22.09.2006 · Der Bundespräsident hält es für überfällig, „daß den Kindern muslimischen Glaubens in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird.“ In seiner Berliner Rede zur Bildung forderte Köhler zudem ein soziales Pflichtjahr für Jugendliche.
Bundespräsident Köhler hat sich für „verpflichtende Sprachprüfungen vor Schuleintritt“, für einen in deutscher Sprache geführten Islamunterricht und für höhere Staatsausgaben in der Bildungs- und Schulpolitik ausgesprochen. Zudem sagte er: „Ich bin für ein verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr.“ Seine Anregungen trug er in einer „Berliner Rede“ vor, die die Bildungspolitik zum Inhalt hatte und deswegen in einer Hauptschule Schule im Stadtteil Neukölln gehalten wurde. Es war die erste Rede in dieser Reihe in seiner Amtszeit. Die Tradition solcher Reden hatte der frühere Bundespräsident Herzog 1997 begründet.
Köhler hob die Bedeutung einer qualifizierten Schulbildung für die beruflichen Chancen der Jugendlichen und für die Integration von ausländischen Jugendlichen in die Gesellschaft hervor. Er sagte: „Darum werde ich immer auf der Seite derer sein, die leidenschaftlich eintreten für eine Gesellschaft, die offen und durchlässig ist und dem Ziel gerecht wird: Bildung für alle.“ Er verwies darauf, daß in diesem Jahr 80.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluß verließen und daß in diesem Herbst wahrscheinlich 30.000 Ausbildungsplätze fehlten. „Ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie hat im Vergleich zu dem Kind eines Akademikerpaares nur ein Viertel der Chancen, aufs Gymnasium zu kommen“, sagte er. Zwar seien die Ursachen vielschichtig. „Der Befund ist beschämend.“
Köhler bezeichnete eine gute Bildung als eine „besonders wirksame Form der sozialen Absicherung“. Sie sei auch bedeutsam für die Stabilität der demokratischen Verhältnisse. Diktaturen wollten ungebildete Menschen; Demokratien brauchten interessierte Bürger. „Darum ist das Bildungswesen Sache des ganzen Volkes.“ Er begrenzte den Bildungsbegriff nicht auf Wissensvermittlung. Es liege in der Verantwortung der Eltern, ihren Kindern das „richtige Rüstzeug für ein erfülltes Leben“ mitzugeben. Dazu gehörten Regeln für den menschlichen Umgang. Er nannte Respekt, Rücksichtnahme, Manieren und das Wissen um Rechte und Pflichten.
„Religionsunterricht ist unverzichtbar“
„Ich finde es wichtig, daß auch in der Schule die Frage nach Gott gestellt wird. Deshalb halte ich den Religionsunterricht für unverzichtbar“, sagte er. Die Religionen sollten Zeugnis davon geben können, woran sie glaubten. „Das gilt natürlich auch für den Islam. Ich halte es für überfällig, daß in unseren Schulen den Kindern muslimischen Glaubens von gut ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird.“ Köhler sagte: „Bildung ohne Herzensbildung ist keine Bildung.“ Er plädierte dafür, Programme des Freiwilligen Soziales Jahres und des Freiwilligen Ökologischen Jahres sollten ausgebaut werden - „aber nicht halbherzig bitte“.
Ohne sich festzulegen bekannte Köhler Sympathien für ein „Pflichtjahr“. Gemeinnütziges Engagement von Schülern sollte im Zeugnis Niederschlag finden. Seinen Vorschlag, verpflichtende Sprachprüfungen einzuführen, begründete Köhler auch mit dem Hinweis, derzeit hätten 40 Prozent der Jugendlichen ausländischer Herkunft keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Chancen für eine qualifizierte Ausbildung seien für solche Jugendliche nur halb so groß wie für deutsche. Das seien keine guten Voraussetzungen für den Zusammenhalt und den wirtschaftlichen Erfolg der Gesellschaft. Gute Deutschkenntnisse seien „unersetzlich“ für den Bildungserfolg.
Köhler bemängelte, nur zehn Prozent der Staatsausgaben in Deutschland kämen dem Bildungssystem zugute. Bei Ausgaben für allgemeinbildende Schulen liege Deutschland unter dem Durchschnitt der OECD-Ländern. Der Abstand wachse. Er nannte den Glauben einen „Trugschluß“, das Problem könne durch Umschichtungen innerhalb der Bildungsausgaben behoben werden. Es wäre falsch, die Ausgaben für die Hochschulen zugunsten der frühkindlichen Erziehung zu kürzen. „Wir brauchen angemessene Finanzmittel für alle Bereiche des Bildungssystems, denn unsere Bildungsausgaben sind insgesamt zu niedrig.“ Die Vorstellung sei „kurzsichtig“, wegen sinkender Schülerzahlen die Ausgabe für die Schulen zu kürzen. Ohne ausreichende Ausgaben für die Bildungspolitik werde - wegen der Folgen - „der Weg zu gesunden Staatsfinanzen noch schwieriger“. Die Ministerpräsidenten der Länder wurden von Köhler aufgefordert, ihre Versprechen einzuhalten, „die Defizite abzubauen“. Er kritisierte indirekt, an den Vergleichsstudien lasse sich ablesen, wie es um die Anstrengungen derzeit stehe. „Für mich ist es ein zentraler Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit unserer bundesstaatlichen Ordnung, ob ihr die Verbesserung unseres Bildungswesens gelingt.“ Die Anwesenden applaudierten stehend.
Kurz kommentiert
Matthias Künzer (kuenzer)
- 21.09.2006, 16:54 Uhr
schade nur..
Kai Klinge (kaaa)
- 21.09.2006, 17:12 Uhr
Mit Vollgas Richtung "DDR"
Niko Akathari (NikoA)
- 21.09.2006, 18:04 Uhr
Soziales Pflichtjahr
Constantin Berg (berg11)
- 21.09.2006, 18:16 Uhr
Ausweitung der Zwangsdienste auf alle Jungen
Jürgen Kuhlmann (juergen180362)
- 21.09.2006, 18:20 Uhr