20.08.2010 · Als Bürgermeister Tübingens wird Boris Palmer in die Landesgeschichte Baden-Württembergs eingehen - vielleicht aber auch deshalb, weil er das politische Fundament für den Protest gegen Stuttgart 21 gelegt hat. Von Beginn an rechnete er alles nach, was die Bahn behauptete.
Von Rüdiger Soldt, StuttgartBoris Palmer ist ein Rebellensohn. Sein Vater war ein Obstbauer, der seinem schwäbischen Völkchen aufs Maul schaute. Immer wieder ließ er sich - erfolglos - für Bürgermeisterwahlen aufstellen. In die Geschichte des Landes ging Helmut Palmer als Kämpfer gegen Behördenwillkür und „Remstalrebell“ ein. Seinem Sohn Boris, heute 38 Jahre alt, gelang es schon im zweiten Anlauf, einen Chefsessel im Rathaus zu erobern.
Was ihm in Stuttgart 2004 missglückte, schaffte er in Tübingen, wo er studierte, 2006 im ersten Wahlgang. Als Bürgermeister Tübingens wird Palmer in die Landesgeschichte eingehen - und vielleicht auch deshalb, weil er das politische Fundament für den Protest gegen das Verkehrsinfrastrukturprojekt Stuttgart 21 gelegt hat. Schon als Landtagsabgeordneter und detailverliebter Überzeugungstäter hat der Mathematiker alles, was die Bahn behauptete, nachgerechnet.
Mit kühnen Thesen begründet er, warum eine ökologische Partei gegen das Bahnprojekt sein müsse. Nachdem er in Stuttgart bei der Oberbürgermeisterwahl 2004 im ersten Wahlgang mit 21,5 Prozent unterlegen war, versprach er zum Ärger der SPD, im zweiten Wahlgang den CDU-Amtsinhaber Schuster zu empfehlen - aber nur, wenn dieser zu „Stuttgart 21“ einen Bürgerentscheid ansetze, falls es zu Kostensteigerungen komme. Schuster löste das Versprechen nicht ein.
Palmer erfand für Tübingen ein Klimaschutzprogramm
Palmer ist für den Umgang mit der Öffentlichkeit begabt. Als die Welt über die Klimaerwärmung diskutierte, erfand er für seine Stadt ein Klimaschutzprogramm: „Tübingen macht blau“. Der ehemalige Waldorfschüler gehört zur ersten Riege des grünen Führungsnachwuchses - in Joseph Fischer hat er einen Förderer. Eine schwarz-grüne Koalition auf Landesebene war immer Palmers Wunschkoalition. Der frühere baden-württembergische Europaminister Christoph Palmer (CDU) ist ein Vetter zweiten Grades. Im Moment verspürt Palmer Gegenwind wegen der misslungenen Sanierung einer Straße und gestiegener Baukosten.
2015 endet seine Amtszeit als Oberbürgermeister. Würde er zur Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl 2012 antreten, müsste er Tübingen drei Jahre früher verlassen; und er würde sich, falls er gewönne, den Aufstieg aus der Kommunal- in die Bundespolitik auf lange Zeit verbauen. Zudem gibt es für den überzeugten Stuttgart-21-Kritiker schönere Aufgaben, als sich über Jahre mit nicht gewollten Baustellen zu beschäftigen. Den Schlichtungsversuch, mit dem Palmer Stuttgart befrieden will, lehnen die Bahn und die Landesregierung ab.
„Versöhnen statt graben“ hat Palmer sein Angebot genannt, in dem er unpassenderweise von „Krieg“ und „Waffenstillstand“ sprach, gleichzeitig aber in Aussicht stellte, eine „Lösung zu finden, die von allen akzeptiert werden kann“. Theoretisch wäre es denkbar, dass die Grünen ihren Widerstand aufgeben, wenn „Stuttgart 21“ modifiziert würde. Palmer ist gerade Vater geworden und hat Elternzeit genommen. Am Wochenende will er in Konstanz feiern und kurze Zeit später die grüne Europaabgeordnete Franziska Brantner standesamtlich heiraten.