03.02.2012 · Während Tausende von Lehrern keine feste Beschäftigung haben, fallen Millionen von Unterrichtsstunden aus. Wenn der Politik Bildung wirklich am Herzen läge, dürfte es die Misere der Lehrer nicht geben.
Von Heike SchmollDie besten Abiturienten für das Lehramtsstudium zu gewinnen wird in Deutschland kaum gelingen. Das liegt nicht nur am angekratzten Ansehen des Lehrerberufs, sondern auch an den Studienbedingungen für angehende Lehrer. Weder germanistische noch historische Fakultäten, von den theologischen ganz zu schweigen, könnten überleben, wenn sie die Lehramtsstudenten nicht hätten. Trotzdem werden die „Lehrämtler“ an vielen Hochschulen noch immer behandelt wie Fachstudenten zweiter Klasse, die ja „nur“ in die Schule und nicht in die Forschung gehen. Es gibt noch immer keine tragfähigen Konzepte für die berufsfeldbezogene fachwissenschaftliche Ausbildung der Lehramtsstudenten.
Zwar sind an einigen Universitäten sogenannte Schools of Education entstanden, die sich um eine sinnvolle Verbindung von Fachwissenschaft, Unterrichtspraxis und Pädagogik bemühen. Das ändert aber nichts daran, dass die Lehrerbildung zu den größten ungelösten bildungspolitischen Problemen überhaupt gehört. Daran wird auch die von Bundesbildungsministerin Schavan geplante Exzellenzinitiative für Lehrer nichts ändern. Jedes Land hat seine spezifische Lehrerbildung. Während des Studiums in ein anderes Land zu wechseln ist nahezu ausgeschlossen. Selbst nach einem abgeschlossenen Lehramtsstudium ist es nicht leicht, in einem anderen Land zu unterrichten, es sei denn, ein Bewerber kann gleich zwei Mangelfächer vorweisen.
Das eine Land verbeamtet, das andere will nur angestellte Lehrer. Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft verfolgt keine einheitliche Linie. Sie plädiert in Thüringen für die Verbeamtung, in Sachsen aber für das Angestelltenverhältnis, um die dort unterrichtenden Lehrer vor der bayerischen verbeamteten Konkurrenz zu schützen. Ausgerechnet in Berlin und in Nordrhein-Westfalen, die beide nicht durch ihre Leistungsergebnisse in den Schulen glänzen, herrscht inzwischen ein Mehrklassensystem in den Lehrerzimmern. Das schafft viel böses Blut, vergiftet die kollegiale Arbeit, schwächt die Motivation und schürt Abwanderungsansinnen.
Für dieselbe anspruchsvolle, zeitintensive und zunehmend auch nervenaufreibende Tätigkeit, häufig auch die gleiche Abschlussnote im Examen gibt es unterschiedliche Bezahlungssysteme. Die einen bekommen als tarifbeschäftigte Lehrer bis zu 600 Euro weniger netto, sind schlechter abgesichert, wenn sie krank werden, und bekommen eine Rente, die etwa 30 Prozent niedriger ist als eine Pension. Da sich Pensionen an der Höhe des letzten Bruttoverdienstes orientieren, lassen sie sich auch durch Beförderungen steigern. Auf diese Weise ist der Abstand noch größer.
Angestellte Lehrer haben ohnehin geringere Aufstiegsmöglichkeiten - vor allem in der schulfachlichen Aufsicht. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 38.000 angestellte und 140.000 verbeamtete Lehrer. Um Geld zu sparen, hat das Land die Altersgrenze auf 35 Jahre festgesetzt - nur in Mangelfächern wurden auch noch zehn Jahre ältere Lehrer verbeamtet. In Berlin will jeder dritte junge Gymnasiallehrer das Land verlassen, weil er keine Aussicht auf eine Verbeamtung hat.
Langfristig werden also die süddeutschen Länder, die grundsätzlich verbeamten, auch die besseren Lehrer haben. Dasselbe gilt übrigens für Professoren, die in Baden-Württemberg mehr als 600 Euro mehr im Monat verdienen als etwa in Berlin. Dass der Norden in der Bildung zunehmend ins Hintertreffen gerät, darf dann niemanden mehr wundern. Verbeamtete Lehrer sind dienstlich und politisch unabhängiger als angestellte, sie können nicht streiken und sind leichter zu versetzen. Im Falle eines Fehlverhaltens werden die Schulen sie leichter los als angestellte Lehrer. Ein Prozess wird bei einem verbeamteten Lehrer vom Verwaltungsgericht entschieden, beim angestellten vom Arbeitsgericht.
Die Parteien interessieren sich für das Lehrerdilemma immer nur so lange, wie sie in der Opposition sind. Auch das hat sich in Berlin gezeigt. Im Zuge der Koalitionsverhandlungen hat die CDU ihre hehren Forderungen zur Verbeamtung für vermeintlich Wichtigeres rasch fallenlassen. Auch wenn man den Berufsvertretungen der Lehrer vorwerfen kann, dass sie zu sehr mit Statusfragen und zu wenig mit dem professionellen Leitbild des Lehrers beschäftigt sind, hängt beides zusammen. Solange der Beruf nicht öffentlich anerkannt ist und Gratifikationen verspricht, wird es auch nicht gelingen, für die nötige Professionalität in der Lehrerbildung zu sorgen.
Die Statusfragen zu klären ist also das eine, ein berufsfeldbezogenes Curriculum gemeinsam mit Erziehungswissenschaftlern, Fachdidaktikern und Fachwissenschaftlern zu entwickeln, das andere. Beides ist bisher nicht gelungen. Dabei wissen wir nicht erst seit Pisa, dass sich die Qualität des Unterrichts nur durch eine anspruchsvolle berufsfeldbezogene Lehrerbildung steigern lässt. Lange werden sich die Länder nicht mehr vor der Lösung ihres jeweiligen Lehrerdilemmas drücken können. Während Tausende von Lehrern keine feste Beschäftigung haben, fallen Millionen von Unterrichtsstunden aus. Der Versuch, das Lehrerproblem auszusitzen, ist zum Scheitern verurteilt.
Ungleiche Bildungschancen sind vom Bildungsbürgetum gewollt.
bernd ullrich (demokrat2)
- 05.02.2012, 16:16 Uhr
Das deutsche Bildungssystem krankt im Prinzip
Chi Tamago (tamago)
- 03.02.2012, 16:41 Uhr
Herr Jäger
Michael Scheffler (Striesner)
- 03.02.2012, 15:19 Uhr
@Herrn Peter
Michael Scheffler (Striesner)
- 03.02.2012, 15:16 Uhr
Hoher Lohn für die falschen Leute
Wolfgang Hebold (hebold)
- 03.02.2012, 14:53 Uhr
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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