12.09.2006 · Mit Fleiß hat sich der CDU-Spitzenkandidat den Berlinern bekannt gemacht, doch populär ist er nicht geworden. Ein Machtmensch, das zeigt seine Berliner Mission, ist Friedbert Pflüger trotz seiner großen politischen Erfahrung nicht.
Und dann kam, wie es in einer alten Fußballweisheit heißt, auch noch Pech dazu. Nach vier Jahren auf der Oppositionsbank war Friedbert Pflüger nicht der Wunschkandidat der Berliner CDU. Da aber deren Vorsitzender Ingo Schmitt niemanden gefunden hatte, der für die Union in der Hauptstadt gegen Klaus Wowereit antreten mochte, hat sie ihn schließlich akzeptiert. Seit März ist er ihr Spitzenkandidat.
Pflüger lobt die Geschlossenheit der Partei, Schmitt nennt er „loyal“, die Stimmung auf der Straße empfindet er als weitaus freundlicher, als es die Umfragewerte von 21 bis 26 Prozent vermuten ließen. Wahlkampf in Berlin war für Friedbert Pflüger wahrlich kein Vergnügen. Als Kette von Pannen und Mißverständnissen nimmt er seine Erfahrungen nicht wahr, obwohl die vielen Berliner Zeitungen jeden falschen Ton registriert haben.
Vicky Leandros als Kultursenatorin?
Im Ostteil Berlins die alte SED-Parole „Arbeite mit, plane mit, regiere mit“ für den CDU-Wahlkampf wiederzubeleben, fanden wenige komisch. Die Sängerin Vicky Leandros ernsthaft als Kultursenatorin in Erwägung zu ziehen erwies sich als schlechte Idee für die Partei des „bürgerlichen Berlins“. Daß Pflüger sich erst „mit Haut und Haaren“ der „großartigen Stadt“ Berlin verschrieb und Tage später in einer hannoverschen Zeitung, abermals auf „H“ alliterierend, beteuerte „Meine Heimat ist Hannover - das halte ich hoch und heilig“, wurde nach allen Regeln der Wahlkampfkunst gegen ihn verwandt.
Dabei hätte Pflüger es beim Thema Heimat gar nicht nötig, sentimental zu werden. Er kennt Berlin gut, weil er Mitarbeiter von Richard von Weizsäcker war, der 1981 Regierender Bürgermeister wurde. Und daß er biographisch wie politisch Niedersachse ist, steht nun einmal fest. Innerhalb weniger Monate hat Pflüger sich nun in der Stadt Berlin neu bekannt gemacht.
Publiziert seine Meinung emsig
Unendlich fleißig, besucht er Kreis- und Ortsvereine der CDU, besichtigt Betriebe, ermutigt Streikende, er hat Schulen besucht und Anwohner, die gegen den Bau einer Moschee protestieren. Er hat zu vielen Dingen eine Meinung und publiziert diese emsig. Wenn die „gefühlte Temperatur“ beim Wetter eine Entsprechung in der Politik hätte und wenn sie durch Fleiß und Willensstärke herzuzwingen wäre, müßte die Berliner Union sich ihm inzwischen ganz anverwandelt haben. Er werde sich „dafür zerreißen“, versprach er vor einem Parteitag im Juli, daß Berlin „auf Augenhöhe mit seinen Chancen“ regiert werde, also von ihm.
Pflüger ist kein Anfänger in der Politik, seine Karriere ist geradezu die klassische eines Mannes, der Spitzenpositionen anstrebt. Er studierte Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaft in Göttingen, Bonn und an der Harvard-Universität und wurde 1982 promoviert. 1971 trat er in die CDU ein, 1977 wurde er Vorsitzender des RCDS. Bis 1989 arbeitete er für Weizsäcker, zuerst im Schöneberger Rathaus, dann im Bundespräsidialamt in Bonn. Seit 1990 sitzt Pflüger im Bundestag.
Rot-Rot liegt in Umfragen vorn
1998 wurde er stellvertretender CDU-Vorsitzender in Niedersachsen, 2000 gelangte er in den Bundesvorstand seiner Partei. Während seiner politischen Karriere publizierte er fleißig; mit seinen Debattenbeiträgen schuf er fast so etwas wie ein eigenes Genre, außer ihm wäre wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen, der Quadriga auf dem Brandenburger Tor den Preußenadler und das Eiserne Kreuz nehmen zu wollen. Im Kabinett Merkel wurde er nicht Verteidigungsminister, sondern Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium.
Pflügers Referenzkarrieren sind die von Christian Wulff oder Peter Müller, die jahrelang Wahlen nicht gewannen und dennoch inzwischen unangefochten an der Spitze der Union stehen. Etwas eiliger wird Pflüger es mit Anfang Fünfzig wohl haben. Für die Berliner Mission wäre eigentlich ein Spieler notwendig gewesen; das aber ist Pflüger nicht. Denn unter den gegebenen Umständen - Rot-Rot liegt in den Umfragen vorn, und wenn es dafür nicht reicht, stehen die Grünen für eine Dreierkonstellation bereit - ist kaum auf Sieg zu setzen.
Berliner Machtbasis aufbauen
Nach einem Achtungserfolg wäre in der Partei Aufbauarbeit zu leisten und nach außen hin Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, so daß 2011 oder früher Ersatz für Rot-Rot vorhanden wäre. Wenn Pflüger Bundestagsabgeordneter geblieben wäre und sich in Berlin einen mitgliederstarken Kreisverband und den Landesvorsitz hätte zusichern lassen, hätte er eine Berliner Machtbasis aufbauen können und seine persönliche Unabhängigkeit stärker geschützt.
So leiden er und sein Wahlkampf unter den falschen Tönen, den seine Als-ob-Strategie produziert. Mit seinem Fleiß hat er sich den Wählern zwar innerhalb weniger Monate bekannt gemacht, doch populär ist er nicht geworden. Die Handlung des Films „Mission impossible“ mußte einem schon sehr geläufig sein, um nicht zu stutzen, als Pflüger dem Besitzer der Königlichen Porzellanmanufaktur zurief, sie beide hätten wohl einen solchen Auftrag.
„Fest entschlossen zu gewinnen“
Ein Machtmensch, das zeigt seine Berliner Mission, ist Pflüger trotz seiner großen politischen Erfahrung nicht. Das Machtgefüge der Berliner Union, die einige Kreisvorsitzende unter sich aufteilen, hat er gar nicht erst angefaßt. So ist er für sein künftiges persönliches Schicksal rettungslos auf das Wohlwollen weniger Männer angewiesen. Sein Haus in Hannover hat er verkauft, eine Wohnung in Berlin hat er gekauft, Pflüger wird sein Bundestagsmandat und sein Amt niederlegen und will mit seiner jungen Lebensgefährtin und den inzwischen zwei Kindern Berliner werden.
„Wir sind nach wie vor fest entschlossen zu gewinnen. Das ist auch notwendig, weil Berlin sonst der Abstieg droht.“ Ob die erprobte Wahlfrage „Wir oder der Untergang“ zieht, wo die CDU für die Regierungsbildung so wenig gebraucht wird wie in diesem Herbst in Berlin, ist unwahrscheinlich. Den Wahlkampf zu nutzen, um der CDU zumindest etwas mehr Sympathie zuzuführen, als sie sich durch Oppositionsarbeit in den fünf Jahren Rot-Rot erwarb, oder etwa ein wichtiges Thema wie die Bildungspolitik erfolgreich gegen Rot-Rot zuzuspitzen, ist der Pflüger-Kampagne bisher nicht gelungen. Er will Fraktionsvorsitzender werden. Doch ist nicht einmal ausgemacht, ob er ins Abgeordnetenhaus gewählt werden wird; sicher ist sein Wahlkreis für die CDU nicht.