politischen Einstellung noch andere. Seit diese Zahlen im vergangenen Herbst bekanntwurden, heißt es beinahe überall: Die Täter kommen aus der Mitte der Gesellschaft, Biedermänner werden zu Brandstiftern.

          So sagte beispielsweise Bundesinnenminister Thomas de Maizière: „Gewalt kriecht bis in die Mitte der Gesellschaft.“ Und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen äußerte, es sei verkürzt, im Zusammenhang mit Anschlägen auf Asylunterkünfte nur „vom braunen Mob und von Fremdenhass“ zu reden. Das verstelle den Blick für die „Radikalisierung bürgerlicher Milieus oder auch von Wutbürgern“. Dabei ist kaum eine Brandstiftung aufgeklärt. Es sind immer die gleichen Beispielfälle, die die These vom Normalbürger, der Brandsätze wirft, belegen sollen: Altena, Meißen, Salzhemmendorf und Remchingen. Aber waren dort wirklich Täter aus der Mitte der Gesellschaft am Werk?

          SS-Tattoos bei Tätern von Salzhemmendorf

          Als im August 2015 zwei Männer und eine Frau im niedersächsischen Salzhemmendorf einen Molotowcocktail in eine bewohnte Flüchtlingsunterkunft schmissen, sagte der Bürgermeister des Ortes sofort, es gebe dort keine organisierte rechte Szene. Ähnlich äußerte sich die Polizei. Die Täter galten als „brave Bürger“: eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, ein Feuerwehrmann und ein Lagerist, der gern angeln geht. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb über die drei Brandstifter: „Leben, die normal zu sein schienen und dann doch ganz plötzlich für das Böse stehen.“ Nur war das Leben der Täter von Salzhemmendorf nie normal. Aus der Mitte der Gesellschaft hatten sie sich schon lange verabschiedet. Das konnte wissen, wer es wissen wollte. So hatten sie eine Whatsapp-Gruppe mit Namen „Garage Hakenkreuz“. Darin schrieben sie Dinge wie: „Ich bin der neue Adolf! Nix Zyklon B! Erhängt wird das Pack!“ Oder: „Die Grundschule wird ein Asylheim.“ – „Hoffentlich wird die abgefackelt.“

          Die Täter hörten zudem die Musik der Bands Nordfront, Sturmwehr, Kategorie C und Landser. Das sind bekannte Neonazi-Bands, Landser wurde sogar als kriminelle Vereinigung eingestuft. Ein Liedtext der Band lautet: „Kanake verrecke, verfluchter Kanake! / Du bist nichts weiter als ein mieses Stück Kacke / Du bist das Letzte, du bist nur Dreck / Du bist nur Abschaum, du musst hier weg!“ Die Täter von Salzhemmendorf hörten solche Musik auch an dem Abend, an dem sie den Molotowcocktail warfen. Nach dem Anschlag sagte einer der Täter: „Wenn ein Neger brennt, feiere ich richtig.“ Nur durch Zufall kam bei ihrem Anschlag kein Mensch ums Leben. Der Brandsatz landete unter dem Bett eines elfjährigen Kindes, das glücklicherweise in dieser Nacht bei der Mutter schlief.

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