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Betreuungsgeld Systemrelevant: die Familie

Die CSU hat sich durchgesetzt: Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen, bekommen künftig 150 Euro im Monat. Doch ob das Betreuungsgeld den Unionsparteien zum Sieg bei der nächsten Bundestagswahl verhilft, ist fraglich. Eine Analyse.

© dapd Vergrößern Kein Krippenplatz nötig: Sechzig Prozent der Eltern wollen ihre Kleinkinder ganztags zu Hause betreuen

Der „katastrophale“ Schaden, den das Betreuungsgeld angeblich anrichten soll, hält sich bei nüchterner Betrachtung in engen Grenzen. Denn die Lenkungswirkung dieser Leistung wird gering sein. Eltern am unteren Ende der sozialen Skala geben ihre Kleinkinder schon heute nicht in die Krippe, obwohl ihr Nachwuchs dort mehr Anregung hätte als zu Hause.

Uta Rasche Folgen:    

Diese Abneigung schafft man auch dadurch nicht aus der Welt, dass man kein Betreuungsgeld zahlt. Um diese Schicht dazu zu bringen, ihre Kinder in solche Einrichtungen zu geben, müsste die Politik sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Stark auf ihren Beruf hin orientierte Mütter dagegen, insbesondere Akademikerinnen, wird das Betreuungsgeld nicht davon abhalten, ihre Erwerbstätigkeit wiederaufzunehmen.

Die Mehrheit der Eltern will keinen Krippenplatz in Anspruch nehmen. Die Prognosen, auf die sich die Bundesregierung beim Krippenausbau stützt, gehen davon aus, dass für 39 Prozent der Kinder im Alter zwischen ein und drei Jahren ein Platz benötigt wird. In den Städten wird der Bedarf höher sein, auf dem Land niedriger.

Eine einfache Rechnung

Für die sechzig Prozent der Eltern, die ihre Kleinkinder ganztags zu Hause betreuen wollen, ist die neue Leistung eine - bescheidene - Anerkennung: dafür, dass sie ihren Nachwuchs zumeist aufmerksam und liebevoll erziehen und so die Grundlagen dafür schaffen, dass diese Kinder zu Stützen der Gesellschaft werden.

Insofern folgt der Kampf der CSU für das Betreuungsgeld einer einfachen Rechnung. Mögen zwar die veröffentlichte Meinung, viele Fachleute, die FDP und auch ein guter Teil der CDU-Abgeordneten dagegen sein: Die Mehrheit der Familien mit kleinen Kindern profitiert von der Hartnäckigkeit der CSU.

Die Gratifikation für das klassische Familienmodell würdigt im Nachhinein symbolisch auch die Leistung jener Eltern, die, weil ihre Kinder schon zu alt sind, zwar keinen Anspruch mehr auf das Betreuungsgeld haben, die aber eine traditionelle Rollenteilung für ihre Familie wählten. Das dürfte die große Mehrheit der bayerischen Wähler sein.

Geld könnte Ärger dämpfen

Das Betreuungsgeld stellt allerdings eine zusätzliche Belastung für den Bundeshaushalt dar. 1,2 Milliarden Euro jährlich soll die Leistung von 2015 an kosten, wenn alle Eltern Ein- und Zweijähriger ohne Krippenplatz 150 Euro im Monat bekommen. Schnell könnten die Kosten für das Betreuungsgeld höher werden als geplant.

Wenn am 1. August 2013 der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz kommt, aber nicht genug Plätze bereitstehen, könnte das Betreuungsgeld den Ärger der Eltern dämpfen. Doch wird immer auch die Frage gestellt werden, ob die Betreuungsgeld-Milliarden nicht besser in Krippenplätze investiert worden wären oder würden.

Ob der Beschluss der Koalitionsrunde zugunsten des Betreuungsgeldes den Unionsparteien insgesamt helfen kann, die Bundestagswahl 2013 zu gewinnen, ist daher alles andere als ausgemacht. Denn die inhaltlichen Bedenken lösen sich nicht in Luft auf. Und es könnte sein, dass der Ärger über fehlende Krippenplätze die Koalitionsparteien mehr Zustimmung kostet, als ihnen die Freude an den 150 Euro einbringt. Ohnehin ist noch nicht klar, ob im Bundestag auch jene Abgeordneten von Union und FDP für das Betreuungsgeld stimmen, die vehement dagegen waren.

Berufsleben muss sich verändern

Viele Enthaltungen oder gar Gegenstimmen im eigenen Lager würden das mühsam aufpolierte Bild der Koalition wieder verdunkeln. Das Betreuungsgeld, von der CSU erzwungen, ist kein Projekt, das das Regierungsbündnis beflügelt. Dazu wurde auch zu lange darüber gestritten. In der Bankenkrise hat die Politik über viel gewaltigere Summen mit atemberaubender Geschwindigkeit entschieden. Ist aber nicht auch die Familie „systemrelevant“?

Deutschland, das die niedrigste Geburtenrate Europas aufweist, hat ein Demographieproblem. Dass die Lenkungswirkung von Geldleistungen gering ist, zeigte schon das Elterngeld. Nur ein umfassender Kulturwandel hin zu mehr Eltern- und Kinderfreundlichkeit könnte die Geburtenrate heben. Der springende Punkt ist, dass die Arbeitswelt außerhalb des öffentlichen Dienstes wenig Rücksicht auf die Aufgaben von Erziehenden nimmt.

Zu oft noch bedeutet eine längere Pause im Erwerbsleben den Abschied von einem qualifizierten Beruf. Zu oft gibt es ein böses Erwachen, wenn Frauen erkennen, dass die Kinder sie kaum mehr brauchen und die Arbeitswelt für eine Endvierzigerin mit wenig Berufserfahrung, aber noch viel aktiver Lebenszeit keine Verwendung hat.

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Solange es zu wenig Gelegenheiten zum qualifizierten Wiedereinstieg und zu gehaltvoller Teilzeitarbeit gibt, haftet dem Betreuungsgeld der bittersüße Geschmack eines vergifteten Geschenks an. Längere Ausstiege als zwei bis drei Jahre wären nicht nötig, wenn das Berufsleben insgesamt kinderkompatibler wäre.

Das heimliche Dogma, dass ein spannender Job den ganzen Mann oder die ganze Frau 50 Stunden oder mehr in der Woche erfordert, ist das größte Problem. Der Erkenntnis, dass die Familie systemrelevant ist, muss die Bereitschaft folgen, das Berufsleben zu verändern - auch das der Väter. Das ist ein lohnendes Projekt, dem die Koalition sich verschreiben sollte.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.11.2012, 17:16 Uhr