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Bosbach und Pofalla : Wenn nicht jetzt, wann dann?

Das Privileg, den Herrschenden die Meinung zu sagen: Wolfgang Bosbach Bild: dpa

Der Streit zwischen Ronald Pofalla und Wolfgang Bosbach ist mehr als eine einfache Rempelei: In der CDU von Angela Merkel gibt es wenig Spielraum für Dissens.

          Kürzlich hat Wolfgang Bosbach in einer Bäckerei in Köln „Teilchen“ gekauft, wie einfache Kuchenstücke im Rheinland genannt werden. Als er bezahlen wollte, kam der Bäckermeister in den Verkaufsraum. „Chef“, sagte der, „bei mir müssen Sie nicht bezahlen. Bei mir müssen Sie nur standhaft bleiben.“ Bosbach warf Geld in die Kaffeekasse und freute sich wie ein König. Er ist einfacher Bundestagsabgeordneter aus Bergisch Gladbach, aber mittlerweile ist er nicht nur Kölner Bäckern, sondern ganz Deutschland ein Begriff.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wolfgang Bosbach, so sagt es einer, der ihn und die rheinische CDU kennt, sei „in gutem Sinne ein Volkstribun“. Bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren holte er in seinem Wahlkreis in der Nähe von Köln 50 Prozent der Erststimmen. Für seine Partei, die CDU, stimmten dagegen nur 35 Prozent der Wähler.

          Das Reden vor den Mikrofonen trieb Pofalla zur Raserei

          Bosbach hat seine Volksnähe einmal bei einem Auftritt an der Seite von Angela Merkel beschrieben. Auf ihrem 50. Geburtstag habe ein Hirnforscher gesprochen, auf seinem seien „De Höhner“ aufgetreten. „De Höhner“ sind eine Kölschrock-Band und einem breiten Publikum spätestens seit der Handballweltmeisterschaft in Deutschland bekannt, als ihre Hymne „Wenn nicht jetzt, wann dann“ aus allen Lautsprechern dröhnte. Sie sind eine Art vertonter Bosbach, ihre Texte können lustig, aber auch ernst sein, jedenfalls lebensklug: „Irgendwann, irgendwann, da ist jeder einmal dran, irgendwann, irgendwann, fangen die fetten Jahre an.“

          Nach machtpolitischen Maßstäben gab es für Bosbach nie fette Jahre. Aber dem Volkstribun Bosbach scheint sein Anrennen gegen den Euro-Rettungskurs der Kanzlerin zumindest ein paar fette Wochen zu bescheren. Alle wollen ihn sprechen, die großen Sender und Zeitungen. Nicht nur flüchtige Zitate werden veröffentlicht wie bisher, sondern lange Interviews und Porträts. Endlich kann er alles erzählen. Und tut es. Mit dem „Stern“ sprach der an Prostatakrebs erkrankte Bosbach über Erektionsstörungen und Inkontinenz in Gegenwart einer „bildhübschen Physiotherapeutin“.

          Genau das, Bosbachs nicht enden wollendes Reden vor den Mikrofonen, hat jenen Mann zur Raserei getrieben, der seine langen Arbeitstage damit zubringt, das Regierungsgeschäft Angela Merkels geräuscharm zu organisieren. Kanzleramtsminister Ronald Pofalla bescheinigte Bosbach vor knapp zwei Wochen, kurz vor der Abstimmung über die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms, dass er seine „Fresse“ nicht mehr sehen könne und seine „Scheiße“ nicht mehr hören wolle. Das war ein Zusammenstoß, wie ihn das politische Berlin äußerst selten erlebt, jedenfalls öffentlich. Die letzte Verbalattacke solch groben Kalibers kostete den damaligen außenpolitischen Berater des Bundeskanzlers Schröder vor zehn Jahren das Amt.

          Der Zusammenstoß von Pofalla und Bosbach ist nicht nur ein isolierter Streit zwischen zwei selbstbewussten Politikern in der CDU. Er ist vielmehr der bislang sichtbarste Ausdruck des Konkurrenzverhältnisses zwischen den Zwängen des Regierens und der Unabhängigkeit eines frei gewählten, nur seinem Gewissen verpflichteten Abgeordneten.

          Wolfgang Walter Wilhelm Bosbach hat etwas anderes gemacht, bevor die Politik sein Beruf wurde. Erst einmal mittlere Reife, dann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Mit 20 Jahren wurde er Leiter eines Supermarkts. Bosbach holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studierte Rechtswissenschaften in Köln, legte das zweite juristische Staatsexamen ab. Drei Jahre später wurde er erstmals in den Bundestag gewählt und seitdem immer wieder.

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