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Bildungsunterschiede : Jugendliche Klassengesellschaft

Blick zur Sitznachbarin: Schüler eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Alsdorf im September Bild: dpa

Warum das Lernniveau von Neuntklässlern je nach Bundesland so stark variiert – und mit welchen Maßnahmen die erfolgreichen Länder den Unterricht verbessert haben.

          Was haben Bundesländer getan, deren Neuntklässler sich im Ländervergleich „IQB-Bildungstrend 2015“ in Englisch und Deutsch so deutlich gegenüber der ersten Erhebung 2009 verbessert haben wie Schleswig-Holstein und Brandenburg? Sie haben sich konzentriert. Nach den niederschmetternden Leistungsergebnissen in Englisch hat Brandenburgs damaliger Staatssekretär Burkhard Jungkamp die ostdeutschen Länder eingeladen und mit ihnen eine Strategie für eine Qualitätsoffensive in Englisch verabredet. Die ostdeutschen Länder haben damals Sommerakademien für ihre Englischlehrer angeboten, sie zu Hospitanzen nach Kanada geschickt, ihnen Tandems mit muttersprachlichen Lehrern ermöglicht und sechs Jahre später sind die Verbesserungen sichtbar. Das heißt nicht, dass die ostdeutschen Länder in Englisch – vor allem im Hörverstehen – nicht noch aufholen müssten, aber sie haben einen echten Qualitätssprung gemacht.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Ähnliches gilt für Schleswig-Holstein im Fach Deutsch. Der Direktor des Kieler Leibnizinstituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), der Bildungsforscher Olaf Köller, sagte dieser Zeitung, die Kampagne „Lesen macht stark“ habe an den Schulen, die sie ernst genommen hätten, zu verblüffenden Erfolgen geführt. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt mit dem Schulbuchverlag Cornelsen, das zum Selbstkostenpreis Material zur Verfügung stellte und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, das entsprechende Anträge mitfinanzieren kann.

          Übersicht zur aktuellen Bildungsstudie
          Übersicht zur aktuellen Bildungsstudie : Bild: F.A.Z.

          Baden-Württemberg indessen scheint sich auf den guten Ergebnissen der vorangegangenen Studien ausgeruht zu haben, jedenfalls fehlt es dort an gezielten Anstrengungen zur Unterrichtsverbesserung, wie die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auch in Berlin bekräftigte. Man habe sich zu viel mit Schulstrukturdebatten aufgehalten, statt an Unterrichtsqualität und Leistung zu denken, so Eisenmann.

          Nach wie vor sind die Leistungsunterschiede unter den Bundesländern erheblich. Erschreckend ist, dass in manchen Ländern so viele Schüler den Mindeststandard verfehlen. Der Standard ist ein Minimum an Fähigkeiten, das dringend erforderlich ist, um überhaupt bildungs- und ausbildungsfähig zu sein. In Bremen verfehlen 37 Prozent der Schüler die Mindestanforderungen beim Lesen in Deutsch, in Sachsen sind es 14 Prozent, beim Zuhören liegen 27 Prozent der Berliner Schüler unterhalb des Mindeststandards und in Schleswig-Holstein 12 Prozent. Länder mit Spitzenergebnissen gelingt es offenbar, die schwächeren Schüler so zu fördern, dass der Anteil derer gering ist, die den Mindeststandard verfehlen. Das gilt insbesondere für Bayern und Sachsen.

          Eine deutlich kleinere Gruppe unterhalb des Mindeststandard findet sich beim Lesen in Deutsch aber auch in Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen, beim Zuhören in Niedersachsen und Schleswig Holstein. Besonders ungünstige Ergebnisse weisen für alle getesteten Fähigkeiten Berlin und Bremen auf, aber auch Hamburg und Nordrhein-Westfalen (Orthographie), sowie Baden-Württemberg (Zuhören). In Orthographie sind die Leistungen überraschend stabil geblieben, sie haben sich nicht weiter verschlechtert.

          Auffallend ist, dass in manchen Ländern nicht nur die schwächsten Schüler zu wenig gefördert werden, sondern auch die leistungsstärksten. Schon bei den internationalen Leistungsvergleichen (Pisa) hat sich gezeigt, dass sich die Spitzengruppe in Gymnasien verkleinert und nicht zunimmt, wie es eigentlich zu wünschen wäre. Das ist auch bei diesem Ländervergleich der Fall. Während die Spitzengruppe in den nicht-gymnasialen Schularten im Fach Deutsch nur geringfügig abnimmt, verkleinert sie sich ausgerechnet an den Gymnasien ganz beträchtlich. Die Gymnasiallehrer scheinen also angesichts der immer unterschiedlicher und größer werdenden Schülergruppe, die sie zum Abitur führen sollen, die Förderung der Leistungsstärksten zugunsten der Leistungsschwachen zu vernachlässigen.

          Erstaunlicherweise hat die Gymnasialquote kaum Einfluss auf die Leistungsergebnisse. Während in Bayern und Schleswig-Holstein vergleichsweise wenige Schüler das Gymnasium besuchen, kommen die ostdeutschen Länder mit einer deutlich höheren Gymnasialquote auf ähnlich gute Ergebnisse. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass die Grundschulen zuverlässig die kulturellen Mindestvoraussetzungen vermitteln, was in einigen westlichen Ländern nicht zu gelingen scheint.

          Ist wirklich der Anteil der Migranten maßgeblich?

          In Berlin hat man sich auch in der Grundschule mit dem jahrgangsübergreifenden Unterricht (Jül) Experimente geleistet, die ganz offenkundig zu Lasten der Schüler ausgingen. Wenn dort ausweislich des Leistungsvergleichs Vera 8 vierzig Prozent der Achtklässler an den Minimalanforderungen scheitern, ist der Verweis auf den hohen Anteil von Migrantenkindern billig. Auch Bayerns Migrantenanteil liegt bei dreißig Prozent, in einigen Städten sogar bei fünfzig Prozent.

          Wenn Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) auf den hohen Anteil zugewanderter Kinder in seinem Stadtstaat verweist, macht er es sich leicht. Zum einen sei die migrationsbedingte Benachteiligung nicht neu, zum andern profitierten Migrantenkinder durch gezielte Förderung besonders stark, sagt Köller. Ein hoher Anteil schwacher Schüler sei immer auch ein Ergebnis gescheiterter Förderpolitik.

          Eigentlich müsste die Messlatte höher liegen

          Von diesem Scheitern abzulenken, war offenbar die Absicht der Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD), die Berlins miserable Ergebnisse mit dem Verweis auf die Lehrer kommentierte, welche „die notwendigen Schlussfolgerungen für die Förderung des einzelnen Kindes ableiten und den Unterricht danach ausrichten“ müssten. Wenn die Politik das Schulsystem wie in Berlin „an die Wand fährt, sollte sie nicht plump davon ablenken und die Lehrerschaft dafür verantwortlich machen“, entgegnete der Präsident des Lehrerverbandes Josef Kraus. Es sei schließlich Berlin, das nicht für genügend Lehrer gesorgt und die Leistungsansprüche „bei einer gleichzeitigen Inflation an Zeugnissen mit Bestnoten heruntergefahren hat“, so Kraus.

          Wer sich vor Augen führt, dass die Regelstandards für den Mittleren Schulabschluss schon so angesetzt sind, dass sie etwa von der Hälfte der Schüler erreicht werden können, muss sich über die Klagen von Handwerk, Industrie und Universitäten über Bildungsdefizite nicht wundern. Eigentlich müsste die Messlatte höher gelegt werden, doch dann wird sie von weit mehr als der Hälfte verfehlt.

          Quelle: F.A.Z.

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