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Demonstration gegen Judenhass : „Fragste ma’ da drüb’m“

  • -Aktualisiert am

Das Tragen der Kippa als Zeichen gegen jeden Antisemitismus: Berlin solidarisierte sich. Bild: AFP

Kippas soweit das Auge reicht: In Berlin setzen 2000 Menschen ein Zeichen gegen Antisemitismus und solidarisieren sich mit den dort lebenden Juden. Doch das kann erst der Anfang sein.

          Wo bekommt man eigentlich eine Kippa her? Seit dem Wochenende war die Frage nach der traditionellen Kopfbedeckung männlicher Juden immer wieder unter Hauptstädtern zu hören. Der Aufruf, gemeinsam Kippa zu tragen, von Gideon Joffe, Vorsitzendem der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, war allgegenwärtig. Er lief über die großen Medientafeln an den S-Bahnhöfen, sämtliche Lokalzeitungen hatten immer wieder berichtet. Aber woher man das kleine Stoffhütchen bekommen sollte, schien niemand zu wissen.

          Selbst bei der Solidaritätsveranstaltung „Berlin trägt Kippa“ in der Fasanenstraße ist am Mittwochabend immer wieder diese Frage zu hören. „Fragste ma’ da drüb’m“, ist meist die Antwort. Gemeindemitglieder, Sport- und Jugendclubs verteilen welche. Viele haben ihre eigene mitgebracht. So wie der 39 Jahre alte Matthias Kundt, der im Bezirk Schöneberg lebt. „Ich war erst vor Kurzem in Israel“, sagt er. „Es hat mir sehr gut gefallen, und ich finde es außerdem absolut nicht in Ordnung, was da passiert ist im Prenzlauer Berg.“ Vor einer Woche hatte dort ein 19-Jähriger mit einem Gürtel auf einen jungen Israeli eingeschlagen, weil dieser eine Kippa trug. Diese hatte der Israeli angezogen, der sich in Interviews als arabisch und nicht gläubig bezeichnete, weil ein Freund aus Israel zu ihm gesagt hatte, dass man in Berlin nicht mit Kippa durch die Straßen laufen könne.

          Wie viele andere im Publikum ist Kundt kein Jude. Über der Brusttasche seines Jacketts hat Kundt eine Nadel plaziert. Die deutsche und die israelische Flagge sind daran miteinander verschlungen. „Seien wir ehrlich, diese Anfeindungen gibt es nicht nur gegen Juden, die gibt es gegen alle möglichen Gruppen. Man muss aber sagen: Nein, wir machen da nicht mit.“

          Angriff im Zentrum der Latte-Macchiato-Spießigkeit

          Der Angriff auf den Kippaträger hat viele Berliner erschüttert. Nicht nur wegen des gnadenlosen Hasses in den Augen eines Teenagers. Bestürzend war vor allem, dass die Attacke nicht in einem „Problemkiez“ stattfand, sondern am geradezu idyllischen Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg. Mitten im post-gentrifizierten Zentrum der Latte-Macchiato-Spießigkeit. Quasi „unter uns“, so der Tenor in den Kommentarspalten: Mitten am Tag.

          Seine Gemeinde sei daraufhin mit Solidaritätsbekundungen geradezu überschüttet worden, sagt Joffe. „Dass wir heute hier sind, liegt an den Nicht-Juden.“ Mehr als 2000 Menschen sind seinem Aufruf gefolgt. Doppelt so viele wie erhofft. „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben nie wieder so viele Menschen gemeinsam Kippa in Deutschland getragen, wie hier heute in Berlin“, ruft er ins Mikrofon. Auch Annette Widmann-Mauz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, will noch nie so viele Kippas gesehen haben. „Und ich war schon oft in Israel“, sagt sie.

          Trug auch Kippa, ließ aber konkrete Lösungsvorschläge gegen die Bekämpfung von Antisemitismus zuhause: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (Mitte)

          Die 2000 Menschen, die am Abend Kippa tragen, erscheinen von hinten wie eine riesige Menge. Inmitten einer Großstadt, in der 3,6 Millionen Menschen leben, sind 2000 aber dann doch nur eine kleinere Gruppe, die jetzt von Journalisten und Sicherheitsbeamten durchpflügt wird. Dutzende Polizisten stehen an sämtlichen Zugängen zu der kleinen Seitenstraße. An der Kantstraße und am Ku’damm wurde die Zufahrt sogar blockiert. Einmal an den Beamten vorbei, trauen sich viele erst ihr Hütchen aufzusetzen. Die große Anzahl von Sicherheitskräften kann aber auch nervös machen. Sobald bei den Reden dazwischen gerufen wird, drehen sich Hunderte Köpfe um. Eine Versammlung von, mit und unter Juden ist noch lange nicht normal in Deutschland.

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