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Bewerbungsverfahren Muss ich mich anbiedern?

 ·  Nach dem Studienabschluss folgt oft ein Bewerbungsmarathon. Personalberater geben gut gemeinte, aber meist kaum überraschende Tipps. Eine Absolventin über ihre Erfahrungen.

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© Nedden Vergrößern Guter Tipp vom Personaler: Im Bewerbungsgespräch fit und wach sein

Nun ist mein Studium abgeschlossen, man hat mir erklärt, ich könne jetzt zertifiziert selbständig denken, schreiben und handeln. Etwas Praxis würde mir fehlen, und so sollte ich nun am besten das tun, was alle tun, mich mit Demut und List und Tücke bewerben! Mit dem Fahrrad fahre ich also brav zu einem versteckten Institutsgebäude und sitze nun in einem Kurs, der von der Universität angeboten wird. Es geht darum, wie man „richtige“ Bewerbungen schreibt. Hier sitzen etwa 18 Teilnehmer, zwei Bachelor-Studenten, die ihr Leben „richtig“ planen wollen, damit der Lebenslauf dann auch wirklich exzellent wird, ein paar Master-Studenten und auch frisch promovierte Natur- und Geisteswissenschaftler. Kurzum, ein bunter Haufen von Leuten, die entweder begriffen haben, dass Bewerben nicht so einfach ist, weil es gewisse Codes gibt, die man einhalten soll, oder die es bisher noch nicht geschafft haben, selbst eine Bewerbung abzuschicken. Eventuell war auch der innere Schweinehund daran schuld, es vor sich herzuschieben, oder kam die Bewerbung doch zurück? Der Verdacht schwebt unausgesprochen im Raum, denn wir alle sind vor allem eines: Wir sind verdächtig!

Es geht los, wir werden von einem „Personaler“ beraten. Die Folien über das Anschreiben sind unlesbar klein, die Kursteilnehmer rücken nach vorne. Nein, dies sei nur ein Vorschlag, dass es so gut sei, fände er nicht. Er erzählt uns, was er persönlich mag und was er unmöglich finde, seine Kollegen aber unter Umständen gelungen. Vieles davon ist mir bekannt, und ich kann es schon fast nicht mehr hören. Was man etwa bei einem Vorstellungsgespräch anzieht? Welche Farben als „seriös“ gelten, und welche man denn lieber meiden sollte? Was man von sich preisgibt und wie es interpretiert wird?

Dabei sind die meisten Verhaltensregeln nicht ungewöhnlich: keine Kaffeeflecken auf der Bewerbung, nicht zu spät kommen, vorher anrufen, Lücken im Lebenslauf möglichst gut kaschieren und natürlich: fit und wach soll man wirken! So weit, so gut. Bis hierhin kam nichts Neues. Beim Gähnen muss ich plötzlich schlucken, denn da kommt es wieder, dieses Unwort über das, was in allen Köpfen spukt wie eine böse Märchengestalt: Die Personaler wollen eine „eierlegende Wollmilchsau“!

Die gibt es zum Glück nicht, ist doch klar! Trotzdem ist sie allgegenwärtig. Ich scheitere beim Versuch einer Metamorphose, doch ganz vorne sitzt zum Glück ein Überflieger, ein Bachelor-Student, der jetzt seine eigene Firma gründen will, angeblich mehr als sechs Sprachen spricht, fleißig Chinesisch lernt und sich sofort für ein Praktikum meldet. Ein Leistungssportler und Aufsteiger, mit Hemd, V-Pullover, beigefarbener Hose, akkurat gezogenem Scheitel und gelierten Haaren. Innerhalb von Minuten hat er sein halbes Leben preisgegeben. Wahrscheinlich fährt er auch einen BMW, denke ich, und frage mich, ob ich mit meinem M. A. in geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern den Anschluss an die Gesellschaft verpasst habe - oder ob ich ihn je wollte? Ich habe auch sieben Sprachen gelernt, aber ich würde nicht sagen, dass ich sieben Sprachen beherrschte, das ist ein kleiner Unterschied, denn Sprachen kann man eigentlich nie perfekt.

Will ich mit solchen Leuten zusammenarbeiten? Ist das jetzt das neue Ideal? Ein aalglattes Auftreten mit iPad in der Hand, möglichst risikobereit sein, auch ohne viel Erfahrung? Was habe ich bisher wirtschaftlich riskiert? Eigentlich nichts, und ich bin auch stolz, zu den wenigen jungen Leuten unter 30 zu gehören, die noch keine Schulden haben. Doch ja, irgendwie bin ich für eine Sekunde neidisch - dann nicht mehr, als ich mir die Umkehrschlüsse zur Bewerbungsanleitung vorstelle: Wer morgens sein Hemd nicht bügelt oder zu spät kommt, ist also schlampig! Dicke Menschen sind zu langsam, zu dumm und haben psychische Probleme! Frauen, die Kinder wollen, sind nicht karrieresüchtig und kosten die Firma Geld und Nerven! Ein Schwimmer ist ein Einzelkämpfer und daher auch weniger teamfähig!

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Die Autorin ist 28 Jahre alt hat ihren M. A. im Jahr 2011 gemacht.

Quelle: F.A.Z.
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