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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Politikbetrieb Achtung: Herrenwitz!

In Berlin ist alles erlaubt, sogar Humor. Nur eines ist verboten: sich sichtbar des Lebens zu erfreuen. Stattdessen lebt es sich in der Deckung am besten.

© dpa Vergrößern Erlaubt: zweckgerichtete gute Laune (“Nah bei den Menschen“)

Jüngst in Berlin, vor gut einer Woche war das, ist etwas Trauriges geschehen. Der örtliche „Carnevalsverein“ veranstaltete einen Faschingsumzug - Kurfürstendamm rauf, Kurfürstendamm runter, um Himmels willen bitte auf die Blumenkübel aufpassen, Konfettiverbot wegen der Reinigungskosten, behördliche Beschränkung der Musiklautstärke auf 75 Dezibel, was angeblich dem Lärm eines Staubsaugers entspricht. Dann war auch noch eine Delegation des „Bundes Deutscher Karneval“ im Bundeskanzleramt, angeblich zum sechsten Male hintereinander, bei Angela Merkel. „Wir öffnen Ihnen gerne freiwillig die Tür, dann können wir auch sicher sein, dass Sie das Bundeskanzleramt nicht ebenso stürmen wie sonst viele Rathäuser“, hat sie den Freunden des Frohsinns gesagt, und auf manchen der Fotos ist im Gesicht der Pfarrerstochter zu lesen, auch dieser Kelch werde bald an ihr vorübergegangen sein. Pflicht ist Pflicht.

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Es hat dem offiziösen TV-orientierten Sitzungskarneval im Auge der Berliner Politik nicht geholfen, dass er sich deren Maßstäben von Ordnung und Hierarchie angepasst hat, wie es sich einst die preußischen Rheinland-Besatzer nicht hätten träumen lassen, als sie die wüsten Feiern (von denen blieb bloß der „Straßenkarneval“) in gesetzliche Bahnen lenkten - „Festkomitee“ genannt. Die Nachkommen der einst Rebellierenden lebten und leben in innigster Symbiose mit denen, die ihre Protagonisten noch bekämpft hatten. Artig nehmen sie „Politik aufs Korn“ und überreichen Politikern anschließend den „Orden wider den tierischen Ernst“. Einzig derbe und billig zu formulierende Sprüche blieben als Verstoß gegen den Komment, die guten Sitten und die politische Correctness. Seit dieser Session werden sie „Herrenwitze“ genannt.

Hochdeutsch muss sein

Seit die Lokale rauchfrei sind und nur noch nach abgestandenem Bratfett riechen, sind die SäuberInnen anderswo unterwegs. Die unbedarfte oder auch bloß unbedachte Rede soll den Menschen ausgetrieben werden - einschließlich ihrer ironischen Ableger. Peer Steinbrück und das Kanzlergehalt; Wolfgang Thierse und der Schwabenstreit; Rainer Brüderle und die Kuh. Wehe dem, dem solches widerfährt. Die gefühlten 50 öffentlich-rechtlichen Talk-Sendungen je Woche haben den Part der Hexenverfolger und der Exorzisten der alten Zeiten übernommen. Leute, die öffentlich etwas werden wollen, müssen das gewärtigen. In der Deckung lebt es sich am besten. Ihr aller Vorbild: Angela Merkel, mittlerweile.

Die ganz und gar ernsthafte Analyse gibt es: Wolfgang Bosbach, ein CDU-Abgeordneter mit dem Arbeitsschwerpunkt „innere Sicherheit“, sei aus nämlichen Gründen nicht zum Bundesinnenminister aufgestiegen. Eigentlich wäre er an der Reihe gewesen. Bosbach ist konservativ genug, das Amt auszufüllen. Er stammt aus dem größten Landesverband der CDU. Im Radio und im Fernsehen warf er sich in die Bresche, für seine Kanzlerin, für seine Partei. Er war stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Doch Bosbach stieg nicht auf. Er hat einen Makel. Seine Rhetorik ist vom rheinischen Singsang geprägt, was gegen das Gesetz der Berliner Republik verstößt: Hochdeutsch muss sein. Dialekt gleich welcher Ausprägung klingt nach Provinzfasching. Achtung: Alt-Herrenwitz!

Noch schlimmer für Bosbach: In der sogenannten fünften Jahreszeit, also dieser Tage, setzt er sich selbst die Narrenkappe auf. Im Fernsehen ist auch deutlich zu sehen, dass er die sogenannten Prunksitzungen nicht aus Karrieregründen (“Sehen und gesehen werden“) oder aus Gründen der Pflichterfüllung (“Nah bei den Menschen“) besucht, sondern weil er es gerne tut und es genießt (“Spaß an der Freud“). Andrea Nahles muss aufpassen. Der sich pflichterfüllend arbeitswütig gebenden Kanzlerin würde das nicht unterlaufen.

Sich einfach so zu freuen, ist nicht erlaubt

Das Schlimmste aber war: Bosbach war auch Präsident einer Karnevalsgesellschaft (Große Gladbacher) und hatte als solcher auch büttenredenartige Reden zu halten - schräge Fotos inklusive. Das aber wirkt sich für einen aus der Berliner Politik noch schlimmer aus als etwa Auftritte des örtlichen Bürgermeisters auf einer Modemesse. Mochte Klaus Wowereit auch hundertmal sagen, ein solcher Auftritt gehöre zu seinen Aufgaben als Regierender Bürgermeister (“Standortförderung“) - weil er deren schöne Seiten genießt, kennen Konkurrenz und Medien keine Gnade. Wowereit, der pflichtvergessene „Partymeister“. In Angelegenheiten Rainer Brüderles ist das zur Hetze geworden. Dabei hätte der ehemalige rheinland-pfälzische und Weinköniginnen herzende Wirtschaftsminister (“Standortpflege“) gewarnt sein müssen. Brüderles Reden und die Zwischenrufe: „Büttenrede“, „Karneval“, „helau“ - Begrifflichkeiten der guten Laune wurden zu Rasierklingen.

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Die Leute rund um den Reichstag dürfen alles sein: zynisch und frech, strebsam und ehrgeizig, machtversessen und hinterlistig, sogar gutmenschlich. Aber eines dürfen sie nicht: sich sichtbar des Lebens erfreuen - nicht zweckgerichtet, sondern einfach so. Ihr Bekenntnis, das Leben in der Politik könne nur mit Humor ertragen werden, sollten sie erkennbar unernst aussprechen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.02.2013, 07:19 Uhr