Sobald ein Bauzaun errichtet wird, kommen die Leute, gucken und nehmen es als gutes Zeichen: Es tut sich was! Berlin verändert sich, doch längst nicht alle sind bereit, Veränderungen als positiv wahrzunehmen. In Schöneweide ist beileibe noch nicht alles gut, doch könnten die Bewohner das Schlimmste hinter sich haben. Im Südosten der Stadt südlich der Spree, fast schon in Schönefeld gelegen, wo der Großflughafen Willy Brandt seiner Vollendung entgegengeht, haben die Bürger vor etlichen Jahren schon die Geschicke ihres Quartiers in die Hand genommen.
In Schöneweide entstand 2002 die erste Berliner „Bürgerplattform“ nach dem Vorbild des amerikanischen Community Organizing, an dem sich als junger Mann in Chicago auch Präsident Obama versucht hat. Die Plattform „Organizing Schöneweide“ nennt sich im Untertitel: „Menschen verändern ihren Kiez“, und das ist inzwischen mehr als ein guter Vorsatz. Nach zähem Ringen mit Verwaltung und Politik gelang der Plattform das Gesellenstück, die bis dahin auf fünf weit auseinanderliegende Standorte verstreuten Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in die schöne alte Fabrikhalle des ehemaligen Kabelwerks Oberspree (KWO) zu verlegen. Seit 2009 bevölkern 7000 Studierende und über tausend Hochschullehrer, Mitarbeiter und Lehrbeauftragte den Stadtteil.
„Am Fließband kleine Brötchen backen“
Agnes-Maria Strauch ist Koordinatorin von „Organizing Schöneweide“, das sich anschickt, zur „Bürgerplattform Südost“ zu expandieren. Südost ist das Zauberwort. Denn in Berlins Südosten liegt der neue Flughafen, der vieles verändern wird. Dort entstehen Jobs, und gut erschlossene Gewerbeflächen in seiner Nähe werden attraktiv. Die Proteste gegen die erwartete Belastung durch Fluglärm schaffen es inzwischen in die überregionalen Nachrichten, doch auch die guten Neuigkeiten sprechen sich allmählich herum. Im Südosten liegt auch Adlershof, das heute als Erfolg gezählt wird, vor zwanzig Jahren aber als einzige Problemzone galt. Abgewickelte Institute der DDR-Akademie der Wissenschaften, Industriedenkmale, ein ehrwürdiger früherer Flugplatz: viel Vergangenheit, aber keine Perspektive, keine Arbeitsplätze. Etliche Jahre und 1,3 Milliarden Euro für den Ausbau der Infrastruktur später arbeiten dort die naturwissenschaftlichen Fächer der Humboldt-Universität und elf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, und ein modernes Technologie- und Gründerzentrum beherbergt 800 Firmen. Adlershof liegt zehn Minuten entfernt vom neuen Flughafen.
Begleitet hat den Erfolg die Anfang der 1990er Jahre gegründete Firma „Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof“, kurz: Wista Management. Sie hat vom Land Berlin auch den Auftrag bekommen, die Fläche des Flughafens Tegel, der im Sommer den Betrieb einstellen wird, zu entwickeln. Zwischendurch hat Wista die Ausschreibung für das Regionalmanagement in Schöneweide gewonnen: Es liege „auf einer neuen Wachstumsachse“ zwischen dem neuen Flughafen Schönefeld und dem alten in Tempelhof. Beharrlichkeit und Bescheidenheit, sagt Peter Strunk von Wista, seien die Voraussetzungen des Adlershofer Erfolgs gewesen: „Am Fließband kleine Brötchen backen“, das habe schließlich Erfolge produziert, die sich sehen lassen könnten.
In Schöneweide besäßen „alle Partner den unbedingten Willen zum Gelingen“. Weil in Schöneweide in den Jahren nach dem Ende der DDR 20.000 Industriearbeitsplätze verlorengingen, herrschte dort lange Depression. Doch durch die Arbeit der Bürgerplattform existiert laut Strunk in Schöneweide inzwischen etwas in Berlin sehr Seltenes: eine „wirtschaftsfreundliche Bürgerbeteiligung“. Weiter westlich an der Spree, in Kreuzberg-Friedrichshain, mobilisiert die linke Szene gegen Investitionsvorhaben. Selbst gegen eine temporäre Veranstaltung zur Entwicklung moderner Großstädte, „Guggenheim Lab“, tritt das militante Kreuzberg auf, als ginge es um Vertreibung.
In Schöneweide treffen Veränderungen auf positive Resonanz. Der größte Eigentümer, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo, registrierte in den vergangenen sechs Jahren einen Rückgang des Leerstands um zwei Drittel. Seit 2007 sei das Haushaltseinkommen neuer Mieter um 32 Prozent gestiegen, vor allem junge Singles und Familien ziehen nach Schöneweide, das kürzlich die Einwohnerzahl von 1990 wieder erreicht hat.
Auch Unternehmen und Arbeitsplätze anlocken
Von den 750.000 Euro, die das Regionalmanagement für drei Jahre zur Verfügung hat, stammen 150.000 Euro von Unternehmern und Bürgern aus dem Quartier, 600.000 Euro stammen je zur Hälfte aus Bundes- und Landesmitteln. Schon die „Schöneweide AG“ der Bürgerplattform hatte 2007 den Ehrgeiz, zur Hochschule rasch auch Unternehmen und Arbeitsplätze anzulocken. Denn leere Gewerbeflächen gibt es dort genug. Unerwartet schwierig war jedoch, herauszufinden, wem was gehört. Die Katasterunterlagen fanden sich schließlich in einem anderen Bezirk, nun wird mit Hilfe der HTW ein verlässlicher Flächenatlas erstellt, berichtet Helge Neumann, der Leiter des Regionalmanagements. Neumann, der zuvor in Adlershof gearbeitet hat, sieht starke Parallelen zwischen Adlershof und Schöneweide, die endlich nicht nur Nachbarn seien, sondern etwas miteinander anzufangen wüssten. Wie Strunk sieht er den Südosten als „einen Technologieraum“ an. Es ist der Ehrgeiz der Regionalmanager, sich nach drei Jahren selbst zu tragen, das schüfe Unabhängigkeit von Wahlperioden und Förderzyklen. Doch zuvor müssen Ansiedlungserfolge her, am liebsten mit Firmen aus der Energie- und Kreativwirtschaft.
2009 habe sich als unerwartet zähes Jahr erwiesen, berichtet Pfarrer Joachim Georg von der Evangelisch-methodistischen Kirche, die Mitglied in der „Bürgerplattform“ ist. Nach der erfolgreichen Hochschulansiedlung sei plötzlich alles sehr langwierig und unproduktiv gegangen. Viel besser sei inzwischen die Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Treptow-Köpenick geworden, berichtet Alexander von Reden, der seit zwei Jahren für die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner die Bestandunternehmen betreut. Dass seit Herbst ein neuer, junger Bezirksbürgermeister im Amt ist, kann nicht schaden. Denn Oliver Igel will aus dem neuen Flughafen mehr für seinen Bezirk Treptow-Köpenick herausholen als Fluglärm.
Berlin
Gustav Linke (Rentner69)
- 08.04.2012, 17:28 Uhr
Bürgervereine gibt es überall
Winfried Trümper (wtruz)
- 07.04.2012, 13:42 Uhr
Organizing Schöneweide
Simon Steiner (berlinsen)
- 05.04.2012, 23:07 Uhr