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Berliner Flughafen Der Abflug verzögert sich um wenige Monate

 ·  Mit der verschobenen Eröffnung des Berliner Großflughafens erlebt die Hauptstadt eine Blamage. Weil CDU und SPD beide an Entscheidungen zum Flughafen beteiligt waren, stellen vor allem die kleinen Oppositionsparteien die Schuldfrage.

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Kaum war bekannt, dass der neue Flughafen Willy Brandt doch nicht wie geplant am 3. Juni eröffnet werden kann, bezog Berlin die schlechte Nachricht auf sich und befand sie für typisch Berlin. In den Berliner Zeitungen liest man die Geschichte des neuen Flughafens als eine Kette von Bruchlandungen und Fehlentscheidungen, als eine einzige Blamage für die Stadt, von „Posemuckel“ ist wieder die Rede, der Rücktritt von Klaus Wowereit (SPD) wird gefordert. Die Flughafengegner frohlocken: Sie haben es doch gleich gewusst. Die Brandenburger und Berliner Grünen wissen, wie die Zeit bis zur - verschobenen - Eröffnung am besten zu nutzen sei: Alle Lärmschutz-Versprechen für die Anwohner sollten gefälligst bis dahin eingehalten werden.

Immerhin, die neue Panne und die Reaktion auf die Verschiebung der Eröffnung zeigt, wie sehr die Berliner den angeblich ungeliebten neuen Flughafen inzwischen als ihre Angelegenheit ansehen. Die in Potsdam erscheinende Tageszeitung „Märkische Allgemeine“ titelte am Mittwoch kühl: „Großflughafen bleibt Großbaustelle“. Im Berliner „Tagesspiegel“ hieß es: „Berlin fällt aus allen Wolken“, in der „Berliner Zeitung“: „In der Warteschleife“ und „Projekt der Bruchpiloten“. Die Boulevardzeitung „B.Z.“ nimmt es dem Regierenden Bürgermeister übel, dass er nach dem Erhalt der schlechten Nachricht seine Termine weiterhin wahrnimmt, und selbst im fernen München wird den Zeitungslesern zur Nachricht auf Schönefeld der Regierende Bürgermeister von Berlin und nicht etwa Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gezeigt. Wowereit, so der Berliner FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner, sei es abermals „gelungen, Berlin zu blamieren“.

Der neue Flughafen, der in Schönefeld im Südosten Berlins nahe dem ehemaligen DDR-Zentralflughafen entsteht, ist, wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD) in den vergangenen Jahren nicht müde wurden zu wiederholen, „das größte Infrastrukturprojekt“ in Deutschlands Nordosten. Die Kosten sollen um die 2,5 Milliarden Euro betragen, der Bund ist zu 26 Prozent, Berlin und Brandenburg zu je 37 Prozent am Flughafen beteiligt. Eine Berolinensie ist das, was in Schönefeld passiert, also keineswegs. Schon einmal wurde die Eröffnung verschoben; ursprünglich sollten alle Flüge von und nach Berlin schon von Oktober 2011 an ausschließlich in Schönefeld starten und landen.

Die Nachricht, der neue Flughafen werde wegen mangelhafter Brandschutztechnik seinen Betrieb nicht pünktlich aufnehmen können, hat die Stadt Berlin in einen Gemütszustand zurückgeworfen, wie er in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war. Damals gehörten das Scheitern, das Unbeliebt-Sein, die unheilbare Untüchtigkeit und der damit einhergehende Selbsthass zum allgemeinen Lebensgefühl: Man war zwar Hauptstadt, aber die Bonner wollten nicht umziehen. Man war zwar glücklich wieder eine Stadt geworden, doch schien es Ost und West fast unmöglich, auf einen Nenner zu kommen. Berlin war damals die Hauptstadt der Deindustrialisierung und der Arbeitslosigkeit. Dass Berlin (damals von einer CDU/SPD-Koalition regiert), Brandenburg (allein von der SPD regiert) und der Bund (damals von CDU/CSU und FDP regiert) 1996 überhaupt die Kraft zu einem „Konsensbeschluss“ fanden, auf dem alle späteren Flughafenentscheidungen fußen, ist auch aus großer Distanz erstaunlich.

Ein weiteres „Typisch-Berlin“-Desaster

Und nun erlebt angeblich Berlin die größte Peinlichkeit aller modernen Flughafenbauherrn, da helfen alle Hinweise auf Pannen in London-Heathrow, Wien oder Warschau nichts. Nur die anhaltende S-Bahn-Krise, bei der jedoch selbst unter strapazierten Fahrgästen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist, bietet sich als vergleichbares „Typisch-Berlin“-Desaster an. Erinnert wird man in der Berliner Selbstkasteiungsorgie dieser Tage auch an die Eröffnung des schönen Hauptbahnhofs 2006, den manche im Abschiedsschmerz vom Bahnhof Zoo jedoch am liebsten gar nicht wahrgenommen hätten. Auch dort half eine schlimme Panne den Berlinern, sich mit dem Bauwerk schließlich doch noch zu identifizieren: Ein guter Teil der Glashalle liegt teuer eingelagert, ohne dass Hoffnung besteht, den Schwung der Originalentwürfe jemals ausgeführt zu sehen. Über Wowereits alten Kampfruf, das seit den traurigen neunziger Jahren flott und beliebt gewordene Berlin sei „arm, aber sexy“ höhnen die Berliner Jungen Liberalen, das sei Berlin gestern gewesen. An diesem Donnerstag wird Wowereit vor dem Berliner Abgeordnetenhaus eine Regierungserklärung zum Flughafen abgeben.

Es trifft sich gut, dass alle Parteien, die seither an Regierungen in Berlin und Brandenburg und damit an Entscheidungen zum Flughafen beteiligt waren, nun wieder oder, wie die SPD, immer noch regieren, so dass der verletztendste Hohn vor allem von den kleinen Oppositionsparteien Grüne, FDP und Piraten kommt. Die Linkspartei, die in Brandenburg mitregiert und in Berlin bis Ende vergangenen Jahres mitregierte, hat ihre frühere Gegnerschaft zu Schönefeld aufgegeben, ihre Vertreter saßen und sitzen im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft. Nur Gregor Gysi wirbt bei allen Gelegenheit dafür, das südlich von Berlin liegende Sperenberg sei der bessere Standort gewesen. Und die inzwischen auf der Oppositionsbank arbeitende Brandenburger CDU nimmt die Entscheidung, die Eröffnung zu verschieben, als Anlass, sich von Schönefeld gleich ganz zu verabschieden: „Die Märkische Union will einen wirtschaftlichen und akzeptierten Flughafen in Brandenburg, dies ist am Standort Schönefeld endgültig nicht mehr möglich“.

Im Ton mancher Beobachter und Berichterstatter fand sich in alter Berliner Tradition übergroße Skepsis und die Gewissheit, es werde vor der Eröffnung des Flughafens BER sicher noch tüchtig schiefgehen. Allen sichtbaren Fortschritte in Schönefeld, allen auch vor Betriebsbeginn des neuen Flughafens messbaren positiven Effekten auf den Arbeitsmarkt und allem Gedeihen zuvor schwieriger Stadtviertel in Berlins Südosten wurde Misstrauen entgegengebracht. Die demonstrative Zuversicht und Gelassenheit, die vom Sprecher der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft, Rainer Schwarz, bis hin zum Pressesprecher des Flughafens, Ralf Kunkel, alle Verantwortlichen zeigten, wird ihnen nun als Betrug und Irreführung der Behörden angekreidet. Doch nicht einmal der ehemalige Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) findet es eine gute Idee, Schwarz zu feuern, wie es viele fordern. Schwarz bat am Dienstag um Entschuldigung, Kunkel bat am Mittwoch um Verständnis und Geduld: Am nächsten Montag werde bekanntgegeben, wie es weitergehen soll.

Die Schuldfrage wird diesseits der politischen Schuldzuweisungen, von denen die meisten eindeutig vor Wowereits Tür landeten, schwierig zu klären sein. Auch beim Flughafen werden, wie bei der S-Bahn, wie auch beim Hauptbahnhof, viele Fragen wohl von den Gerichten zu klären sein. Die S-Bahn freut sich jedenfalls, an diesem Ärger keinen Anteil zu haben: Sie könne den versprochenen Verkehr nach Schönefeld vom 3. Juni an liefern, hieß es gleich am Dienstag, sie warte auf Nachricht vom Auftraggeber.

Was sollen die Mitarbeiter der Läden nun tun?

Unklar bleibt, was die in eigenen „Jobbörsen“ in Schönefeld eingestellten Mitarbeiter der 150 Läden und Lokale bis zum Tag der tatsächlichen Eröffnung tun sollen. Der neue Flughafen BER ist, anders als das kompakte Tegel, eine regelrechte Shopping Mall. Ebenso wenig ist bislang bekannt, ob die Läden in Tegel, denen die Räume gekündigt wurden, bis zur nunmehr verschobenen Schließung weiterarbeiten können, und ob die Mitarbeiter, denen zum 3. Juni gekündigt wurde, überhaupt noch für einen längeren Einsatz zur Verfügung stehen. Eine dritte - es hätte die letzte vor der Eröffnung sein sollen - Jobbörse fand jedenfalls am Mittwoch wie geplant in Schönefeld statt.

Früher als geplant werden, das teilten die Kirchen mit, alle zwölf ausgebildeten Flughafenseelsorger ihre Arbeit aufnehmen, wenn auch zunächst auf den alten Flughäfen Tegel und Schönefeld. Neue Hoffnung haben diejenigen geschöpft, die sich, bislang vergeblich, gegen den Neubau eines Abschiebegefängnisses am neuen Flughafen Schönefeld engagieren. „Wir brauchen keinen weiteren Flughafenstandort, an dem Asylsuchenden in einem Schnellverfahren im Flughafentransit abgespeist werden“, sage Marei Pelzer von „Pro Asyl“ am Mittwoch. Doch dieser Neubau soll dem Vernehmen nach pünktlich fertiggestellt werden. Die „Publikumstage“ am Samstag und Sonntag werden wie geplant stattfinden, dann können alle den neuen Flughafen besichtigen - zumindest von außen.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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