http://www.faz.net/-gpf-750fz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.12.2012, 15:54 Uhr

Bonner Bombenalarm Salafismus und Terror in Deutschland

Sicherheitsbehörden halten gewaltbereite Salafisten seit einiger Zeit für willens, Terroranschläge in Deutschland zu begehen. Die beiden vorübergehend festgenommen Männer zählen zu einer Szene, die auf etwa 4000 Personen geschätzt wird.

von , Berlin
© dapd Nach dem Bombenalarm: Einsatzkräfte des Landeskriminalamts durchsuchen die Gleise des Bonner Hauptbahnhofes.

Die Bewertung der Bonner Vorgänge dauert noch an. Derzeit ist ungewiss, ob tatsächlich radikale Islamisten für die Bombenkonstruktion auf dem Hauptbahnhof verantwortlich sind. Den Bonner Salafisten war zumindest auf Anhieb nichts nachzuweisen. Die Sicherheitsbehörden halten gewaltbereite Salafisten aber seit einiger Zeit für willens, Terroranschläge in Deutschland zu begehen.

Peter Carstens Folgen:

Dass dafür auch Züge und Bahnhöfe in Betracht kommen, ist klar seit dem Anschlagsversuch auf Regionalzüge, der 2006 nur am technischem Unvermögen der inzwischen verurteilten Terroristen scheiterte. Die beiden jetzt vorübergehend festgenommen Männer zählen zu einer Szene, die auf etwa 4000 Personen geschätzt wird. Deren Anhänger gelten als kompromisslose Verfechter eines rückschrittlichen Islam und lehnen jede Fortentwicklung der Lehren Mohammed aus dem Laufe der vergangenen Jahrhunderte ab.

Nach einer Faustregel der Sicherheitsbehörden sind nicht alle Salafisten auch Terroristen. Aber alle Terrorverdächtigen aus den vergangenen zehn Jahren hatten jeweils auch Kontakt zu salafistischen Strömungen. Nach dieser Theorie sammelt der Salafismus potentielle Gewalttäter. Einige Radikale werden zur religiösen Unterweisung, aber auch zur Terrorausbildung ins Ausland geschickt, beispielsweise nach Pakistan, Ägypten oder Somalia. Die Behörden versuchen solche Ausreisen inzwischen zu unterbinden. Das ist auch den beiden Anfangsverdächtigen Omar D. und Abdirazak B. widerfahren, die 2008 aus einem startbereiten Flugzeug geholt wurden. Dennoch geht man davon aus, das etwa fünfzig Personen diesen Weg genommen haben und sich nach entsprechender Ausbildung wieder in Deutschland befinden.

In kleinen Gruppen organisiert

Organisiert sind die Salafisten in kleinen Gruppen. Der Bundesinnenminister hat im Juni den Solinger Salafisten-Verein „Millatu Ibrahim“ verboten und gegen zwei weitere Gruppen vereinsrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet, nämlich gegen das „Missionierungsnetzwerk DawaFFM“ und den Kölner Verein „Die wahre Religion“. Ein Teil der Gruppe, darunter der mutmaßliche Gründer und Leiter Mohamed Mahmoud, hält sich derzeit in Ägypten auf. Von Anhängern der Gruppe wurde per Videobotschaft zum Terror aufgerufen.

So kündigte der Gefolgsmann Dennis C., als Rapper früher unter dem Namen Deso Dogg bekannt, im September per Video an: „Wir werden den Dschihad in eure Länder bringen“. Auffällig bei den gegenwärtigen Äußerungen von Behörden und Ermittlern ist das Bestreben, voreilige Tatzuschreibungen zu vermeiden. Zu begründen ist das mit einer früheren Einseitigkeit der Ermittler, die deshalb bei den Serienmorden der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle jahrelang die wahren Tathintergründe verkannt hatten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bericht des Verfassungschutzes Deutlicher Zuwachs in Berlins Salafistenszene

Die Zahl der Salafisten in der Hauptstadt ist dem Berliner Verfassungsschutz zufolge auf mehr als 700 gestiegen. Außerdem äußert der Dienst Zweifel am Tod des deutschen IS-Kämpfers Denis Cuspert. Mehr

15.06.2016, 15:19 Uhr | Politik
Berlin De Maizière: Weniger deutsche Dschihadisten brechen nach Syrien auf

Auf der OSZE-Anti-Terror-Konferenz in Berlin sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, dass aus Deutschland nicht mehr so viele Islamisten aufbrechen, um sich der Extremistenmiliz IS anzuschließen. Mehr

31.05.2016, 16:11 Uhr | Politik
Krawalle bei der EM Wie kamen deutsche Hooligans ins Stadion?

Beim ersten EM-Spiel des deutschen Teams sollen polizeibekannte Rechtsextremisten im Stadion gewesen sein – mit offiziellen Tickets des Fanclub Nationalmannschaft. Die Angst vor Ausschreitungen wächst. Mehr

14.06.2016, 13:35 Uhr | Sport
Belgien Kein Sprengstoff-Fund bei Festnahme in Brüssel

Bombenalarm am Dienstagmorgen in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Die Polizei hatte in der Nähe eines Einkaufszentrums einen Mann festgenommen. Zunächst hieß es, es bestehe der Verdacht, dass er eine Bombe mit sich führe. Später hieß es aus Sicherheitskreisen, bei dem Festgenommenen sei kein Sprengstoff gefunden worden. Mehr

21.06.2016, 12:38 Uhr | Politik
Osmanen und Lions Rocker marschieren auf

Die Polizei hat einen möglichen Kampf zwischen zwei Rockergruppen verhindert. Die türkischen Osmanen und die kurdisch geprägten Lions wollten wohl einen länger schwelenden Konflikt austragen. Mehr Von Katharina Iskandar, Frankfurt

23.06.2016, 08:12 Uhr | Rhein-Main

Spanien hat die Brexit-Signale gehört

Von Leo Wieland

Der erwartete Sieg der Linkspopulisten ist ausgeblieben. Die Traditionsparteien haben bei den Wahlen in Spanien die Oberhand behalten. Ein Glück für Spanien – und möglicherweise Folge des Brexit. Mehr 4