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Bericht der Kirche : Bischöfe fordern grundsätzliche Veränderungen

Im Zwielicht: Die katholische Kirche in Deutschland, hier der Dom in Osnabrück Bild: dpa

Mehr als 1000 katholische Geistliche sollen sich einem Bericht zufolge des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Deutsche Bischöfe zeigen sich entsetzt angesichts des Ausmaßes.

          In Predigten, Briefen an die Gläubigen, Schreiben an die Mitarbeiter und auch Videobotschaften haben sich am Wochenende zahlreiche katholische Bischöfe erschüttert und beschämt über das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Kirche geäußert. „Tief bedrückt, erschüttert und beschämt sind wir von der Realität sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der katholischen Kirche“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. „Es werden Zahlen genannt, die fassungslos und betroffen machen“, schrieb der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Am weitesten ging der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Im Vorgriff auf eine von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie, die in der kommenden Woche vorgestellt werden soll, schrieb der Geistliche, es gebe „alarmierende Hinweise, dass einige Vorstellungen und Aspekte unserer katholischen Sexualmoral sowie manche Macht- und Hierarchiestrukturen sexuellen Missbrauch begünstigt haben und immer noch begünstigen“. Darüber müsse in der Kirche „offen und angstfrei gesprochen werden“.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          In der vergangenen Woche war aus einer Zusammenfassung der Studie vorab berichtet worden, dass sich in Deutschland zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1670 Geistliche 3677 sexueller Vergehen an vorwiegend männlichen Minderjährigen und Schutzbefohlenen schuldig gemacht hätten. Diese Zahl steht allerdings unter erheblichen Vorbehalten, die bei der Vorstellung der Studie deutlich gemacht werden sollen. So konnten die Wissenschaftler nur jene Informationen auswerten, die seitens der Bistumsverwaltungen nach einem einheitlichen Schema in den vorhandenen Personalakten enthalten sind. Die nunmehr bekanntgewordenen Zahlen markieren daher nur die untere Grenze. Nach aller Erfahrung, etwa aus Untersuchungen in den Vereinigten Staaten, dürfte das sowohl hinsichtlich der Täter wie der Opfer nach aller Erfahrung erheblich größer sein als das Hellfeld.

          Auch vor diesem Hintergrund versicherte Marx am Wochenende: „Wir stehen an der Seite der Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Das ist unsere bleibende Verpflichtung.“ Die Studie trage dazu bei, den Blick noch einmal zu schärfen. „Wir werden darüber in der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda sprechen und uns fragen, was daraus folgt“, kündigte der Kardinal an. In sehr persönlich gehaltenen Worten wandte sich der Kölner Kardinal Woelki an die Gläubigen wie an die kirchlichen Mitarbeiter im Erzbistum Köln. „Es werden Zahlen genannt, die fassungslos und betroffen machen – zuallererst die, die direkt oder indirekt Leid erlitten haben, aber auch in besonderer Weise Sie, die Sie im Dienste der Kirche stehen“, schrieb Woelki den Mitarbeitern. Ihnen wie allen Gläubigen versicherte der Kardinal, er werde „auch weiterhin für die Aufklärung jedweden Missbrauchs- und jedweden Vertuschungsverdachts sorgen und alles dafür tun, den bereits beschrittenen Weg der Präventionsmaßnahmen mit aller gebotenen Konsequenz weiterzugehen“.

          Für die Kirche, so Woelki, beginne nun eine Zeit der Buße. Dazu gehöre es, sich die Fehler der Vergangenheit einzugestehen, sich öffentlich zu diesen zu bekennen, zu bereuen und umzukehren. „Dieser Weg wird schmerzhaft, aber es gibt dazu keinerlei Alternative, wenn wir wirklich das Leid derjenigen zum Maßstab unseres Handelns machen wollen, die unter dem Missbrauch durch Geistliche gelitten haben, und wenn wir verhindern wollen, dass es in Zukunft noch mehr Betroffene gibt.“ Für diesen Montag hat Woelki alle derzeitigen und vormaligen Personalverantwortlichen des Erzbistums Köln einbestellt.

          „Eine radikale Form der Selbstkritik“

          Noch deutlicher wurde der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. „Die Studie bescheinigt unserer Kirche ein großes Versagen, weil viele Verantwortliche zu wenig oder nichts getan haben, um Verbrechen zu verhindern, aufzudecken, aufzuklären und zu ahnden“, hießt es in einem Schreiben an die Mitarbeiter. Overbeck bekundete Verständnis für den Zorn, der der Kirche entgegenschlage: „Gerade in früheren Jahrzehnten haben viele Katholiken manche sexualmoralischen Forderungen als überzogen, belastend und bedrängend erlebt. Umso schrecklicher ist es dann, wenn sich im Rückblick zeigt, in welch einem Ausmaß Amtsträger unserer Kirche moralisch versagt haben.“

          Mit Blick auf die bislang nicht einmal allen Bischöfen vorliegende Studie versicherte Overbeck, er werde sich entschieden dafür einsetzen, die Ergebnisse und die Empfehlungen der Wissenschaftler sehr ernst zu nehmen. Dazu gehörten die Enttabuisierung von Fragen der Sexualmoral wie die Analyse von Macht- und Hierarchiestrukturen in der Kirche, die den Nährboden für sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung bildeten. Ohne „grundsätzliche Veränderungen“ in der Kirche sei es wohl nicht getan.

          Ähnlich äußerten sich am Wochenende auch die Bischöfe von Passau, Berlin, Bamberg. Limburg, Speyer und Erfurt. Der Passauer Bischof Stefan Oster, der im kommenden Monat an der Weltjugendsynode im Vatikan teilnimmt, mahnte wie Overbeck „eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution“ an. In einer Videobotschaft, die insbesondere an Missbrauchsopfer gerichtet war, hieß es, man müsse auch über die Änderung der Sexualmoral oder die Abschaffung des Zölibats sprechen. Der neue Würzburger Bischof Franz Jung berichtete, der Umgang mit Missbrauch sei in den vergangenen Tagen auch bei dem Einführungskurs für neue Bischöfe in Rom angesprochen worden.

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