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Bildungsstreik Im Basislager des studentischen Protests

17.06.2009 ·  Vor allem unter Geisteswissenschaftlern ist der Unmut über den Bologna-Prozess weit verbreitet - auch bei den Professoren. Bachelor und Masters werden zu Schimpfwörtern. Timo Frasch hat sich den Protest in Heidelberg angeschaut.

Von Timo Frasch, Heidelberg
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Die streikenden Studenten in Heidelberg können froh sein, dass ihr Rektor Eitel heißt. Das macht manches einfacher: „Demokratie statt EITELkeit“ - so wirbt die Grüne Hochschulgruppe für die Senatswahl, die in der Woche der sogenannten Studentenstreiks stattfindet. Bernhard Eitel hat zu seinem eigenen Nachteil nach Angaben von Studenten in einer Sprechstunde geäußert, er sehe sich selbst als „Captain“ des Universitätsteams. Dass er das so oder so ähnlich gesagt hat, ist durchaus möglich.

Eitel, der von Haus aus Geograph ist, sagt nämlich auch: Vom Gipfel des Berges aus erkenne man den richtigen Weg besser als während des Anstiegs, und er meint damit offenbar sich und die Studenten. Er sagt das, als zu Beginn des Protests etwa vierzig junge Leute in gelben Streik-T-Shirts friedlich vor dem Hauptgebäude der Heidelberger Universität stehen. Sind das viele? Oder wenige? Sind sie das Sprachrohr der schweigenden Mehrheit, die sich angeblich wegen des Leitungsdrucks an der Universität nicht mehr engagieren kann, oder einer wehleidigen Minderheit, die Freiheit ruft und Freizeit meint? Der Professor aus Heidelberg, Paul Kirchhoff, scheint es auch nicht zu wissen und geht wortlos an den Studierenden vorüber.

Eine neue und vielfältige Studienlandschaft

„Captain“ also. Und „Gipfel“. Von da oben sieht man tatsächlich viel, man kann aber wenig hören, vor allem wenig von dem, was weiter unten passiert. Zum Beispiel hört man nicht, wie ein Politikstudent sagt, seit den Bologna-Reformen mit der Einführung von Bachelor und Master sei das Studium zum „Bulimie-Lernen“ verkommen: rein in den Kopf, raus aus dem Kopf, vornehm ausgedrückt. Man hört auch nicht, wie die Vorsitzende des Heidelberger Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) sagt, sie könne viele der Kritikpunkte der Kommilitonen nachvollziehen, halte es aber für sinnvoller, anstatt zu streiken, mit den verantwortlichen Politikern zu sprechen. Man hört nicht, wie sich die RCDS-Leute vom bildungspolitischen Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag distanzieren, der den Initiatoren der Streiks vorgeworfen hat, sie hielten andere von ihrer Ausbildung (nicht Bildung) ab. Und man hört nicht, dass die Protestierenden, von denen sich die meisten wohl als „links“ bezeichnen lassen würden, dem RCDS unterstellen, er habe Streikplakate mit dem Schriftzug „verschoben“ überklebt.

Vermutlich ist Eitel ganz froh, sich das nicht auch noch anhören zu müssen - zu viele andere Stimmen stören die Ruhe auf dem Gipfel: die Politik, die nicht nur nach Ansicht einiger Versprengter den Bologna-Prozess ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt hat; die Hochschulrektorenkonferenz, deren Präsidentin Wintermantel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abermals gesagt hat, dass durch Bologna „eine neue und vielfältige Studienlandschaft“ entstehe, „deren Potential noch gar nicht ganz erschlossen ist“; die Exzellenzinitiative, deren Gelder man sich in Heidelberg auch durch eine exzellente, das heißt in diesem Fall vor allem schnelle Umsetzung der Bologna-Reformen unbedingt sichern wollte (was gelang); schließlich die Wirtschaft, die ihre Interessen im Universitätsrat vertritt und deren Exponenten einst lauthals nach dem Bachelor krähten und nun die entsprechenden Absolventen nicht gerade mit Handkuss übernehmen.

Studiengebühren unsozial

Trotz dieses Stimmengewirrs bekräftigt Eitel, er habe ein offenes Ohr für die Studenten und unterstütze viele ihrer Anliegen. Ganz so ist es allerdings auch nicht. Studiengebühren etwa hält er für essentiell, die Protestierenden halten sie für unsozial. Er vergleicht die Universität mit einem Unternehmen, die Protestierenden hingegen lehnen das Denken ab, das sie hinter solchen Vergleichen vermuten. Mehr Transparenz will Eitel, demokratische Teilhabe die Protestierenden. Bologna zumindest sieht auch der Rektor - in Teilen - kritisch, vor allem die Umsetzung, für die aber hauptsächlich die einzelnen Fachbereiche, also nicht das Rektorat, verantwortlich seien. Als eines der größten Probleme nennt er schließlich, dass man von der Institution Universität wie auch von den Studenten immer mehr verlange, gar die Lösung aller möglichen gesellschaftlichen Probleme, ohne dafür in angemessenem Umfang Geld zur Verfügung zu stellen.

Bis zum Basislager vor dem Hauptgebäude scheinen Eitels Worte nicht durchgedrungen zu sein: Vielleicht 200 Studenten veranstalten am Dienstag einen sogenannten Flashmob in der Stadt. Einer mit Kapitänsmütze - er soll „Captain“ Eitel sein - hat sich ein Papierschiff um den Bauch geschnallt und winkt den Passanten in der Fußgängerzone gönnerhaft zu. Hinter ihm ducken sich die von der Universität Geknechteten, die von Sklaventreibern zur Arbeit geprügelt werden: „Ihr müsst schneller sein!“, rufen die, „Ihr verliert den Anschluss!“, oder: „Ihr lacht? Ihr habt wohl noch nicht genug Semesterwochenstunden!“ Nach ein paar Minuten meutern die Sklaven, verjagen den Kapitän - und suchen so tastend nach Wegen, um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu bekommen, ohne dabei lächerlich zu wirken.

Alles unterhalb eines Bombenanschlags

Dass das nicht einfach ist, kann man vor der Vollversammlung sehen, in der das Streikprogramm der Woche vorgestellt werden soll. Man habe keinen Hörsaal, ruft eine junge Studentin, da fange die Gängelei doch schon wieder an. Und dass sich noch recht wenige eingefunden hätten, sei doch eine Bestätigung dafür, dass Bologna die Studenten überfordere. Man kommt dann überein, ins Foyer des Hauptgebäudes am Universitätsplatz zu gehen. Es gebe zwei Möglichkeiten, ruft eine andere Studentin durch ein Babymegaphon: Entweder man bleibe im Foyer - Schweigen und Grummeln. Oder man übernehme einfach einen Hörsaal - Jubel, aber so, als würden sich die meisten der Johlenden von oben selbst beim Johlen zuschauen.

Man könne aber auch doch noch ein bisschen warten - höhnisches Gelächter, vor allem von solchen, die offensichtlich mit Protest an sich wenig anfangen können, aber doch alles unterhalb eines Bombenanschlags für Kinderkram halten. Schließlich landet man doch noch im größten Hörsaal mit gut 450 Plätzen, die fast alle besetzt werden. Auch zwei Dozenten sind gekommen, um sich solidarisch zu erklären. Einer von ihnen ist der Politikwissenschaftler Ulrich Thiele, der seine Habilitationsschrift über Carl Schmitts „tendenziöse Interpretation der Demokratietheorie der Aufklärung“ geschrieben hat. Er kennt sich aber auch mit Luhmann aus. Der würde heute nach Ansicht Thieles sagen, dass auch in der Bildungspolitik die Legitimation durch Verfahren ersetzt worden ist durch die Legitimation durch Output. Und nochmal mit Luhmann: „Das betriebswirtschaftliche System hat inzwischen alle anderen Systeme penetriert.“

Verständnis für die Studenten

Wenige Dozenten unterstützen die Studenten so offen wie Thiele, aber er sagt, die meisten seiner Kollegen, jedenfalls die Politikwissenschaftler, tolerierten die Studentenaktionen „mit mehr oder weniger verhohlener Sympathie“. „Es wäre ja auch paradox, wenn ausgerechnet wir politisches Engagement bestrafen würden.“ Tatsächlich scheinen nur die Naturwissenschaftler mit dem neuen System gut klarzukommen, was nach ihrer eigenen Einschätzung damit zusammenhängt, dass sie immer schon verschulter waren und nach Einschätzung manch anderer, dass ihnen mehr Geld für Assistenten zur Verfügung steht, die dann den Bürokratiewust bewältigen können.

Alle anderen scheinen Bologna zumindest für ein Problem zu halten. Der geschäftsführende Direktor des Philosophischen Seminars, Peter McLoughlin, der einst vor dem Bachelor aus Amerika nach Deutschland geflüchtet war, hat daher auch ohne Murren hingenommen, dass das Seminargebäude von Studenten „besetzt“ wurde, und sich selbst für alternative Veranstaltungen zur Verfügung gestellt.

Auch an der Pädagogischen Hochschule, die von Bologna nicht unberührt geblieben ist, gibt es Verständnis für die Studenten. Der Dekan der dortigen Fakultät für Kultur- und Geisteswissenschaften, Gerhard Härle, sagt, das Studium müsse die Möglichkeit bieten, sich auch einmal in einer Sache zu verlieren, um sich so selbst zu finden. Der Bachelor sehe das aber nicht vor: So wenig Zeit hätten die Studenten, dass es sogar schwer sei, überhaupt noch studentische Hilfskräfte zu finden. Härle sucht die Schuld aber nicht nur bei anderen. Auch die Professoren hätten Fehler gemacht, sagt er, sie seien oft schlecht auf die neuen Studienstrukturen vorbereitet gewesen, hätten zu lange geglaubt, sie könnten Bologna aussitzen. Bologna kam trotzdem.

Damoklesschwerter Bachelor und Master

Die Juristen wehren sich dagegen noch mit Händen und Füßen gegen die Damoklesschwerter Bachelor und Master, die über ihrem Staatsexamen schweben. Im Unterschied zu den Streikenden, die von der juristischen Fachschaft ausdrücklich nicht unterstützt werden, argumentieren sie allerdings eher mit der Exzellenz als gegen sie. „Warum sollten wir etwas ändern?“, sagt etwa der Dekan der Juristischen Fakultät, Christian Baldus. „Unsere Leute sind auch im Ausland äußerst gefragt, weil sie im Studium gelernt haben, unter großem Druck schnell Fälle auf jedem Rechtsgebiet zu bearbeiten.“ Studiendekanin Ute Mager fürchtet, dass mit Bologna der generalistische Anspruch der deutschen Juristenausbildung aufgegeben werden müsste: „Wir brauchen aber keine Juristen, die nur IT-Recht können und die dann hilflos sind, wenn es diese Technologie nicht mehr gibt.“

Es ist Dienstagnachmittag, kurz nach 15 Uhr. Jetzt soll die Stunde derjenigen schlagen, die sich von dem Umstand, dass die ganz großen Würfe in der Weltgeschichte meist danebengingen, nicht haben verdrießen lassen. Der Senat tagt öffentlich, muss öffentlich tagen, weil es um eine zwar marginale, aber doch Änderung der universitären Grundordnung geht. Die Studenten, die in den Saal geströmt sind, interessiert die Grundordnungsänderung allerdings überhaupt nicht: Sie wollen eine neue. In ihrem Entwurf heißt es: „Die Grundordnung und mit ihr sämtliche Gremien der Ruprecht-Karls-Universität sind nichtig.“ Maßgeblich beteiligt an der Ausarbeitung des Papiers war ein junger Doktorand der Diskurslinguistik, Friedemann Vogel, der keineswegs die Befürchtungen der Berliner FDP um das intellektuelle Niveau des „Bildungsstreiks“ nährt.

Entwurf der „neuen Grundordnung“

Erst was dann kommt, könnte die Sorgen der Freien Demokraten befeuern und Vogel Anregungen für seine Doktorarbeit geben: Rektor Eitel kommt in der Senatssitzung kaum zu Wort. Clowns, die ein bisschen 68 spielen, fuchteln hinter seinem Rücken mit Staubwedeln und Rätschen herum. „Rauchen ist hier untersagt“, muss Eitel rufen. Ein studentisches Senatsmitglied verlangt, den Punkt „Neue Grundordnung“ in die Tagesordnung aufzunehmen. Eitel lehnt ab, die Senatoren müssten sich erst mit dem Konzept auseinandersetzen. Er schlägt vor, die Studenten sollten aus ihrer Mitte einen Vertreter bestimmen, der ihre Anliegen dem Senat vorträgt. Das wiederum lehnen die Studenten ab. Und so weiter.

Schließlich verlässt der Rektor den Saal. Andere Senatsmitglieder folgen ihm, manche bestimmter, andere zögerlicher. Die Studenten bleiben und diskutieren erst einmal eine Viertelstunde ihr formales Vorgehen. Ein Barfüßiger hat sich zum Leiter der Debatte aufgeschwungen. Er spricht bestimmter, als er es Eitel zuvor erlaubt hat, und sagt, er fände es „ganz cool“, wenn man die Senatssitzung jetzt einfach fortsetze, schließlich sei ja praktisch eine „repräsentative Mischung“ der Studenten versammelt. Eine Studentin sagt, er solle sich nicht als „Demokrator“ aufspielen. Schließlich stellt einer den Entwurf der „neuen Grundordnung“ vor.

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