In Deutschland gibt es immer mehr Abiturienten und Studenten. Immer häufiger erreichen Schüler den mittleren Bildungsabschluss. Jung-Akademiker haben auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen und auch die Lage auf dem Lehrstellenmarkt entspannt sich langsam. Das geht aus dem neuen Bildungsbericht 2012 mit dem Schwerpunkt „Kulturelle/musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf“ hervor, den am Freitag in Berlin die Kultusministerkonferenz, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das federführende Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) vorstellten. Fast alle drei- bis fünfjährigen Kinder besuchen demnach Kindertagesstätten, mehr als ein Viertel der Schüler geht auf Ganztagsschulen.
Während fast jeder zweite Jugendliche die Hochschulreife erlangt, haben andererseits von den Zwanzig- bis Dreißigjährigen in Deutschland 1,5 Millionen keinen Schul- oder Berufsabschluss. In der Altersgruppe der Dreißig- bis Fünfunddreißigjährigen ist der Anteil der Ungelernten und Schulabbrecher erheblich größer als in der Altersgruppe der Sechzig- bis Fünfundsechzigjährigen, die jetzt langsam aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Der Bildungsstand der Frauen ist stetig gestiegen, der Anteil junger Männer ohne beruflichen Abschluss hat sich hingegen weiter erhöht.
Eindringlich warnt der neue Bildungsbericht vor der Einführung des Betreuungsgeldes. Der Ausbau der Kindertagesstätten, der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren sowie qualitative Verbesserungen in Kinderkrippen und Kindergärten verursachten schon jetzt erhebliche Kosten für Länder und Kommunen. Sollte das Betreuungsgeld eingeführt werden, gehe das möglicherweise zu Lasten der anderen Ziele. Während in Ostdeutschland voraussichtlich kein neuer Platzbedarf für unter Dreijährige besteht, fehlen im Westen noch 174.300 Plätze in Tageseinrichtungen, sowie 87.000 in der Tagespflege, die bis zum Jahr 2013 geschaffen werden müssten. Das sind mehr als in den vergangenen fünf Jahren zusammen ausgebaut wurden. Während im Westen 20 Prozent der unter Dreijährigen Tageseinrichtungen besuchen, sind es im Osten 47 Prozent.
Die Autoren des Bildungsberichts rechnen nicht mehr damit, dass bei den unter Dreijährigen in Tageseinrichtungen der angestrebte Anteil von 25 Prozent im Westen überhaupt erreicht wird. Aktuelle Untersuchungen belegen, dass Kinder, die vor ihrer Einschulung mindestens drei Jahre eine Kita besucht haben, in der vierten Grundschulklasse beim Lesen und beim Textverständnis in der Regel über einen Lernvorsprung von gut einem Schuljahr verfügen. Offenbar kann der mehrjährige Kita-Besuch selbst für zuhause wenig geförderte Kinder aus bildungsfernen oder ausländischen Familien kompensatorisch wirken. Vor allem profitieren allerdings die Kinder aus Familien mit hohem Bildungsstand vom mehrjährigen Kita-Besuch, deren Eltern sich ohnehin um Lesen, Wortspiele und Geschichtenerzählen kümmern, selbst wenn sie beide berufstätig sind.
Kinder ohne solche häusliche Unterstützung und ohne Kita-Besuch seien in ihrer Bildungsentwicklung deshalb doppelt benachteiligt, heißt es in dem Bericht. Wenig förderlich wird sich demnach auswirken, dass Kinder, die zuhause nicht Deutsch sprechen, auch noch Kindertageseinrichtungen besuchen, an denen die Hälfte der Kinder ebenfalls kein Deutsch spricht. Vor allem in solchen Einrichtungen gebe es erheblichen sprachlichen Förderbedarf. Die Betreuerinnen brauchten dafür zusätzliche Kenntnisse, um Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln, die sie selten in ihrer Ausbildung erwerben konnten, zumal der Anteil der Jugendlichen aus eingewanderten Familien zunimmt: Unter den 24 Jahre alten Jugendlichen liegt er bei 23 Prozent, bei den unter Einjährigen bei 35 Prozent.
Etwa ein Viertel der Drei- bis Sechsjährigen wird nach dem Bildungsbericht als sprachförderbedürftig eingestuft. Weder die Sprachstandserhebungen noch die Sprachförderung würden in den Ländern auch nur einigermaßen einheitlich gehandhabt. Durch welche Konzepte Kinder beim Zweitspracherwerb am wirkungsvollsten unterstützt werden könnten, „ist eine fachlich nach wie vor ungeklärte Frage, die aufgrund des offensichtlichen Handlungsbedarfs zentral bleiben wird“, stellen die Bildungsforscher fest. In der Schule hat sich die Lesefähigkeit zwar gebessert, dennoch ist der Anteil schwacher Leser weiterhin hoch. Er liegt bei 19 Prozent, Schüler aus bildungsfernen Schichten und ausländischen Familien sind überdurchschnittlich oft vertreten. Der Anteil der funktionalen Analphabeten, die den Textsinn nicht erfassen, liegt noch immer bei 7,5 Millionen.
Kinder aus eingewanderten Familien häufiger musikalisch aktiv als einheimische
Kinder aus eingewanderten Familien sind nach dem Bericht wesentlich häufiger musikalisch aktiv als einheimische Kinder. Vor allem Familien der ersten und zweiten Migrantengeneration scheinen verstärkt innerhalb der Familie zu musizieren, etwa ein Drittel gibt an, regelmäßig Musik zu machen, bei deutschen Familien liegt der Anteil bei 22 Prozent. Zur frühkindlichen Musikerziehung melden ausländische Eltern ihre Kinder dagegen selten an. Nur wenn ein Elternteil in Deutschland geboren ist, nehmen sie kostenpflichtige Musikangebote so häufig wahr wie deutsche Kinder. Während 33 Prozent der Eltern mit hohem Bildungsstand eine musikalische Früherziehung für ihre Kinder in Anspruch nehmen, sind es unter den Eltern mit mittlerem Bildungsstand nur 17 Prozent und nur 9 Prozent der Eltern mit niedrigem Bildungsstand. Vor allem in der frühkindlichen Phase, aber auch bei Kindern bis neun Jahre spielt die Anregung der Eltern eine entscheidende Rolle für alle kulturell-musischen Aktivitäten.
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