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Bildung : Taschentücher für die Sonnenkinder

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Zu gut benotet? Bild: dpa

Wie von guten Noten verwöhnte Studenten an den Universitäten den Unterschied zwischen Sein und Schein lernen. Ein Gastbeitrag.

          In den vergangenen Jahren häufen sich alarmierende Berichte über den desolaten Zustand des bundesdeutschen Bildungssystems. Wir erfahren von vielen Defiziten bei den Grundschülern in basalen Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen. Wir lernen, dass auch die gymnasiale Ausbildung keine Spitzenkräfte mehr produziert. Wir lesen, dass die deutschen Universitäten im weltweiten Vergleich hinterherhinken. Zu diesen nachdenklich stimmenden Befunden steht die jüngst problematisierte Inflation der Noten an deutschen Schulen und Universitäten in einem prekären Gegensatz. Wie ist diese Schieflage zu erklären, wie kann sie behoben werden? Als wenig hilfreich erweist es sich, wenn sich die deutschen Bundesländer gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, vor allem, wie gehabt, aus dem Süden der Republik in Richtung Nord, West und Ost.

          Doch so einfach ist das nicht. Die Statistiken dokumentieren ja nur einen Teil der Wahrheit. Unstrittig ist, dass es zumal in vielen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern wie Deutsch oder Englisch, Geschichte oder Pädagogik, Politik oder Sozialkunde eine Tendenz zur inflationären Notenvergabe gibt, die sich bundesweit beobachten lässt. Das macht sich spätestens an den Universitäten bemerkbar, an denen die Schüler aus allen Bundesländern zusammenströmen und allzu häufig mit Bestnoten aufwarten können, was in vielen Fällen zu fataler Selbstüberschätzung führt. Da ist das vermeinte Nord-Süd-Gefälle ganz schnell relativiert. Die neuen Studenten kommen entweder schon mit breiter Brust an die Hochschulen und tragen ihre Noten wie blinkende kleine Orden als Argumente für ihre Unfehlbarkeit vor sich her. Sind sie in der Schule kritischer bewertet worden, gelingt es ihnen in der Regel bereits in den ersten Studiensemestern, mit geringem Aufwand eine stattliche Zahl herausragender Noten zu erzielen, so dass sich leichte Eintrübungen des Selbstbewusstseins spätestens dann aufhellen. Derlei Erfahrungen kann man besonders in den Klassischen Philologien, Latein und Griechisch, gewinnen, denn hier kommt es recht früh zur Diagnose eklatanter Missverhältnisse zwischen Schein und Sein, zwischen Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung: Durch die hohen Ansprüche, die das Studium an die Sprachkenntnisse, Reflexionsfähigkeiten und an die Breite des literatur- und kulturgeschichtlichen Wissens der Studenten stellt, werden Lücken rasch sichtbar.

          Und hier kommt es dann häufig zu traurigen Begegnungen. Studenten, denen man mit viel Milde und weil gerade Weihnachten oder der Frühling vor der Tür stehen, noch eine 4 für eine Hausarbeit, eine mündliche Prüfung oder eine Klausur gibt, obwohl die Leistung auch ein Durchfallen rechtfertigen würde oder die man freundlich noch mit einer 3- bedenkt, weil man sie prinzipiell für fleißig und nachdenklich hält, obwohl sie davon in der Prüfung wenig zeigen - solche Studenten brechen nicht selten in Tränen der Verzweiflung oder Empörung aus. Auch über Zweier - man stelle sich das einmal vor - wird in unserer konkurrenzgeleiteten Bildungswelt immer häufiger gejammert. Der Taschentüchervorrat in den Büros wächst und wächst.

          Gewiss, Einzelnoten sind im Zuge der Bologna-Reformen ungleich wichtiger geworden; dafür ist die Leistungsbeurteilung aber auch differenzierter gestaltet, es kommt nicht mehr nur alles auf die Abschlussprüfungen an. Was man in besagten Problemgesprächen am häufigsten zu hören bekommt, ist der Satz: „Aber ich hatte immer eine 1!“ Vielleicht eine kokette Flunkerei? Nein, man kann sich in der Mehrheit der Fälle davon überzeugen, dass Schule und Universität diese Sonnenkinder, auf die nun zarte Schatten fallen, sehr verwöhnt haben. Nun ist es zum Glück meistens so, dass Beratungsgespräche zum Erfolg führen. Die Studenten sind durchaus nicht kritikresistent und begreifen die Problemlage, wenn man sie ihnen behutsam erklärt. Und das ist auch bitter nötig, denn wir sprechen hier nicht von Kleinigkeiten, sondern von einem eklatanten Mangel an sprachlichen und hermeneutischen Fähigkeiten. Dass solche Fähigkeiten wenig zu gelten scheinen, führt man den Auszubildenden schließlich auch überall vor Augen. Es grassiert der allgemeine Blödsinn, viele schreiben sich, vor allem im Netz, mit staunenswerter Sorglosigkeit um Kopf und Kragen, kaum jemand nimmt sich die notwendige Zeit zum Nachdenken und Überprüfen. Auf diesem quantitativ dicht, aber qualitativ dünn besiedelten Gebiet zu glänzen ist nicht schwer, und auch das befördert die Überschätzung des eigenen Könnens. Schließlich wollen alle, auch die Sorglosesten, irgendwann „exzellent“ sein. Für Selbstkritik bleibt da keine Zeit, für Selbstzufriedenheit hingegen allzu viel Raum.

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