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Veröffentlicht: 07.01.2013, 18:18 Uhr

Bettina und Christian Wulff Der Präsident, das Politische und das Private

Das Bedürfnis, repräsentiert zu werden, kann - zumal bei Bundespräsidenten - sehr umfassend begriffen werden. Es greift dann schnell auf das Private aus. Wer sich darauf einlässt, kann viel verlieren.

von , Berlin
© dpa „In die Rolle gedrängt“? Der damalige Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina im Mai 2011 auf einem Empfang der deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt

Es mag dem Wunsch der Bürger geschuldet sein, an der Spitze des Staates nicht bloß ein verfassungsrechtliches Organ, sondern ein Paar zu haben - so wie in den alten Zeiten von Kaisern und Königen, so wie in Amerika oder auch nur im Buckingham Palast. Projektionsflächen mögen es sein - geschuldet den Erwartungen und Lebensumständen und auch dem Bedürfnis, nicht bloß vermeintlichen Glamour derer „da oben“ zu genießen, sondern sich bei Gelegenheit auch das Maul zu zerreißen. Nur ein Verfassungsorgan gibt es in Deutschland, das dieser wiewohl ganz gewiss nicht im Grundgesetz niedergelegten Anforderung zu entsprechen hat: der Bundespräsident. Nur dessen Frau - oder der derzeit auch offiziell sogenannten Lebensgefährtin - wird im öffentlichen Sprachgebrauch Deutschlands gern „First Lady“ genannt.

Günter Bannas Folgen:

Es hat sich nun erwiesen, dass die daraus folgenden Ansprüche über die Amtszeit hinaus zu erfüllen sind. Der Wortlaut war offiziös gehalten: „Der Anwalt der Eheleute, Gernot Lehr, teilte der Deutschen Presse-Agentur am Montag mit: ,Bettina und Christian Wulff haben sich am Wochenende einvernehmlich räumlich getrennt, nehmen ihre Verantwortung für ihren Sohn gemeinsam wahr und werden keine weiteren Erklärungen zu ihrer privaten Situation abgeben.‘“

Kein Ehepartner eines Spitzenpolitikers ist solchen protokollarischen Verpflichtungen unterworfen wie der des Bundespräsidenten. Öffentliches Engagement wird quasi offiziell erwartet, seit die Frau des ersten Bundespräsidenten, Elly Heuss-Knapp, im Jahr 1950 das „Müttergenesungswerk“ gegründet hatte, dessen offizieller Titel „Elly-Heuss-Knapp-Stiftung - Deutsches Müttergenesungswerk“ lautet und dessen Satzung die Schirmherrschaft einer Frau erfordert und auch sonst den Gegebenheiten der Gegenwart anzupassen ist: „Die Stiftung soll unter der Schirmherrschaft der Ehefrau des Bundespräsidenten oder unter der Schirmherrschaft der Bundespräsidentin stehen.“ Bei Staatsbesuchen und Empfängen werden Anforderungen an die Ehefrau/Lebensgefährtin wie sonst nirgendwo in der Politik gestellt.

Die bunten Blätter wurden bedient

Bettina Wulff, so hat sie es jedenfalls geschrieben, scheint diesen fremdbestimmten Teil ihres Lebens nicht nur genossen zu haben. „Ich finde es schon ein bisschen komisch, dass die Politik darüber diskutiert, wie es Frauen erleichtert werden kann, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Dass bei der Frau des Bundespräsidenten aber vorausgesetzt wird, dass sie dem Amt einen Großteil ihrer Zeit einfach so widmet, ohne Vergütung“, wurde sie auch zitiert.

Das Amt und die Politik und - angesichts der Umstände der Amtszeit Wulffs - auch die Öffentlichkeit nahmen wenig Rücksichten. Das Amt, die Leute im Verwaltungsbau des Schlosses Bellevue, stellt wie keine Bundesbehörde das staatliche Protokoll in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Die Politik, also das Milieu eines Quadratkilometers in Berlin, lebt gern auch von Gerüchten und Erzählungen, besonders von jenen, die zu Lasten Dritter gehen. Die Amtszeit Wulffs stand von Beginn an unter unglücklichem Stern: Erst im dritten Wahlgang wurde er von der Bundesversammlung gewählt; politisch-kommunikative Pannen unterliefen ihm. Als er sich gefangen zu haben schien, wurde das offenbar, was als Wulff-Affäre oder Causa Wulff zusammengefasst wurde. Gute zwei Monate dauerte die an.

Im Februar vor einem Jahr hatte er vom Amt des Bundespräsidenten zurückzutreten. Beim Akt des Rücktritts war notiert worden, Frau Wulff habe, daneben stehend, vergleichsweise unbeteiligt und distanziert gewirkt. Ein Gesprächsthema ist auch das geworden. Bettina Wulff schrieb ein Buch. Ein „Jetzt geht es um mich und meine Söhne“ und ein „Ich werfe ihm manchmal vor, dass er mich ein großes Stück auch in die Rolle gedrängt hat“ wurden ihrerseits vernommen. Die bunten Blätter wurden bedient. Das Private wurde politisch.

Die Wulffs hatten sich auf glattes Pflaster begeben

Auch Angela Merkel hatte dazu beigetragen. Sie habe darauf gesetzt, sagte die Bundeskanzlerin nach der Wahl Wulffs zum Bundespräsidenten, dass ein „junger Geist und eine junge Familie“ ins Schloss Bellevue einziehen würden. Das Private war zum Gegenstand des öffentlichen Lebens gemacht worden: Eine junge „First Lady“, die an den Glanz amerikanischer Präsidentengattinnen zu erinnern hatte, Kinder, die wie die im Garten des Weißen Hauses im Berliner Schloss-Bellevue-Amtssitz spielten.

Dann hob die Debatte über Wulffs Verhalten an, gewann an Breite, bis Wulff schließlich vom Amt zurücktrat. Das öffentliche Interesse ließ zwar nach, doch Mutmaßungen und Spekulationen über die Eheleute gab es weiter. Wulffs Landes-CDU hatte sich - auch des Wahlkampfes wegen - schon vorher von ihrem Altvorderen distanziert. Mit nicht einem Wort hatte David McAllister seinen Vorgänger erwähnt, als er jüngst auf dem CDU-Bundesparteitag Erfolge schwarz-gelber Regierungen Niedersachsens aufzählte.

Christian Wulff vor allem und Bettina Wulff auch hatten sich auf glattes Pflaster begeben. Wulff, der erfahrene Parteipolitiker, hatte Versuchungen nachgegeben. Ein „Ja, in meinem Leben gibt es eine neue Frau“ hatte er - da noch niedersächsischer Ministerpräsident - der Zeitung „Bild“ gesagt. Ein Tattoo wurde gesehen und gern beschrieben. Wulff aber hatte die Lehren auch des naturgemäß nach Öffentlichkeit strebenden Politikers vergessen. Die sogenannten Home-Stories können Sympathiewerbung im Guten sein - bis sich Zeiten und Umstände ändern. Es gehört zum Brauch von Berichterstattungen an deutschen Regierungssitzen, den Wunsch nach Privatheit der öffentlichen Personen zu achten. Eheleute und Partner vieler Politiker sind der Öffentlichkeit kaum bekannt. Die Betroffenen mögen darunter leiden: Eine Trennungsentschädigung gibt es nicht, und der Anschein, Anhängsel zu sein, ist zu ertragen. Klagen verboten. Wer die professionell Neugierigen in seinen Hobbykeller schauen lässt, zahlt dafür möglicherweise einen noch höheren Preis.

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Quelle: F.A.Z.

 

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