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Berlin Zwischen schäbig und schick

04.09.2010 ·  Wo einst die Mauer die Stadt durchschnitt, trennt heute der Mauerpark das junge, schicke Berlin von jenem anderen, das arm und nicht sexy ist. Die schöne Idee, den Todesstreifen in eine Grünanlage zu verwandeln, droht in einem erbitterten Streit unterzugehen.

Von Mechthild Küpper
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Am Sonntagnachmittag bildet der Mauerpark das Berliner Zentrum der gutmütigen Schadenfreude: Alle Plätze im Amphitheater sind besetzt, so talentlos die Karaoke-Darbietungen auch sein mögen. Schadenfreude scheint gute Laune und auch Appetit zu machen. Einfallsreiche junge Leute machen während der oft unsäglichen Vorführungen ein gutes Geschäft, wenn sie es schaffen, die billig beim Discounter gekauften Getränke mit ordentlichem Aufschlag loszuwerden. Junge Frauen bieten Kuchen feil, die nach Rezepten ihrer Heimat gebacken sind, einer verkauft handtellergroße selbstgemachte Minidrachen, die verblüffend gut fliegen. Wer einen sommerlichen Sonntagnachmittag im Mauerpark verbringt, versteht sofort, warum er so beliebt ist. Dabei ist sein Name eigentlich eine Irreführung. Denn ein Park, also eine gepflegte Grünanlage, das ist der Mauerpark wirklich nicht.

Über das, was sonst noch darin vorgeht, liest man gelegentlich in der Zeitung: „Randale im Mauerpark – Polizei räumt Grünanlage“ hieß es kürzlich, als wieder einmal ein Toilettenhäuschen und eine Mülltonne brannten. Regelmäßig kommt es zu nächtlichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Auch der Stadtplanungsausschuss des Bezirks Mitte brauchte Polizeischutz, als er im November über die lange geplante Erweiterung beriet.

Der Mauerpark ist ein Torso. So sympathisch seine Gründungsidee war – wo Grenze war, wird Grünanlage –, so heiß umkämpft ist seine Erweiterung. Gleich nach der friedlichen Revolution begannen Anwohner, den ehemaligen Todesstreifen als Grünfläche zu nutzen. Die Allianz-Umweltstiftung gab Anfang der neunziger Jahre 4,5 Millionen Mark für die Gestaltung eines mehr als sieben Hektar großen Teils des ehemaligen Güterbahnhofgeländes auf der östlichen Seite der ehemaligen Mauer, knüpfte an das Geschenk jedoch die Bedingung, dass bis 2010 ein mindestens zehn Hektar großer Park entstehen müsse. Ansonsten hätte das Land Berlin die Spende zurückzuzahlen. Die Erweiterung steht inzwischen unter Termindruck. Unter strenger politischer Beobachtung steht sie auch.

Auch militante Gruppen verteidigen den Status quo im Mauerpark

Bürgerinitiativen wie die „Freunde des Mauerparks e.V.“ oder der „Bürgerverein Gleimviertel“ reden bei der Gestaltung und Nutzung des Parks seit Jahren mit. Aber auch militante Gruppen treten als Verteidiger des Status quo im Mauerpark und anderswo auf: „Rette deine Stadt!“ lautete im Juni das Motto einer Demonstration zum Roten Rathaus. „Wir wenden uns dabei gegen die unsoziale und nicht nachhaltige Stadtentwicklungspolitik“, hieß es im Aufruf. „Riesige Betonklötze“ würden „Freiräumen und sozialen Projekten“ vorgezogen. Berliner Politik ziele auf die „Verdrängung der nicht besser verdienenden Bevölkerung aus der Innenstadt“. Die Linkspartei und die SPD, die Berlin gemeinsam regieren, zeigen Verständnis für die Angst vor der „Gentrifizierung“, also der Aufwertung von Wohnquartieren, wobei Sozialdemokraten die Verbesserung von Wohnbedingungen grundsätzlich begrüßen.

Bis zum 22. September können Bürger sich zum Bebauungsplan äußern, den die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte im Mai beschloss. Der Kompromiss zwischen Aktivisten, Verwaltung und Grundstückseigentümern heißt: Die Eigentümer überlassen dem Park knapp sechs Hektar Fläche auf der westlichen Seite der ehemaligen Mauer, im Stadtteil Wedding. Dafür dürfen sie im Süden und im Norden des erweiterten Mauerparks bauen: Wohnungen im Norden auf 3,5 Hektar, im Süden „parkverträgliche gewerbliche Nutzungen“ wie Handel, Hotels, Büros auf 1,1 Hektar Fläche. Der ursprüngliche Plan, die gesamte Westseite des Parks mit Wohnungen zu bebauen, wurde wegen des erbitterten Widerstands schon fallengelassen.

„Der politische Aushandlungsprozess liegt hinter uns“, sagte Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) im Juli vor einer „Bürgerwerkstatt“, für die eigens professionelle Mediatoren engagiert wurden. In einem „relativ aufwendigen Verfahren“, so der Stadtrat, sei für die „große Idee“ des Mauerparks nun ein „großer Kompromiss“ gefunden worden, die Veranstaltung sei der „Beginn eines strukturierten Verfahrens“, an dessen Ende auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer ein mehr als 13 Hektar großer Park stehen werde.

Die Grenze ist im Mauerpark faktisch noch da

Der Mauerpark ist ein schwierig zu verstehender Berliner Ort. Wo er ist, teilte bis 1989 die Mauer Ost- und West-Berlin. Heute teilt die Anlage die Stadtteile Wedding (West) und Prenzlauer Berg (Ost). Wo einst die Mauer die Stadt durchschnitt, trennt heute der Mauerpark das junge, bunte, schicke, gebildete, gutverdienende Berlin vom anderen, in dem sich arm nicht auf sexy reimt. Wer meint, man könne mit einem Spaziergang durch den Mauerpark von Ost nach West oder West nach Ost gelangen, wird sich wundern. Er wird weite Umwege zu gehen haben, über Zäune klettern müssen. Die Grenze ist faktisch noch da, auch wenn es jetzt Zäune um Gewerbehöfe oder ein meterhoher Bahndamm zwischen Straße und Park sind, die den west-östlichen Durchgang versperren. Es spricht Bände, dass sich die Bewohner der östlichen Seite die leere Fläche sofort nach dem Fall der Mauer aneigneten, die der westlichen jedoch bis heute nicht recht bei Stimme sind, wenn es um die Gestaltung einer Grünfläche auf dem ehemaligen Todesstreifen geht.

Die Mauer ist weg. Aber auf einer Anhöhe im Mauerpark gibt es noch die Hinterlandmauer, die den DDR-Bürgern zugewandte Mauer. Heute dient sie dem Graffitisprayernachwuchs als Übungsfläche. Graffiti hatte die echte Mauer nur auf der dem Westen zugewandten Seite. Vor der Hinterlandmauer sind Schaukeln an hohen Gestellen angebracht, Kinderspielzeug für Erwachsene, die schwingend das ozeanische Glücksgefühl der friedlichen Revolution nachempfinden können: „Der Wahnsinn!“, hieß es überall in Berlin in den Tagen nach dem Mauerfall. Wenn man den beißenden Gestank des Autolacks ertragen kann, sieht man von dort aus auf das schäbige West-Berlin, wie es sich im Schatten der Mauer zwischen 1961 und 1989 entfaltet hatte und seither unerlöst blieb.

Abgetretener Rasen, Graffiti und Müll zeugen von rücksichtsloser Nutzung

Nach neuen Zugängen zum Mauerpark fragten etliche Besucher der „Bürgerwerkstatt“. Eine Frau sagte, es werde wohl kaum eine Weddinger Kindergärtnerin mit ihre Gruppe durch den „Gleimtunnel“ – wo die Gleimstraße die alten Gleisanlagen unterquert, auf denen heute der Mauerpark liegt – trekken, um einen Park mit „null Aufenthaltsqualität“ aufzusuchen. Eine andere fragte, ob der Park nach seiner Fertigstellung denn überall so „wüst“ aussehen solle wie auf der östlichen Seite. Wer nicht so ist wie die jungen Leute, die sich an warmen Wochenenden zu Tausenden im Mauerpark treffen, hat es schwer, sich dort wohl zu fühlen. Nur von den Bocciaspielern geht ein Hauch von bürgerlichem Lebensstil aus. Abgetretener Rasen, Graffiti und Müll neben den zahlreichen Mülleimern zeugen von einer rücksichtslosen Nutzung. Zwanzig Personen müssen jeden Montag den Park vom Müll befreien.

Der Gartenarchitekt Gustav Lange, von dem der Plan des Mauerparks stammt, zitierte beziehungsreich Peter Joseph Lennés berühmten Satz: „Nichts gedeiht ohne Pflege; und die vortrefflichsten Dinge verlieren durch unzweckmäßige Behandlung ihren Wert.“ Der Mauerpark, sagte Lange, sei „eine Steppe“. An ihr könne man sehen, wie seit der Eröffnung mit den Bäumen umgegangen worden sei: klein seien die Eichen, hoch die Pappeln; der Wacholder, der dort gedeihe, könne überall wachsen. Der Teil westlich der Mauer, der nun hinzukomme, sei „im Grunde eine Müllkippe des Westens gewesen“. Der Bebauungsplanentwurf beschreibt die gegenwärtige Nutzung so: „kleinteilige Kfz- und andere Gewerbebetriebe, Lagerflächen für Gerüstbau und Schrott“.

Im Brunnenviertel wohnen vor allem Arme und Ausländer

Westlich der „Müllkippe“ heißt die Gegend Brunnenviertel. In den siebziger Jahren galt es als das größte Sanierungsgebiet Europas; die Sanierung hat das Viertel noch unattraktiver gemacht. Haupteigentümer – mit 5100 Wohnungen – ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo. Solange die Mauer stand, war das Brunnenviertel eine westliche Ausbuchtung in Ost-Berlin. Dort steht das herrliche AEG-Gebäude von Peter Behrens, in dem längst nichts mehr hergestellt wird, dort wohnen seit langem Arme und Ausländer, die Schulen haben einen schlechten Ruf. Anders als in Prenzlauer Berg, gibt es hier keine schlagkräftigen Bürgerinitiativen, die der Verwaltung in den Arm fallen, wenn ihnen deren Pläne nicht zusagen. Hier gibt es „Quartiersmanagement“, ein Instrument der Stadtentwicklung für besonders gefährdete Wohngebiete. Zwei Drittel der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, wie es heißt, mehr als vierzig Prozent leben von staatlichen Transferleistungen.

Die Degewo, die auf der Brunnenstraße ein Kundenbüro unterhält, weiß seit Jahren, wie sich die Situation verbessern ließe: Die im Grunde zentrale, aber abgeschottete Lage müsste durch neue Verbindungen zu den Nachbarn hin geöffnet werden, also zu den relativ wohlhabenden Quartieren Mitte im Süden und Prenzlauer Berg im Osten. Die Bewohner müssen merken, dass auf Sauberkeit und Ordnung Wert gelegt wird, die Bildungseinrichtungen müssen attraktiv werden. Die Degewo unternimmt etliches. Sie unterstützt den „Bildungsverbund“ der Schulen und Kindergärten und hat mit der Deutschen Olympischen Gesellschaft Sporträume für Kindergartenkinder eingerichtet. Am „Hofgarten“, einer kräftigbunten Anlage um einen gestalteten Hof herum, wurden die Häuser „zielgruppenorientiert“ für jüngere Familien saniert – wärmegedämmt, mit großzügig geschnittenen Bädern und Küchen. Unter den neuen Mietern berichtet der Vorstandsvorsitzende Frank Bielka, sei die Quote der Transfergeldbezieher geringer. Endlich eine Trendumkehr im Brunnenviertel.

Der Mauerpark muss aufhören zu trennen

Feydun Naziri vom Quartiersmanagement ist froh, dass auf der Weddinger Seite des Mauerparks keine neuen Wohnanlagen vorgesehen sind. „Das hätte Dauerkonflikte gegeben.“ Als Grünfläche brauchen die Weddinger den Mauerpark nicht so dringend wie die Bewohner von Prenzlauer Berg, denn östlich der Brunnenstraße liegt der Humboldthain, eine 29 Hektar große Parkanlage des 19. Jahrhunderts. Aber sie brauchen die Öffnung nach Osten und Süden. Der Mauerpark muss aufhören zu trennen, damit das Viertel eine andere Perspektive bekommen kann. Auch der inzwischen recht einfarbigen Szene im Mauerpark wird es gut tun, sich zu öffnen. Der erweiterte Park soll auch für ältere Menschen und für Familien einladender sein, als es der jetzige ist.

In den Läden an der Brunnenstraße ein „Factory Outlet“ mitten in der Stadt zu etablieren, wie es die Degewo versucht hat, ist misslungen. Aber die leerstehenden Ladengeschäfte zu günstigen Preisen an junge Designer zu vermieten und regelmäßig zu großen Veranstaltungen („Wedding Dress“) einzuladen, scheint mehr Erfolg zu versprechen. Wenn sie am Sonntag arbeite, erzählt Einat Zinger-Feiler, dann schauten oft Leute in ihrem Designladen vorbei, die aus dem Mauerpark oder der Open-Air-Ausstellung der benachbarten Gedenkstätte für die Berliner Mauer an der Bernauer Straße kommen.

Der Ton in der politischen Auseinandersetzung um die Erweiterung des Mauerparks ist rau. In der „Bürgerwerkstatt“ hat Stadtrat Gothe Verachtung und Misstrauen gegenüber der Verwaltung zu ertragen. Weil die Bezirkspolitiker von Prenzlauer Berg, das zu Pankow gehört, keine Zeit hatten, nahmen sie an der „Werkstatt“ nicht teil. Doch sind sie sich einig: Das neue Quartier, das im Nordwesten des Mauerparks entstehen wird, soll auf gar keinen Fall von Prenzlauer Berg her erschlossen werden, was für die Vermarktung der Wohnungen attraktiv wäre. Das Flair von Prenzlauer Berg treibt Immobilienpreise zuverlässig nach oben. Aber, sagt der Bürgermeister von Pankow, Matthias Köhne (SPD), es dürfe für die Neubauten „nichts kaputtgemacht werden, was wir in den vergangenen Jahren gebaut haben“ – nicht der Kinderbauernhof, nicht der Kletterfelsen.

Es könne niemand wollen, dass alles bleibe wie vor zwanzig Jahren

„Gentrifizierung“ hält Köhne für einen unangemessenen Begriff. Im Streit um den Mauerpark würden zum Teil ganz „egoistische Interessen“ verteidigt: „Vor der eigenen Wohnung soll alles frei bleiben.“ Die Angst vor der Gentrifizierung werde „missbraucht“, glaubt Köhne, es sei schließlich „absurd, sich über die Aufwertung zu beschweren“. Er jedenfalls sei „sehr einverstanden damit, dass die Brache am Mauerpark bebaut wird“, es könne niemand ernsthaft wollen, dass alles so bleibe, wie es vor zwanzig Jahren war.

Der nächste Konflikt, glaubt Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für öffentliche Ordnung in Pankow, werde bei Beginn der Straßensanierung an der Kastanienallee entstehen. Auch er hält „Gentrifizierung“ für einen ideologischen Kampfbegriff: Der Prozess der Verdrängung durch Verbesserung von Wohnquartieren sei in Prenzlauer Berg „vor zehn Jahren abgeschlossen“ gewesen. Mit viel Geld vom Staat seien inzwischen fast alle Wohnungen saniert, nun kämpfe eine ganz bestimmte Szene darum, „dass die Straßen verranzt bleiben“.

Kirchner kennt die „Männer in den besten Jahren mit Wohnsitz Prenzlauer Berg“, die Stadtrat Gothe in der Bürgerversammlung spitz als Wortführer des radikalen Widerstands ansprach. Sie seien vor etwa zehn Jahren nach Prenzlauer Berg gezogen. Der damalige Zustand – moderne Wohnungen in geschichtsverwittertem öffentlichen Raum – erscheine ihnen als verteidigenswert schick. Im Süden des Prenzlauer Bergs, berichtet Bürgermeister Köhne, sei eine sehr seltsame Bevölkerungsstruktur entstanden. Höchstens fünf Prozent seien dort über sechzig Jahre alt.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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