http://www.faz.net/-gpf-7528i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.12.2012, 14:43 Uhr

Bonner Bombenfall Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen

Die Bombe im Bonner Hauptbahnhof ist durch die Täter gezündet worden, aber nicht detoniert. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Es gebe „belastbare Hinweise“ auf einen Anschlagsversuch einer terroristischen Vereinigung islamistischer Prägung.

von und
© dpa Ein am Freitag von der Polizei veröffentlichtes Foto zeigt die Tasche auf dem Bonner Hauptbahnhof, in der sich der Sprengsatz befand.

Die Bundesanwaltschaft hat am Freitag die Ermittlungen wegen des Bombenfundes am Bonner Hauptbahnhof vom 10. Dezember 2012 übernommen. Zugleich hat sie das Bundeskriminalamt beauftragt, unter ihrer Leitung die Ermittlungen zu führen. Es liegen nunmehr aus Sicht der Karlsruher Behörde „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich bei dem Geschehen um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikalislamistischer Prägung handelt“.

Reinhard Müller Folgen: Reiner Burger Folgen:

Demnach habe am 10. Dezember gegen 13 Uhr ein Mann eine Sporttasche mit einer zündfähigen Sprengvorrichtung auf dem Bahnsteig eins des Bonner Hauptbahnhofs abgestellt. Die Bombe bestand nach bisherigen Erkenntnissen aus einem ungefähr 40 Zentimeter langen Metallrohr, das zündfähiges Ammoniumnitrat enthielt und mit vier Druckgaspatronen umwickelt war, sowie einem Wecker und verschiedenen Batterien, die als Zündvorrichtung dienen sollten. Noch sei unklar, warum der Sprengsatz nicht detonierte. Es gebe „belastbare Hinweise“ dafür, so die Bundesanwaltschaft, dass die verdächtige Person über Verbindungen in islamistische Kreise verfüge. Deshalb bestehe der Anfangsverdacht, dass sie als Mitglied einer terroristischen Vereinigung einen Sprengstoffanschlag verüben wollte.

Wie diese Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhr, wurde die Bombe, die von der Bundesanwaltschaft als „höchst gefährlich“ eingestuft wurde, offenbar gezündet, ohne danach zu detonieren. Offiziell teilte die zuständige Kölner Polizei allerdings mit, es handle sich dabei lediglich um eine von mehreren Ermittlungsthesen, „die zur Verifizierung weiterer Untersuchung der Spezialisten des Landeskriminalamts bedarf“. Unterdessen berichtete der WDR, der Sprengsatz sei offenbar fehlerhaft konstruiert gewesen.

Die Bombe sei aus sicherer Entfernung gezündet worden, berichtete der WDR. Dass sie dann nicht explodiert sei, habe möglicherweise daran gelegen, dass die Täter eine Glühbirne statt eines sogenannten Boosters zum Zünden verwendet hätten. Diese Zeitung erfuhr aus Sicherheitskreisen dagegen, dass die Bombe keinesfalls aus der Ferne gezündet worden ist. Der Sprengsatz habe einen Zündmechanismus mit der Glühbirne eines Weckers gehabt und keinen Fernzündemechanismus. Es habe sich um einen Zeitzünder gehandelt. Derzeit sprächen Indizien wie der niedrige Ladestand der Batterien und Schmauchspuren dafür, dass gezündet wurde. Doch wird der verwendete Mechanismus als „nicht professionell“ eingeschätzt. Hätte der Sprengsatz einen professionellen Zündmechanismus gehabt, wäre der Sprengsatz nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen auch detoniert. Es hätte demnach zu einer verheerenden Explosion kommen können. Die Zeitung „Tagesspiegel“ berichtete, der Sprengsatz passe von seiner Machart zu einer Bombenbauanleitung der Terrororganisation Al Qaida.

Polizei sucht zweiten Tatverdaechtigen nach Bonner Bombenfund Die Videosequenz aus der Überwachungskamera eines Schnellrestaurants im Bonner Hauptbahnhof. © dapd Bilderstrecke 

Videosequenz bisher einzige heiße Spur

Einen Bericht des WDR, wonach die Ermittler mittlerweile nach mindestens drei Tatverdächtigen suchen, wies die Kölner Polizei zurück. Man suche zwar nach einem dritten Mann. Bei ihm handele es sich aber um einen wichtigen Zeugen, der eine Bahn-Mitarbeiterin am Montag kurz vor 13 Uhr auf eine herrenlose blaue Tasche aufmerksam machte. Die Tasche, in der sich die Bombe befand, war nach bisherigen Erkenntnissen auf Bahnsteig Eins des Bonner Bahnhofs zwei Jugendlichen von einem dunkelhäutigen Mann abrupt vor die Füße geschoben worden.

Die bisher einzige heiße Spur der Ermittler in dem Fall ist nach wie vor eine Videosequenz aus der Überwachungskamera eines Schnellrestaurants im Bonner Hauptbahnhof. Auf den Bildern ist um 12.48 Uhr ein hellhäutiger Mann mit der blauen Tasche zu sehen. „Ob die beiden, der Dunkelhäutige und der Hellhäutige, in irgendeiner Beziehung zueinander stehen, ist ebenso noch völlig offen wie die Frage, ob eine Übergabe der Tasche stattfand“, sagte ein Polizeisprecher dieser Zeitung. Bei der Polizei seien mehr als 300 Hinweise eingegangen. Darüber hinaus werteten mehr als 20 Ermittler rund 50 Terabyte Videomaterial aus.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Razzien Belgische Polizei verhaftet Terrorverdächtige

Die belgische Polizei hat zwei Angehörige einer Gruppe verhaftet, denen Beteiligung an Aktivitäten einer terroristischen Gruppe als Täter und Mittäter vorgeworfen wird. Zu möglichen Anschlagsplänen wollten sich die Ermittler nicht äußern. Mehr

25.06.2016, 21:41 Uhr | Politik
Belgien Kein Sprengstoff-Fund bei Festnahme in Brüssel

Bombenalarm am Dienstagmorgen in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Die Polizei hatte in der Nähe eines Einkaufszentrums einen Mann festgenommen. Zunächst hieß es, es bestehe der Verdacht, dass er eine Bombe mit sich führe. Später hieß es aus Sicherheitskreisen, bei dem Festgenommenen sei kein Sprengstoff gefunden worden. Mehr

21.06.2016, 12:38 Uhr | Politik
Anschlag auf Sikh-Tempel Terrorplanung bei Whatsapp

Hinter dem Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel soll ein ganzes Netz dschihadistischer Jugendlicher gestanden haben. Die Opposition fragt: Brauchen Extremisten nur eine Whatsapp-Gruppe, um unbeobachtet zu sein? Mehr Von Reiner Burger, Düsseldorf

29.06.2016, 20:07 Uhr | Politik
Türkei Aufräumen nach Anschlag auf Flughafen Istanbul

Am Flughafen von Istanbul haben die Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Selbstmordanschlag begonnen. Am Dienstagabend hatten drei Männer im Flughafen das Feuer eröffnet und sich nach Schusswechseln mit der Polizei in die Luft gesprengt. Internationale Ermittler mutmaßen, dass die Extremistenmiliz Islamischer Staat hinter dem Anschlag steckt. Mehr

30.06.2016, 08:28 Uhr | Politik
Terrorverdächtiger Halil D. Was ist das für einer?

Vor rund einem Jahr konnte nahe Frankfurt der erste islamistisch motivierte Bombenanschlag in Deutschland gerade noch verhindert werden: Davon sind die Ermittler weiterhin überzeugt. Die Richter nicht mehr. Mehr Von Helmut Schwan

30.06.2016, 12:48 Uhr | Rhein-Main

Die unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins

Von Berthold Kohler

Boris Johnson begeht Fahnenflucht, weil er weiß, dass er seine Versprechen nicht halten kann. Doch könnte auch dieser Offenbarungseid sein Gutes haben. Mehr 195