08.08.2003 · Der Neubau der Akademie der Künste in Berlin wird vorerst gestoppt. Die für die Aufbewahrung der kostbaren Archive vorgesehenen Keller sind vom Schimmelpilz befallen. Damit ist der Bau praktisch wertlos.
Von Mechthild Küpper, BerlinDie Amerikaner haben beim Senat einen Bauantrag für den Neubau ihrer Botschaft in Berlin gestellt. In diesem Jahr soll der Antrag genehmigt werden; Mitte nächsten Jahres soll der Bau begonnen werden, Anfang 2007 soll er fertiggestellt sein. Das war eine gute Nachricht, denn jahrelang hatten sich die Berliner Behörden und die Amerikaner über einen vernünftigen Interessenausgleich zwischen den hohen Sicherheitsanforderungen für eine Botschaft der Vereinigten Staaten und den Wünschen der Stadt Berlin nach einem schönen, harmonischen Pariser Platz gestritten.
Aus dem bauenden und planenden Berlin ist dies die einzige gute Nachricht dieses Sommers. Von einer anderen berühmten Baustelle am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor kamen Schreckensnachrichten: Die für die Aufbewahrung der kostbaren Archive der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste vorgesehenen Keller sind vom Schimmelpilz befallen. Sie liegen bis zu zwölf Meter unter der Erde. Die Baufirma Pegel & Sohn stellte die Bauarbeiten am 22. Juli ein, kündigte ihren Generalunternehmervertrag und teilte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit, die Untergeschosse seien "nicht für Archive geeignet". Die Akademie ist entsetzt: Wenn ihr Archiv dort nicht gelagert werden könne, sei der Bau praktisch wertlos.
Suche nach Schuldigen
Es begann die Suche nach dem Schuldigen. Fast alle Beteiligten wurden genannt: Die Akademie selbst, die den Neubau der Architekten Günter Behnisch und Werner Durth mit immer neuen Änderungswünschen teurer gemacht und deren Frühwarnsystem nicht funktioniert habe. Die Objektgesellschaft Lindo GmbH & Co KG, die als Bauherr des Neubaus auftritt, der in einem Mietkaufverfahren allmählich wieder ans Land Berlin fallen soll. Die Baufirma Pegel&Sohn, die als Generalunternehmer den Bau errichtet und sich mit der Lindo um etliche Millionen Euro für angeblich von ihr erbrachte Bauleistungen streitet.
Noch nicht verdächtig sind die Architekten, die für den Bau am historischen Ort der Preußischen Akademie der Künste eine Glasfassade entworfen haben, und das, obwohl Behnisch-Bauten nicht gerade für die Unterschreitung von Kostenplänen bekannt sind. Vom Senatsbaudirektor war die Fassadengestaltung erbittert bekämpft worden, was den Baubeginn verzögerte.
Scharfe Angriffe
Die Vorsitzende des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses, Alice Ströver (Grüne), griff Stadtentwicklungssenator Strieder (SPD) scharf an: Ihm müsse die Zuständigkeit für diesen Bau entzogen werden. Er sei seiner Verantwortung, dessen Fortgang fachlich zu beaufsichtigen und die Kostenentwicklung zu kontrollieren, nicht gerecht geworden.
Die Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, mag sich mit den Streitigkeiten um den Neubau der Institution, die der Bund von 2004 an von Berlin übernimmt, gar nicht erst befassen. Ein Satz von ihr erklärt die Zurückhaltung: "Sie kennen all die Tücken der Berliner Baupolitik, die nicht da davor zurückschreckt, einem Ort des Geistes zwar eine Hülle zu geben, aber keine Stühle, kein Telefon, nicht mal eine Lampe."
Optimistische Beurteilung
Strieder, dem in der Debatte über die Akademie-Baustelle die Rolle des Sündenbocks zugewiesen wurde, beurteilt die Lage wie ein Optimist: Es sei besser, den Bau selbst weiterzuführen, er werde das Projekt an sich ziehen, kündigte er am Freitag an. "Erneute Schimmelpilzbildung in den zukünftigen Magazinräumen der Akademie der Künste wird verhindert werden", heißt es in einer Erklärung aus seinem Haus.
Der Pilzbefall sei am 31. Juli bemerkt worden, er finde sich "ausschließlich auf dem vor drei Wochen aufgebrachten mineralischen Wandanstrich". Das warme Wetter und die rege Bautätigkeit hätten die Luftfeuchtigkeit im Keller und die Kondensatbildung an den Kellerwänden bewirkt. Der Schimmelbefall sei jedoch vorübergehender Natur: "Im späteren Betrieb und durch die dann vorhandene Klimatisierung der Archivräume" sei neue Schimmelbildung "ausgeschlossen".
Strittige Stadtentwicklungspolitik
Daß die Baustelle am Pariser Platz sorgloser betrachtet werden wird, weil Strieder sich der Sache annimmt, ist nicht zu vermuten. Schimmelpilze sind nicht mehr das Thema, jetzt geht es um die Stadtentwicklungspolitik des von SPD und PDS geführten Senats insgesamt. Schon wird in der Presse das lange Register Berliner Bausünden und Planungstorheiten aufgeführt: Das Gebäude für die "Topographie des Terrors" auf dem Gelände des Reichssicherheitshauptamts. Die "Kanzler-U-Bahn", die auf Jahre hinaus eine Investitionsruine sein wird. Der unbefriedigende Zustand des Alexanderplatzes. Die Straßenbahnlinien, für die erst Schienen verlegt und die dann verschoben wurden. Der teure Veranstaltungsort "Tempodrom", das keinen Käufer findet.