14.04.2010 · Von dem verstorbenen Fuldaer Bischof Dyba hat der Augsburger Bischof Walter Mixa die Rolle des Lieblingsgegners des juste milieu in Medien und Politik übernommen. Es fehlt ihm aber dessen intellektuelle Brillanz.
Von Daniel DeckersCharmant, leutselig und trinkfest – in der Person des Augsburger Bischofs Walter Mixa hat der im Juli 2000 verstorbene Militärbischof Dyba schon vor zehn Jahren einen kongenialen Nachfolger gefunden. Mittlerweile steht der gebürtige Oberschlesier Mixa auch als streitbarstes Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz dem Fuldaer Erzbischof Dyba nicht mehr nach.
2007 zieh er die Pläne der damaligen Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU), die Zahl der Krippenplätze in der Bundesrepublik bis zum Jahr 2013 zu vervielfachen als „kinderfeindlich und ideologisch verblendet“. Das Wort von den Frauen, die zu „Gebärmaschinen“ degradiert würden, geht dem Bischof bis heute nach. Nicht anders ist es mit einer Äußerung über den Zusammenhang zwischen der Sexualisierung der Gesellschaft sowie der Medien und dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger: Die „sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde“, sei an dem weit verbreiteten Übel Kindesmissbrauch „sicher nicht unschuldig“, äußerte der Bischof Mitte Februar.
Vom Angreifer zum Verteidiger
Indes ist Mixa schon seit Wochen nicht mehr in der Rolle des Angreifers zu sehen. Nicht ganz freiwillig ist er zum Verteidiger geworden. Seit die „Süddeutsche Zeitung“ vorgibt, ihr lägen eidesstattliche Erklärungen mehrerer Personen vor, Mixa sei als Stadtpfarrer von Schrobenhausen zwischen 1975 und 1996 in einem von Schwestern geleiteten Kinderheim ihnen gegenüber wiederholt gewalttätig geworden, sieht sich Mixa als erster Bischof in Deutschland Verdächtigungen ausgesetzt, die mittlerweile in einem Atemzug mit sexuellen Übergriffen auf Kinder und Schutzbefohlene als Missbrauch bezeichnet werden – doch das nach Mixas Worten vollkommen zu Unrecht. „Gewalt zwischen Menschen lehne ich grundsätzlich ab“, bekundete der Militärbischof zu Ostern in der Zeitung „Bild am Sonntag“.
Andere Vorhaltungen hat der Bischof inzwischen eingestanden: Als Stadtpfarrer von Schrobenhausen hatte Mixa den Vorsitz des Stiftungsrates jener örtlichen Waisenhausstiftung inne, in deren Einrichtungen es nicht nur zu den Züchtigungen der Kinder gekommen, sondern in deren Buchführung es in den fraglichen Jahren zu finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll – mutmaßlich im Zusammenhang mit dem Ankauf von Möbeln und Antiquitäten, die ihren Platz in kirchlichen Räumlichkeiten fanden. Im Jahr 2000 – so ließ Mixa am Montag verbreiten – seien die meisten Gegenstände nach Eichstätte gebracht und alle finanziellen Angelegenheiten zwischen ihm und der Waisenhausstiftung geregelt worden: „Ich war immer in erster Linie Seelsorger und Priester. Dabei kann es schon sein, dass ich mich nicht akribisch um finanztechnische Fragen gekümmert habe“, hieß es in Augsburg.
Dieser Satz könnte rückblickend auch auf jene aufsehenerregende Aktion gemünzt sein, mit der Mixa Ende 2001 auf dem Balkan Schlagzeilen machte. Auf dem Flughafen von Skopje entdeckte der mazedonische Zoll am 29. Dezember etwa 400.000 Mark im Handgepäck des Militärbischofs. Nach eigener Darstellung hatte Mixa lediglich dem Bischof von Skopje eine Gefälligkeit erweisen wollen. Der habe mit Spenden aus Deutschland so sparsam gewirtschaftet, dass noch einiges für künftige Investitionen übrig geblieben war, das nun in Euro gewechselt werden musste. Das Devisenvergehen wurde auf diplomatischem Weg aus der Welt geschafft.
Ansonsten war es in den ersten Jahren recht ruhig um den Bischof von Eichstätt. Die Rolle des agent provocateur der Bischofskonferenz und des Lieblingsgegners des juste milieu in den Medien und der Politik füllte Dyba bis zu seinem frühen Tod allein aus. Mixa dagegen verfügt trotz des Doktortitels in Theologie bis heute nicht über die sprachlichen Fähigkeit und die intellektuelle Brillanz, mit der Dyba Freunde beeindruckte und Feinde provozierte.
Im Rampenlicht wollte er nie stehen
Wie im Fall des Kölner Kardinals Meisner, der sich oft auf die Sachkenntnis und die Dienste des Psychiaters Lütz verlässt, so wirken viele der gesellschaftspolitischen Einlassungen Mixa von Medienfachleuten wie dem Geschäftsführer der bistumseigenen Mediengruppe Sankt Ulrich und Konsultor des Päpstlichen Medienrates, Dirk Hermann Voß, verfasst. In Streitgesprächen hatte Mixa hatte mehr als einmal Mühe, seine schriftlichen Einlassungen im Ton zu wiederholen und in der Sache zu verteidigen. Dasselbe gilt für seine Stellungnahmen als Militärbischof.
Subtile ethische Differenzierungen und fundierte Darlegungen aus dem Stegreif zu Krieg und Frieden waren seine Sache nie. Mit seiner Warnung vor „fast blinder Nibelungentreue“ gegenüber den Vereinigten Staaten nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 und dem Krieg in Afghanistan machte sich Mixa kaum Freunde.
Mixas Ziel war es allerdings auch nie, im Rampenlicht der Medien zu stehen. Nachdem er 1993 in Augsburg als Nachfolger von Bischof Stimpfle nicht zum Zuge gekommen war, ernannte ihn Papst Johannes Paul II. im Februar 1996 zum Bischof der Nachbardiözese Eichstätt. Von dort würde der Weg vielleicht eines Tages nach München führen, wo die Tage von Kardinal Wetter im Jahr 2003 gezählt sein sollten. Um die Berufung nach München doch noch zu bewerkstelligen und sich in eine gute Position gegenüber weiteren Aspiranten auf diesen Sitz zu bringen, zeigte sich das kleine Bistum Eichstätt bei der Ausstattung der 2001 in Berlin eingeweihten Apostolischen Nuntiatur großzügiger als manch größere Diözese. Gleichzeitig machte Eichstätt mit einer nie dagewesenen Zahl von Priesterkandidaten von sich reden. Mixa zog „Berufungen“ an wie kaum ein anderer Bischof in Deutschland – und wechselte dazu die Leitung des Priesterseminars in Eichstätt so oft wie nirgendwo anders.
Einer der ehemaligen Leiter (Regenten) zieh den Bischof im Jahr 2002 öffentlich, „irrationale Solidarität zu Kandidaten“ aufgebaut zu haben, „welche sogar das Kirchenrecht als nicht tragbar“ bezeichne. Überdies habe sich der Bischof „von ihm abhängige Seminaristen“ gesucht, um sich über die Vorgänge im Seminar zu informieren. Auch in der Regentenkonferenz sorgte die jeder Regel widersprechende Kandidatenschwemme in Eichstätt und der direkte Umgang mancher Seminaristen mit Bischof Mixa für Stirnrunzeln. Doch in Rom schienen die Zahlen zunächst mehr Eindruck zu machen als die Personen, die hinter ihnen standen.
„Ich gehe davon aus, dass Bischof Mixa die Wahrheit sagt“
Dennoch kam Mixa in München nicht zum Zug. Als über den Sommer 2005 für das altbayerische Bistum in Augsburg ein Nachfolger des aus Altersgründen in den Ruhestand getretenen Benediktiner-Bischofs Dammertz ein Nachfolger gesucht wurde, schien dieses Amt einigen Strategen in Rom und Deutschland wie geschaffen für den aus dem Bistum Augsburg stammenden Mixa. Im Bistum Augsburg wollten viele hohe Kleriker diese Sicht – wie schon 1993 – nicht teilen. Eine Delegation fuhr nach Rom, um die Heimkehr des einstigen Stadtpfarrers zu verhindern. Die Möglichkeit, Mixa als Erzbischof von München zu verhindern, gab den Ausschlag.
Denn auch in Rom stand es um das Ansehen des Eichstätter Bischofs nicht zum Besten. Als Großkanzler der der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt reüssierte er im Zusammenwirken mit der Hochschulleitung nicht so, dass aus dem hässlichen Entlein der bayerischen Hochschullandschaft ein mittelprächtiger Schwan geworden wäre. Auch in dieser Hinsicht gilt der Satz, dass Mixa immer in erster Linie Seelsorger und Priester sein wollte. Die Krise der KU Eichstätt, die im vorgegangenen Jahr im Zuge der Suche nach einem neuen Präsidenten eskalierte und erhebliche finanziellen Unregelmäßigkeiten ans Licht brachte, hat eine ihrer Wurzeln in der Ära Mixa.
Auch personelle Ungeschicklichkeiten ließen und lassen manche Römer mit Mixa hadern. Als Bischof von Eichstätt berief er einen Eichstätter Priester, der an einem vatikanischen Gerichtshof Dienst tat, recht unvermittelt nach Bayern zurück. Alle Bitten aus Rom, den verdienstvollen Mann in römischen Diensten zu belassen, verhallten ungehört. Mixa brauchte einen Kirchenjuristen in Eichstätt. Vor zwei Jahren wiederholte sich dasselbe Spiel mit einem Augsburger Priester aus dem vatikanischen Staatssekretariat, den Mixa zurückbeorderte. Offiziell benötigte Mixa ihn als Ausländerseelsorger im Allgäu, de facto war der Mann Opfer einer vatikanischen Intrige geworden. Um seinen Verbleib hatte kein Geringerer als Kardinalstaatssekretär Bertone, der zweite Mann im Vatikan, gebeten.
Entsprechend verhalten klingen bislang auch alle Solidaritätsbekundungen mit dem Eichstätter Bischof: Er glaube den Versicherungen des Bischofs, niemals Gewalt angewandt zu haben, äußerte namens der Deutschen Bischofskonferenz deren Sekretär, der Jesuit Langendörfer. Der Vorsitzende, Erzbischof Zollitsch, rührte sich nicht. Der Diözesanrat des Bistums Augsburg wählte dieselbe Tonlage: „Ich gehe davon aus, dass Bischof Mixa die Wahrheit sagt“, ließ sich der Vorsitzende Mangold vernehmen. Nach dem Kirchenrecht wird Mixa noch sechs Jahre Bischof von Augsburg bleiben können. Nach Afghanistan ist er in dieser Woche nicht wie vorgesehen gefahren.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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