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Björn Höcke : Ausbreiter und Platzhalter

  • -Aktualisiert am

Björn Höckes Aussagen über Reproduktionsstrategien sind weithin als biologischer Rassismus bewertet worden. Bild: Daniel Pilar

Björn Höcke hat die AfD in der Hand. Macht er so weiter wie bisher, kracht es. Hindert man ihn, vielleicht noch mehr. Ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn ist im Sommer schon gescheitert.

          Björn Höcke muss jetzt wieder eine Weile vorsichtig sein. Das erkennt man beispielsweise daran, wie er über seine Partei spricht, die AfD. Als er am vergangenen Donnerstag beschreiben wollte, was sie ist, bediente er sich noch des Original-Höcke-Sounds: „Für mich ist die AfD die letzte evolutionäre Chance für dieses Volk. Unsere Substanz wird aufgezehrt in allen Bereichen.“ Wird sie vertan, muss also mit der Revolution gerechnet werden? Wie sonst soll man den Satz verstehen? Höcke prophezeite so oder so ein „Tal der Tränen“, durch das die Deutschen müssten, bevor die AfD den demokratischen Rechtsstaat rette.

          Am Freitagnachmittag autorisierte seine Sprecherin das Zitat, allerdings auf Wunsch von Höcke mit einer Ergänzung. Die Ergänzung klang, als hätte ein Fluss sie tausend Jahre lang glatt und rund geschliffen: „Die AfD ist eine moderne liberal-konservative Partei. Sie füllt die Lücke, die eine sozialdemokratisierte Merkel-Union hinterlassen hat. Wir wollen auch diejenigen wieder für die Politik gewinnen, die sich in den letzten Jahren abgewandt haben, weil sie die Ideen der AfD im politischen Angebot vermissten.“

          In der Zeit, die zwischen den beiden Zitaten verging, hatte der Bundesvorstand der AfD über Höcke beraten. Oder vielmehr heftig gestritten. Frauke Petry, die Bundesvorsitzende, wollte Ordnungsmaßnahmen gegen Höcke durchsetzen, und zwar aus Anlass einer Behauptung, die der kürzlich bei einem Vortrag aufgestellt hatte: Europäer und Afrikaner verfolgten unterschiedliche Reproduktionsstrategien.

          Afrikaner folgen nach Höcke der von Biologen so genannten r-Strategie (Ausbreitung), die beispielsweise Ratten zugeordnet wird.

          Afrikanern hatte er die von Biologen so genannte r-Strategie zugeordnet. Europäer folgten nach Höcke der K-Strategie. In der englischsprachigen Wikipedia wird diese „r/K selection theory“ mit zwei Fotos illustriert, die wir hier zeigen. Ratten repräsentieren demnach die r-Strategie, Wale die K-Strategie. Höckes Aussage war weithin als biologischer Rassismus bewertet worden.

          Wale verfolgen die K-Strategie (Platzhalter-Strategie), die Höcke Europäern zuordnet.

          Petrys Plan scheiterte an der Mehrheit der Vorstandsmitglieder. Die Parteiführung rang sich nur zu einer dürren Pressemitteilung durch. Höcke solle prüfen, „inwieweit seine Positionen sich noch in Übereinstimmung mit denen der AfD befinden“. Aber warum eigentlich soll sich Höcke um Übereinstimmung mit der AfD bemühen - und nicht umgekehrt?

          Björn Höcke ist formal bloß Landes- und Fraktionschef seiner Partei in Thüringen, das gerade mal 2,2 Millionen Einwohner hat (plus herrliche Bratwürste). Aber zugleich ist er ein enorm populärer Mann in der AfD, man könnte sogar in der zum Dezember-Ende hin üblichen Ranking-Sprache sagen: der Aufsteiger des Jahres. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass Höcke gut reden kann. Ein weiterer, dass er sich gut rausreden kann. Und ein dritter, dass er, wenn es drauf ankommt, das eine nicht ohne das andere tut.

          Das ist der Trick, den Höcke seit Jahren erfolgreich anwendet. Und in letzter Zeit immer öfter. In der vergangenen  Woche erreichte die Show ihren vorläufigen Höhepunkt: Höcke verwandelte den Skandal um seine Rede in einen Flügelstreit der AfD, an dessen Ende er als Sieger glänzen könnte. Wie er das geschafft hat, ist typisch für ihn.

          Gefährliche Fallen, hasenhafter Höcke?

          Donnerstagnachmittag, Termin bei Björn Höcke in seinem Erfurter Landtagsbüro. Draußen dunkelt es schon, letztes Gelb versickert im blauen Abendhimmel. Drinnen ist der Strom ausgefallen. Höcke zündet in der Sitzecke ein Adventslicht an. Warmer Kerzenschein fällt auf mindestens drei Deutschlandflaggen: eine sehr große hinter dem Schreibtisch, eine kleinere darauf, eine gemalte an der Pinnwand. Daneben, riesig, Bismarck.

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