28.08.2010 · An Problemschulen wird die Idee von Sozialministerin von der Leyen, einen Bildungschip für Kinder armer Eltern einzuführen, nicht als der Weisheit letzter Schluss gesehen. Ein Besuch in der Realität.
Von Heike Schmoll, BerlinAuch Kabinettskollegen von Ursula von der Leyen (CDU) sagen es in Berlin inzwischen hinter vorgehaltener Hand: Der Bundessozialministerin sei einer ihrer bewährten publizistischen Vorstöße geglückt. Alle reden von ihr und dem sogenannten Bildungschip. Wer aber nur einen Tag in den Brennpunktschulen Berlins oder Frankfurts zubringt, kann den Eindruck bekommen, dass der Musikunterricht auf der Chipkarte wohl mehr mit der großbürgerlichen Vorstellungswelt der Ministerin zu tun hat als mit der Lebenswelt der Kinder von Hartz-IV-Empfängern.
Das Bundesverfassungsgericht hat moniert, das Hartz-IV-Gesetz habe unterlassen, den spezifischen Bedarf eines Kindes festzulegen, und nicht einmal die nötigen Aufwendungen etwa für Schulbücher oder Schulhefte berücksichtigt, die zum „existentiellen Bedarf“ eines Kindes gehören. Wie dieser existentielle Bedarf aussieht, wissen bekanntlich Lehrer an Brennpunktschulen am besten. Nehmen sie ihren Beruf ernst, müssen sie zugleich als Sozialarbeiter tätig werden, den Eltern Hausbesuche abstatten und sie in die Pflicht nehmen. Eine davon ist die Leiterin der Wilhelm-Hauff-Grundschule im Berliner Problembezirk Wedding, Marichen Aden. Wie kaum eine andere kennt sie ihren Kiez, der im Berliner Vergleich den höchsten Anteil von Arbeitslosen unter Jugendlichen wie Erwachsenen aufweist, die höchste Langzeitarbeitslosen- und die höchste Sozialhilfeempfängerquote. Mehr als 60 Prozent der nicht erwerbsfähigen Empfänger von Existenzsicherungsleistungen sind unter 15 Jahren, der Ausländeranteil der unter 18 Jahre alten Jugendlichen ist der höchste in ganz Berlin.
Es beginnt viel elementarer
„Wir gehören zum Hauptstadtbezirk Mitte“, sagt Frau Aden mit der ihr eigenen Nüchternheit. Das Klagen ist ihre Sache nicht. Eigentlich seien die Berliner Brennpunkt-Schulen ganz gut ausgestattet. Je nach Anteil der sozial bedürftigen Kinder und der Schüler nichtdeutscher Herkunft bekämen die Schulen zusätzliche Stellen für sonderpädagogische Förderung und Integration. In der Wilhelm-Hauff-Grundschule sind das vier zusätzliche Vollzeitstellen. Zehn Klassenlehrerinnen konnte die Direktorin eine zusätzliche Ermäßigungsstunde geben, um die Eltern zu beraten und zu unterstützen. Die Klassenlehrer bieten einmal in der Woche eine Elternsprechstunde an, machen bei den Schulanfängern aber auch Schulbesuche. Manchmal fürchten die Eltern, kontrolliert zu werden, oft aber entwickeln sich aus den Hausbesuchen lange Gespräche über das häusliche Umfeld, über Erziehungsfragen und über zusätzliche Beratungs- und Hilfsangebote wie Sprachförderung oder Ergotherapie. Die meisten Eltern koste es große Überwindung, Schwierigkeiten mit dem eigenen Kind zuzugeben, weil sie es als eigenes Versagen empfänden, sagt Frau Aden. Viele bildungsferne Eltern sähen auch die Defizite ihrer Kinder nicht, berichten die zuständigen Lehrer.
Oft genug beginnt es aber viel elementarer: Die Lehrerinnen schauen, ob das Kind zu Hause einen Arbeitsplatz hat, ob es dort Spielsachen und Bücher gibt und wie der Nachmittag verläuft. Bei den Hausbesuchen treffen sie oft beide Eltern an, während zu den Elternversammlungen vor allem die Väter kommen. Wenn die Eltern aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht in der Lage sind, ihren Kindern mit den Hausaufgaben zu helfen, werden sie bei der Organisation einer Hausaufgabenbetreuung und zusätzlicher Sprachförderung am Nachmittag unterstützt. Vielen Kindern wird damit geholfen, aber es fehlt an der Verbindlichkeit. Die meisten Eltern schicken ihre Kinder ein oder zwei Mal, dann hört es auf.
Die Angebote eines Bildungschips würden verpuffen, sagt Frau Aden
Frau Aden weist die Eltern in solchen Fällen darauf hin, dass sie das Recht auf Kindergeld haben, aber auch die Pflicht, für ihre Kinder Verantwortung zu übernehmen, ihnen morgens ein gesundes Frühstück mitzugeben und sie rechtzeitig zur Schule zu schicken. Die Wilhelm-Hauff-Schule hat schon lange eine Erziehungsvereinbarung eingeführt, die Eltern in die Pflicht nimmt. Das sind zähe und langwierige „Erziehungsprozesse“, die aber durchaus Früchte tragen. Die Angebote eines Bildungschips würden nur verpuffen, sagt Frau Aden. Im übrigen dürften muslimische Mädchen im Alter von sieben oder acht Jahren ohnehin nicht allein das Haus verlassen, da bleibt der Musikunterricht reine Utopie. Wer Kinder über mehr Bildung integrieren wolle, müsse die dafür nötigen Institutionen stärken, meint Frau Aden entschieden. Wenn alle Brennpunktschulen die für eine gebundene Ganztagsschule nötige Ausstattung bekämen, könnten sie musikalische Frühförderung, Sport, Kunst und Förderangebote selbst aufbauen und zu Pflichtterminen für die Schüler machen – und zwar nach der jeweiligen Begabung der Schüler.
Außerdem gibt es in Berlin den vor einem Jahr eingeführten Berlinpass, der Hartz-IV- und Sozialhilfeempfängern sowie Rentnern mit Grundsicherung und Asylbewerbern den kostenlosen Zugang zu vielen Bibliotheken, Sportvereinen und Jugendklubs sichert. Auch der Eintritt in Museen, Theater, Konzerte und selbst ins Stadion von Hertha BSC ist ermäßigt, vom Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr zu schweigen. 217.000 von 700.000 Berechtigten nutzen den Berlinpass. Frankfurt und andere Städte bieten ähnliche Möglichkeiten. Dazu gibt es in Berlin einen Ferienpass mit spezifischen Angeboten. Und dann noch einen Bildungschip? Das verwirre die Leute komplett, sagen Bezirksbürgermeister in den Problemkiezen.
Zurück in die Regelklasse
Eine Lehrerin an der privaten evangelischen Elisabethstift-Schule, die eine sogenannte Trainingsklasse für als „nicht beschulbar“ geltende Schüler leitet, muss gegen die Versagensängste bei Eltern und ihren Kindern anarbeiten. Sie unterrichtet Schüler, die schlimmstenfalls aus vier Grundschulen geflogen sind, häufig wegen ihrer Verhaltensauffälligkeiten schon Aufenthalte in kinderpsychiatrischen Einrichtungen hinter sich und jegliches Zutrauen zu sich und ihren Fähigkeiten verloren haben. Mit einem Bildungschip sei diesen Kindern überhaupt nicht geholfen, sie könnten ihn nicht einmal in Anspruch nehmen, sagt die Lehrerin. Viel wichtiger seien hier die Elterngespräche und die von vielen Rückschlägen begleitete Arbeit mit den Kindern. Das Ziel ist, sie wieder in eine Regelklasse einzugliedern.
Gisela von Auer, die Projektleiterin des Diesterweg-Stipendiums der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt, hat als Lehrerin an einer Frankfurter Brennpunktschule mit einem Ausländeranteil von 98 Prozent jahrelang im sprachlichen Förderunterricht einschlägige Erfahrungen gesammelt. Sie weiß, was Alleinerziehende, Eltern mit Hartz-IV-Einkommen oder solche mit Migrationshintergrund brauchen. Während des Diesterweg-Stipendiums, das die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium, dem Sozialministerium und der Stadt Frankfurt finanziert, wurden in den vergangenen zwei Jahren 20 Frankfurter Grundschulkinder der vierten Klasse mit ihren Eltern für zwei Jahre begleitet und gefördert. Das Stipendium umfasst sechs Kinderakademien, die an Wochenenden zu den Themen Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Theater, Kunst und Musik stattfinden. Parallel dazu gibt es Elternakademien zur Erziehungspraxis und Bildungsbegleitung, mit Informationen zum deutschen Schulsystem und zu gesellschaftlichen und schulischen Mitwirkungsmöglichkeiten. Jede Familie bekommt 600 Euro im Jahr für Bildungsanschaffungen.
Einigermaßen gut informiert und einbezogen
Am Ende der Stipendienzeit haben die Eltern auf die Frage, was ihnen am meisten geholfen habe, geantwortet: die persönlichen Gespräche mit der Projektleiterin. Der Bildungsfonds, den alle bitter nötig hatten, wird erst an vierter Stelle genannt. Außerhalb der Schule, so berichtet Frau von Auer, öffneten sich Eltern leichter als innerhalb der Institution. In den Beratungsgesprächen geht es im wesentlichen um Lebens- und Erziehungsfragen. Da brauchte ein Elternteil eine kostenlose Rechtsberatung, andere wunderten sich über die Veränderungen ihres Kindes beim Einstieg in die fünfte Klasse und fragten sich, wie sie darauf reagieren sollten: „Mein Kind hat die erste Fünf geschrieben, was passiert denn jetzt.“
Insgesamt fühlen sich offensichtlich die Eltern aus bildungsfernen Schichten in der Grundschule noch einigermaßen gut informiert und einbezogen, in den weiterführenden Schulen (vor allem Gymnasien) lässt das rapide nach, obwohl sie die Elternabende besuchen. Auch das dürfte den betreffenden Schulen zu denken geben. Der vor kurzem emeritierte Bildungsforscher Jürgen Baumert hat regelmäßig darauf hingewiesen, dass Lernangebote am Nachmittag und in den Ferien dringend nötig seien, um bei allen Schülern wenigstens die Mindeststandards zu erreichen. Jeder Schüler müsse am Ende der Schule eine reale Chance haben, in Würde an der Gesellschaft teilzuhaben: beruflich, privat, als Staatsbürger. Darin liege die Bringschuld der Schule.
Kommerzialisierung des Nachhilfemarktes
Die Eltern zu ermutigen, ihr Leben selbst zu regeln, ihnen Zugänge zu den vielfältigen Angeboten zu schaffen, ist für Frau von Auer das wichtigste. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt fehlt es nicht an Angeboten. Aber viele Eltern suchen sie nicht, finden sie nicht oder erfahren gar nichts davon. Es müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen könnten.
Einer Bildungschipkarte kann Frau von Auer nicht viel abgewinnen. Sie führe nur zu einer ungeheuren Kommerzialisierung des Nachhilfemarktes und anderer Unterstützungsangebote. Das, was die Eltern am dringendsten bräuchten, die persönlichen Kontakte, bleibe auf der Strecke. Auch Lotsen für jede Familie seien überflüssig. Informationen ließen sich auch bei den Elternakademien wie im Diesterweg-Stipendium vermitteln. Dort wird übrigens ausschließlich Deutsch gesprochen.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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