Schon die schiere Größe des Gebäudes suggeriert Macht. Hinter 14.000 Fenstern verbirgt künftig der deutsche Auslandsgeheimdienst sein Wissen. Mit viertausend Mitarbeitern lenkt von hier aus der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) verdeckte Operationen in aller Welt, beschafft der Bundesregierung Wissen über Terrorgruppierungen oder geheime Atomwaffenprogramme.
Im größten Neubau der deutschen Nachkriegsgeschichte analysiert der Dienst regionale und weltpolitische Strömungen und bereitet die jeweilige Bundesregierung auf globale Veränderungen vor, von hier aus suchen und finden die Agenten des Dienstes deutsche Geiseln im Ausland und erfahren, was Potentaten im Schilde führen.
Soweit die geplante Zukunft. Doch der Alltag auf der Großbaustelle an der Berliner Chausseestraße wird derzeit geprägt von Baupfusch, Kostensteigerungen und Verschiebungen des Fertigstellungstermins. Man kennt so etwas bereits vom Berliner Großflughafen. Aber hier kommt zur gigantomanischen Planung für eine Brutto-Grundfläche von 260000 Quadratmetern, auf denen beispielsweise 135000 Kubikmeter Beton und 20000 Kilometer Lichtwellenleiter verbaut werden, noch eine ziemlich sagenhafte Geheimniskrämerei hinzu.
Eigentlich sollte der Neubau des BND in Berlin etwa 730 Millionen Euro kosten. Inzwischen ist man bei mindestens 811 Millionen. Die Gesamtkosten werden offiziell mit 1,3 Milliarden Euro beziffert. Manche, wie der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach, schätzen, das Gesamtprojekt werde an die zwei Milliarden Euro verschlingen. Ziel des Umzuges soll es sein, den Auslandsnachrichtendienst aus dem idyllisch-abgelegenen Münchener Süden in die Nähe der „Bedarfsträger“ in Regierung und Parlament zu bringen. Viele BND-Mitarbeiter standen anfangs dem Vorhaben skeptisch bis feindselig gegenüber.
BND wird nur Mieter sein
Inzwischen sind in der BND-Außenstelle am Gardeschützenweg in Berlin-Lichterfelde, einer ehemals preußischen Kaserne, und anderen, geheimen Orten in Berlin bereits etwa 2000 Mitarbeiter stationiert. Manche sagen, das seien die jungen, aktiven. Andere behaupten, ein Großteil der Kernkompetenz des BND sei noch immer in Pullach versammelt. Die Auseinandersetzung war auch ein Glaubenskrieg zwischen dem bayerisch geprägten Sowjetabwehr-Dienst und der modernen Nachrichten-Dienstleistungsfirma in der Bundeshauptstadt. Der Konflikt geht dem Ende zu mit einem typisch bundesrepublikanischen Kompromiss: Nicht „Entweder-oder“ sondern „Entweder-und-oder“: Beide Standorte bleiben erhalten.
Der Umzug aus der ehemaligen Nazi-Liegenschaft in Pullach bei München sollte 2013 stattfinden. Als der Beschluss im Jahr 2003 fiel, war man noch von einem Gesamtumzug ausgegangen. Nun werden - der damalige Kanzleramtsminister de Maizière (CDU) hatte das der CSU zugestehen müssen - doch tausend Mitarbeiter in Bayern verbleiben. Die riesige Alt-Liegenschaft, die mit 65 Hektar und etwa sechzig Gebäuden inmitten einer sehr gefragten Wohngegend liegt, wird nicht etwa aufgeteilt und verkauft, sondern umgerüstet zum „Technischen Aufklärungszentrum“.
Beim Neubau in Berlin ist nicht der Bundesnachrichtendienst selbst Bauträger und Bauführender, sondern die „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“ (Bima) sowie das „Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Der BND wird nur Mieter sein. Die bundeseigenen Verwaltungskomplexe haben mehrere Architektenbüros und Dutzende Einzelfirmen mit dem Bau beauftragt. Begleitet wird das Vorhaben nicht nur von einzigartigen Kosten, sondern auch von extremen Sicherheitsvorkehrungen, die von der kameragestützten Raumüberwachung auf und über der Baustelle und drumherum bis zur Einzelüberwachung der Bauarbeiter reicht.
16.000 verschwundene Einzelbaupläne
Diese Maßnahmen haben allerdings weder verhindert, das Dutzende Baupläne von der Baustelle verschwanden, noch vereitelt, dass es einer Lüftungsfirma gelang, etliche Kilometer angeblich mies verarbeiteter Bauteile zu verlegen, die nun komplett wieder ausgebaut und ersetzt werden müssen. Der Auftrag, der etwa 10 Millionen Euro umfasste, wurde inzwischen neu vergeben und auf mehrere Dutzend Firmen aufgeteilt. Die ausgebauten, nach Ansicht der Bauleitung fehlerhaften Teile werden nun in drei angemieteten Hallen gelagert, als Beweismittel für einen zu erwartenden Gerichtsprozess.
Allein diese Panne - es handelt sich um etwa zwölf Kilometer Lüftungsrohre, die beispielsweise in jede Toilette verlegt wurden - verursachte monatelange Bauverzögerungen, weil etwa die Waschräume nicht gekachelt werden können, ehe dahinter die Lüftung installiert ist. Für großen Ärger sorgte außerdem im vergangenen Jahr das Verschwinden einiger der etwa 16000 Einzelbaupläne. Bis heute gibt es unterschiedliche Angaben darüber, ob es sich um Bauzeichnungen sicherheitsmäßig uninteressanter Teile der Gebäude handelte, oder doch um Pläne, die für ausländische Nachrichtendienste von Interesse sein könnten. Die Vielzahl der Einzelblätter war auch aus Sicherheitsgründen erstellt worden, um etwaigen Dieben nur winzige Puzzelsteine zu liefern. Allerdings führt die Kleinteiligkeit der Planungsunterlagen auch dazu, dass Architekten, Ingenieuren und Handwerkern mitunter der Gesamtüberblick fehlt. Was wiederum zu Bauproblemen führt.
Doch die sollen irgendwann, nach heutigem Stand Ende 2015, alle gelöst werden. Zu welchen Kosten auch immer. Dann beginnt das große Umziehen. Dafür wurde bereits eigens eine BND-Abteilung UM (Umzug) mit fünfzig Mitarbeitern gegründet, die der Abteilungsleiter Kai Croppenstedt leitet. Mit einem „Pilot-umzug“ soll es Ende 2014 beginnen. 400 Berliner Mitarbeiter werden in der Chausseestraße einziehen. Es folgen dann ab Anfang 2015 neun Teilumzüge im Abstand von jeweils vier Wochen. Ziel sei es, so heißt es beim BND, trotz des Umzuges jederzeit arbeitsfähig zu bleiben. Die Mitarbeiter sollten freitags ihren alten Arbeitsplatz verlassen und am Montag im Berliner Neubau in einem der Büros ihre Geheimsachen wieder vorfinden, einen der achttausend Computer einschalten und da weiterarbeiten können, wo sie vor dem Wochenende aufgehört hatten.
Bis es soweit ist, werden Mitarbeiter mittels eines „Change Managements“ auf den Ortswechsel schonend vorbereitet. Das heißt, sie werden von der Umzugsabteilung über die Baustelle geführt, man macht sie vertraut mit den Berliner Besonderheiten bei Kita, Schule und Wohnungssuche. Besondere Zuwendungen, wie sie seinerzeit noch die Bonner Beamten erhielten, wird es für die Pullacher nicht geben. Gleichwohl ist die Skepsis im BND mittlerweile einer vorsichtigen Vorfreude gewichen. Inzwischen, so klagte der BND-Präsident Schindler kürzlich, haben die ersten jungen Mitarbeiter gar gekündigt, weil ihnen der bei ihrer Einstellung versprochenen Umzug in die Hauptstadt durch die Bauverzögerungen nun zu lange dauert.
Nicht erst seid dem schreddern von Akten...
Robert Bendix (1.Senator)
- 19.08.2012, 21:07 Uhr
Wäre der "größte Neubau der deutschen
Nachkriegsgeschichte" in Pullach
Closed via SSO (MELLIN)
- 19.08.2012, 15:34 Uhr
Die Verzögerungen sind kein
Manfred Nerlinger (Kah7)
- 19.08.2012, 14:11 Uhr
Und vermutlich ist die Hälfte der Kostenüberschreitungen durch
absurde Bauvorschriften
Alex Merck (AlexM3)
- 19.08.2012, 13:20 Uhr
Typische Parteipolitik.....
wolf haupricht (emilgilels)
- 19.08.2012, 12:54 Uhr