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Bildungspolitik : Grenzen der Inklusion

Inklusion: Eine präzise Diagnose ist die Voraussetzung einer gezielten Förderung Bild: dpa

Wer behinderte Kinder wirklich ernst nimmt, darf sie nicht leichtfertig zum Scheitern im Schulalltag verdammen, sondern muss erreichbare Ziele in jedem einzelnen Fall definieren. Doch das wollen die radikalen Befürworter der Inklusion nicht wahrhaben.

          Kaum ein Fall zeigt die Grenzen der schulischen Inklusion in solcher Schärfe wie der des Down-Kindes Henri. Die Eltern haben den verständlichen Wunsch, dass Henri mit seinen Freunden zur Schule geht, und sie wollten ihn erst auf das Gymnasium, dann auf die Realschule ihres Heimatortes schicken, obwohl sie zugeben mussten, dass er am Ende der vierten Klasse nicht einmal die Buchstaben wirklich beherrscht. Beide Schulen haben den behinderten Schüler abgelehnt, weil sie sich nicht in der Lage sahen, ihn in ausreichender Weise zu fördern.

          Die beiden harten Entscheidungen dürften dem Kindeswohl eher entsprechen als der ehrgeizige Wunsch der Eltern, für die Gemeinsamkeit der höchste Wert zu sein scheint. Das Nein der Schulen bewahrt Henri davor, sein eigenes Scheitern an jedem Schultag neu zu erleben und dann noch mit möglichen Ausgrenzungen oder dem puren Desinteresse der Mitschüler zurechtzukommen. Viele behinderte Schüler in Regelschulen machen diese Erfahrung. Manche von ihnen äußern schon in der ersten Grundschulklasse, sie wollten nicht mehr leben, weil ihre Schultage sie regelmäßig ins Unglück stürzen.

          Dass sich die Lehrer redlich um sie bemühen, ändert wenig an ihrem Unglück. Für einige von ihnen genügt es, für einige Zeit auf eine Förderschule zu gehen, um nach wenigen Monaten oder Jahren intensiver Förderung in die Regelschule integriert zu werden. Das gilt insbesondere für lernbehinderte oder sprachgestörte Kinder, die für begrenzte Zeit den Schutzraum einer Fördereinrichtung brauchen, um dann den Anschluss an eine Regelklasse zu gewinnen. Für sie ist die inklusive Beschulung nicht der Weg, sondern das Ziel.

          Aufgeladen mit überhöhten Ansprüchen

          Doch das wollen die radikalen Inklusionsbefürworter nicht wahrhaben. Sonderschulen oder Förderschulen werden von ihnen geradezu als totalitäre Einrichtungen gebrandmarkt. Längst haben sie dafür gesorgt, dass die Inklusion mit so überhöhten moralischen Ansprüchen, politisch-gesellschaftlichen Hoffnungen und pädagogischen Versprechen aufgeladen ist, dass die Befürworter einer schrittweisen Inklusion als Bremser oder Verhinderer dastehen.

          Die radikalen Inklusionsbefürworter tun so, als gäbe es nur die Alternative zwischen völliger Inklusion oder völliger Exklusion, was sich als realitätsfremd erweist, weil es einer differenzierten Gesellschaft der Moderne nicht entspricht. Sie empfinden es schon als herabsetzend, wenn die Behinderungen und Defizite eines Kindes klar beim Namen genannt werden. Doch eine präzise Diagnose ist die Voraussetzung einer gezielten Förderung.

          Die vorschnelle Abschaffung aller Förderschulen und Spezialeinrichtungen für bestimmte Störungen in Bremen und Hamburg hat die anderen Länder zu einer verlangsamten Gangart gebracht. In Berlin wird die Inklusion erst in der nächsten Legislaturperiode zum Schwerpunkt - aus Kostengründen -, auch in Baden-Württemberg fehlt das Geld. In anderen Ländern wie Rheinland-Pfalz tobt der Streit. Dort hat das Land in seinem Gesetzentwurf den Kommunen alle Kosten für die Inklusion aufgehalst. Die sind jedoch wild entschlossen, dagegen zu klagen. Die Kommunen verlangen von den Ländern, dass sie, dem Konnexitätsprinzip folgend, dafür aufkommen, weil die Kommunen schon den Ganztagsschulausbau und die Kindertagesstätten schultern mussten.

          Überforderte Lehrer

          Erschwerend kommt hinzu, dass Realschul- oder Gymnasiallehrer in ihrer Ausbildung bis vor wenigen Jahren nur rudimentäre pädagogische Kenntnisse erwarben und auf den Umgang mit behinderten Kindern nicht vorbereitet sind. Sie sind mit einer Diagnose und einer spezifischen Förderung dieser Kinder schlicht überfordert. Auch wenn jetzt Grundkenntnisse über die wichtigsten Behinderungen im Studium vermittelt werden, sind künftige Lehrer nicht in der Lage, das Spezialwissen früherer Förderlehrer nebenher zu erwerben und zum Wohle der Kinder im Schulalltag einzusetzen.

          Häufig genug stehen sie schon vor der schwierigen Aufgabe, jeden einzelnen Schüler der immer unterschiedlicher zusammengesetzten Klassen weiterzubringen. Es muss im Interesse der behinderten Kinder darum gehen, das Spezialwissen früherer Förderschullehrer zu bewahren, um sie in schwierigen Fällen zu Rate zu ziehen. Die Einrichtung von Förderzentren allein wird dafür nicht reichen. Die Integration eines Kindes steht und fällt auch mit der Zugehörigkeit eines Förderlehrers zum Kollegium.

          Wer behinderte Kinder wirklich ernst nimmt und an einer echten gesellschaftlichen Partizipation interessiert ist, muss auch von Bildungszielen reden, die für den jeweiligen Behinderten erreichbar sind. Doch die Bildungsstandards werden in vielen Inklusionsentwürfen rundheraus abgelehnt, was schlicht diskriminierend ist.

          Auch Menschen mit Defiziten haben ein Recht darauf, dass man sie fordert und nicht nur fördert und dadurch in der Abhängigkeit belässt. Sie wollen Selbständigkeit erfahren können, und sei es in noch so kleinem Rahmen. Nichts entmutigt sie mehr, als immer nur der Empfänger von Hilfe zu sein. Selbst einmal helfen zu können kann für sie eine echte Glückserfahrung sein.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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