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Mangelnde Bildung : Rechtschreibung lehren!

Rechtschreibregeln nur, um sie zu kritisieren? Bild: dpa

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht das einzige Land, das immer mehr Grundschüler trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlässt. Die fatale Entwicklung begann in den siebziger Jahren. Ein Kommentar.

          Mecklenburg-Vorpommern ist nicht das einzige Land, das immer mehr Grundschüler trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlässt. Es gibt inzwischen kaum noch ein Land, das seine Grundschüler Diktate schreiben lässt. Rechtschreibung ist wie alle schriftlichen Leistungsfeststellungen in der Schule zugunsten der mündlichen Darstellungen in den Hintergrund getreten. Selbst beim Abitur spielen inzwischen Präsentationen und Powerpoints als Prüfungsgegenstand eine Rolle.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Diese fatale Entwicklung begann schon in den siebziger Jahren, als die hessischen Rahmenlehrpläne frech behaupteten, Rechtschreibregeln würden vor allem deshalb gelernt, um sie zu kritisieren. Das genügte, um das Interesse der Schüler zu lähmen. In der jüngsten Vergangenheit haben die Kultusminister viel getan, um einem Vergleich der Orthographiekenntnisse in den Ländern aus dem Weg zu gehen. Die letzten länderspezifischen Ergebnisse stammen aus dem Ländervergleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Jahr 2009. Damals standen aber nicht Grundschüler im Mittelpunkt der Studie, sondern die Frage, ob die Schüler die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss in Deutsch, Englisch und Französisch erreichen. Bezeichnenderweise lagen damals die durchschnittlichen Ergebnisse der Neuntklässler in Mecklenburg-Vorpommern deutlich unter denen des deutschen Mittelwerts.

          Direkter Vergleich vermieden

          Das ist ein Beleg dafür, dass es sich bei den Vergleichsarbeiten der dritten Klasse keineswegs um einen unrealistischen Wert handelt, sondern um ein Defizit, das mit dem vierten Schuljahr nicht behoben wird, geschweige denn mit den beiden darauffolgenden Jahren der sechsjährigen Grundschulzeit. Denn in allen Ländern mit sechsjähriger Grundschule konzentrieren sich die Lehrer auf den Fachunterricht und holen nicht mehr nach, was bis zum vierten Schuljahr an kulturellen Basistechniken nicht gelernt worden ist. Das ist in Berlin mit seiner sechsjährigen Grundschule nicht anders.

          Auch im Ländervergleich 2011, der die Bildungsstandards für die Grundschule testete, haben die Kultusminister ein aussagefähiges Ergebnis zur Rechtschreibfähigkeit erfindungsreich vermieden. Einige sozialdemokratisch regierte Länder hatten Bedenken und verhinderten den Test; sie werden schon gewusst haben, dass das Ergebnis nur blamabel ausfallen konnte. Offiziell wurde als Grund vorgeschoben, dass die Lehrmaterialien noch nicht fertiggestellt seien.

          Damals blieb es bei einer repräsentativen Stichprobe für ganz Deutschland. Auf die Rechtschreibkenntnisse in den einzelnen Ländern ließ sie keine Rückschlüsse zu. Insgesamt erreichten 64,3 Prozent der Viertklässler durchschnittliche Leistungen (Regelstandard), 12,6 Prozent aber nur das Minimum. Das glimpfliche Ergebnis haben die Kultusminister den Vorreitern Sachsen, Thüringen und Bayern zu verdanken. Sie heben den Durchschnitt. Der Gesamtbefund ist so nichtssagend wie politisch gewünscht.

          Dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit

          Im Herbst nächsten Jahres werden die Ergebnisse für die Sekundarstufe I an die Öffentlichkeit kommen. Dabei soll im Fach Deutsch auch die Orthographie eine Rolle spielen. Aber auch dann wird es sicher wieder Möglichkeiten geben, dem Ländervergleich für die Rechtschreibung aus dem Weg zu gehen.

          Auf ihrer nächsten Sitzung entscheiden die Kultusminister darüber, welche Themenbereiche beim Ländervergleich im Jahr 2016 für die Grundschule getestet werden sollen. Dazu zählt auch die Orthographie. Sollten sie den echten Vergleich und das genaue Hinsehen wieder verweigern, wird die Öffentlichkeit empirischen Bildungsstudien noch weniger trauen als ohnehin schon. Das wäre fatal. Nach der Pisa-Hysterie ist die Abneigung gegen die Vielzahl von Studien und die empirische Bildungswissenschaft so gewachsen, dass die Propheten unter den sogenannten Bildungsfachleuten, David Precht etwa und Gerald Hüther, inzwischen wie Heilsbringer herumgereicht werden.

          Ungetrübt von irgendeiner empirischen Forschung können sie so bizarre Thesen verbreiten wie diese: „Jedes Kind ist hochbegabt.“ Das kommt besonders gut an, weil dann eben alle hochbegabt sind. Der Erfolg der Bildungsgurus müsste die Kultusminister zutiefst beunruhigen, weil er ein Indiz für eine dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit ist, die sich ausbreitet. Ein vernünftiges Maß an empirischen Kenntnissen über die Schulwirklichkeit und vor allem das Können der Schüler ist dringend nötig.

          Außerdem muss der muttersprachliche Unterricht dringend gestärkt werden. In anderen Ländern, in Frankreich und in China zum Beispiel, wird die Landessprache mit bis zu zehn Unterrichtsstunden gelehrt. Es ist ein Unding, dass Lehrstühle für Deutsch im Anfangsunterricht an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten häufig mit Professoren besetzt werden, die weder ein Lehramtsstudium noch Staatsprüfungen, noch ein Referendariat, geschweige denn eine unterrichtspraktische Erfahrung vorweisen können. In jedem anderen ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Fach taugte das für einen Aufruhr, nur in der Pädagogik wird es einfach geduldet. So zufällig sind die Rechtschreibdefizite also nicht.

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