03.10.2007 · An die Teilung Berlins erinnern sich an der Spree nur noch die Alten. Und gibt's neben dem Osten und Westen nicht auch noch die Stadt der Migranten und der Zugezogenen? Eine Reportage von Oliver Hoischen.
Von Oliver HoischenAuch Waltraud Ziervogel will am Tag der Deutschen Einheit einmal nicht um halb sechs Uhr in der Früh in ihrer Bude stehen müssen, so, wie sie es sonst immer tut: erst aufstehen mitten in der Nacht in Hohenschönhausen, ganz weit draußen, wo sie nett im Grünen wohnt, dann reinfahren nach Prenzlauer Berg, wo es ein bisschen weniger grün ist, dafür aber immer brummt, wo direkt vor ihren Augen die Kastanienallee im spitzen Winkel auf die Schönhauser trifft, die Trams in den Schienen jaulen und obendrüber, genau über ihrem Kopf, die U-Bahn der Linie 2 nonstop zwischen Pankow im Osten und Ruhleben im Westen hin- und herdonnert.
Dabei könnte sie sicher wieder ein prima Geschäft machen: Ein Bus mit 45 Personen ist telefonisch avisiert worden - Touristen, wie immer an den Wochenenden, erst gestern war eine Gruppe Japaner da. Aber Waltraud Ziervogel will nicht: „Der Feiertag ist uns heilig“, sagt sie und lächelt entschuldigend, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen den Becher Kaffee.
„Die Leute standen bis hinten an die Säule“
Dabei ist ihre Currywurst eine der besten der Stadt und zudem noch weltberühmt. Max Konnopke, ihr Vater, ein richtiger Wurstmaxe, hat den Laden 1930 gegründet. Inzwischen ist ihr Sohn, Mario, für die geheime Herstellung der Soße zuständig, Waltraud Ziervogel, 71 Jahre alt, gibt aber den Takt vor. Sie ist das, was man ein Berliner Original nennt - und hervorragend geeignet, um über die Einheit der Stadt Auskunft zu geben, heute, siebzehn Jahre danach.
Man muss ihr nur zuhören, wie sie von ihrer Welt erzählt und wie die sich gewandelt hat, vom Leben im Osten damals, als alle Arbeit gehabt hätten und es noch richtig familiär zugegangen sei, als sich die Männer schon vor Dienstantritt ihr erstes Bier am Kiosk holten: „Das traut sich doch heute keiner mehr“, sagt sie schmunzelnd. Extra eine Bahn früher seien die Männer damals gekommen, um sich mit den Kollegen zu treffen, eine Brühe zu trinken, eine „Curry“ zu essen - Waltraud Ziervogel sagt „Curry“, nicht „Currywurst“. Schon damals, zu Ostzeiten, hatte sie 14 Mitarbeiter, jede Schicht fuhr sie mit sieben Mann und - sie macht eine lässige Handbewegung - „die Leute standen bis hinten an die Säule“.
Ost- von Westkundschaft unterscheiden
Das tun sie noch immer: Als Erste kommen die Handwerker von den Baustellen, danach viele Mütter mit Kinderwagen, mittags die Touristen, dann die jungen, sogenannten kreativen Leute mit ihren Ray-Ban-Brillen, Carharrt-Jacken und weißen Lacoste-Turnschuhen, die als Berlin-Mitte-Boys besungen wurden und sich inzwischen manchmal selber auf die Nerven gehen. Waltraud Ziervogel behauptet, sie könne Ostkundschaft noch immer von Westkundschaft unterscheiden: „Das sieht man einem Menschen doch an, ob der das ganze Leben gearbeitet hat oder frisch und ausgeruht ist“, sagt sie und meint damit auch sich selbst.
Sie erzählt von den schick renovierten Altbauwohnungen, den Cafés, Designläden und Frisören in ihrer Nachbarschaft - doch anzufangen weiß sie mit alldem nichts so recht. „Es hat sich ganz schön entwickelt hier“, sagt sie nur. Kürzlich war sie in der Kopenhagener Straße, gleich um die Ecke, und fast hätte sie das Haus, in dem sie geboren wurde, nicht mehr wiedererkannt: da waren jetzt sogar Balkone dran!
Viele Junge, aus dem alten Westdeutschland
Ost und West? Nur die Älteren können sich noch an diese Aufteilung erinnern, wie Waltraud Ziervogel eben, im äußeren Bild der Stadt sind die Narben längst verheilt. In Wahrheit sei Berlin ja auch viergeteilt, sagt Joachim Zeller, stellvertretender Bezirksbürgermeister von Mitte. Da gebe es zwar noch das alte West-Berlin, mit Wilmersdorf, Charlottenburg oder Spandau, und das alte Ost-Berlin, mit Lichtenberg, Marzahn oder Hohenschönhausen - dort pflegten manche weiter ihre Vorurteile, nach dem Motto: Der Westen hat uns vereinnahmt. Und: Die im Osten jammern nur.
Aber da sei auch die Migrantenstadt, die Türken in Kreuzberg und Wedding, von denen viele schlecht ausgebildet sind und arbeitslos und ihre eigenen Probleme haben. Und vor allem gibt es nun das neue, das blühende Berlin, mit den vielen Jungen, den aus dem alten Westdeutschland Zugezogenen, „die die Mitte der Stadt erobern, weil die anderen sie verlassen haben“. Von den 3,4 Millionen Einwohnern hat eine Million vor der Wende noch nicht in Berlin gelebt, in Mitte und Prenzlauer Berg ist der Bevölkerungsaustausch besonders groß, in manchen Straßenzügen wohnen bis zu achtzig Prozent Neu-Berliner. Im Übrigen, sagt Zeller, lebten die Berliner in ihren Kiezen, schließlich werde die Stadt erst seit 1920 einheitlich verwaltet. Zuerst ist der Berliner also noch immer Reinickendorfer, Tempelhofer, Friedrichshainer.
„Berlin ist das Rom der Zeitgeschichte“
Die Touristen finden das faszinierend. Rund 17 Millionen Übernachtungen wird es dieses Jahr geben, die Zuwachsraten sind zweistellig. „In Amerika meinen viele, Rom und Paris seien bald out“, sagt Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berliner Tourismus GmbH. „Berlin dagegen hat das Image einer hippen, jungen Stadt, in der viel experimentiert wird.“ Tom Cruise, Brad Pitt und Matt Damon seien zum Filmedrehen da, bald folgten alle anderen. Dabei spiele die Geschichte eine große Rolle, gerade die Jungen strömten zum Checkpoint Charlie oder ins neue Deutsche Historische Museum oder wollten wissen, was eigentlich die DDR gewesen sei.
Damit sie nicht mehr so lange nach den wenigen Mauer-Resten suchen müssen, hat sich der Senat jetzt für 37 Millionen Euro ein Konzept ausgedacht: Am Brandenburger Tor soll es einen Info-Pavillon geben, von dem die Touristen mit der Bahn etwa zur East Side Gallery geleitet werden oder zur Bernauer Straße, wo sogar ein regelrechtes Gedenkgelände von 1,3 Kilometern Länge gestaltet wird. Ganze Panzergräben werden dort ausgebuddelt und die Keller der Häuser unter dem ehemaligen Mauerstreifen, in denen man so manche Flucht in den Westen geplant hatte. „Berlin ist das Rom der Zeitgeschichte“, schwärmt Rainer Klemke, Gedenkstättenreferent in der Senatskanzlei. Man wolle Spuren sichtbar machen, aber auch der Opfer gedenken - was dann doch etwas anderes ist als das Schlendern in römischen Ruinen.
Filmfestspiele, Petticoats und nackte Brüste
Ausflüge in dieses Neu-Berlin sind anstrengend - nur gut, dass es da eine wie Isolde Josipovici gibt, bei ihr bekommt man erst mal einen eingeschenkt. „Pikkolöchen?“, flötet die Wirtin der Pension Kettler ihrem Gast entgegen. Ihre Wohnung mit den vielen Zimmern liegt im ersten Stock eines prächtigen Hauses in der Bleibtreustraße, der Ku'damm ist gleich um die Ecke. Auch sie ist so etwas wie ein Original, nur eben ein paar U-Bahn-Stationen weiter westlich.
Vor fast fünfzig Jahren kam Isolde Josipovici als Model in die Stadt: „Der Ku'damm war damals eine Sensation, der war in der Nacht belebter als am Tag“, berichtet sie mit weitaufgerissenen Augen und erzählt von Filmfestspielen, Petticoats und nackten Brüsten. Es müssen wilde Zeiten gewesen sein, damals, vor der Wende, und Isolde Josipovici scheint den Glamour ganz schön zu vermissen. Teure Schmuck- und Schuhgeschäfte säumen die Bleibtreustraße, die breite Treppe ist mit rotem Sisalteppich ausgeschlagen, im Flur liegt der Duft von frischen Lilien.
„Die Leute fahren doch nach vorne, nicht rückwärts“
Isolde Josipovici mag es, wenn man sich bei ihr wie in einem Roman von Erich Kästner fühlt oder wie im Musical „Cabaret“: Willkommen, bienvenue, welcome! Die Zimmer haben alle ein Thema: Es gibt das Callas-Zimmer, das Königin-Luise-Zimmer, das Goethe-Zimmer. Und stehen leer. Bis auf eines, das bewohnt ein Engländer, dem die Wirtin jeden Morgen sein Rührei getrennt vom gebratenen Speck servieren muss, dazu ein Glas Orangensaft und vier Scheiben Brot. Seitdem am Bahnhof Zoo keine Fernzüge mehr halten, bekomme sie ihre Pension einfach nicht mehr richtig voll, klagt Isolde Josipovici.
„Die Leute fahren doch nach vorne, nicht rückwärts“, meint sie - und vorne heißt in diesem Fall eben Berlin Hauptbahnhof. Der ist nagelneu und liegt schon fast im Osten, jedenfalls ganz nah dran an der Museumsinsel, dem Regierungsviertel, dem Gendarmenmarkt, dem Potsdamer Platz. Gottfried Kupsch, der die Geschäftsleute der City West anführt, gibt sich trotzdem zuversichtlich: Leerstand gebe es am Ku'damm keinen. Und sei es nicht schon nach dem Ersten Weltkrieg so gewesen, dass die Straßen, Häuser, Büros in Mitte erst aus allen Nähten platzen mussten, bevor die Leute hierher nach Charlottenburg zogen? Im Übrigen seien es doch eher die Chefs, die sich für ihre Firmen repräsentative Adressen in Mitte wünschten, die Mitarbeiter wohnten viel lieber im gediegenen Westen.
Die „Curry“ am Ku'damm ausspioniert
Die Bahn fährt hin und her. Ein paarmal war Isolde Josipovici schon in Prenzlauer Berg, hat dort aber nichts entdeckt, was sie in ihrem Kiez vermissen würde. „Haben Sie schon einmal gehört, dass einer von Westen nach Osten zieht? Wenn, dann ist es doch wohl umgekehrt“, meint sie. Waltraud Ziervogel, der Chefin von Konnopke, geht es nicht anders: Einmal hat sie alle Imbissbuden am Ku'damm ausspioniert, nur um festzustellen, dass eine „Curry“ dort nicht 1,50 Euro kostet wie bei ihr, sondern bis zu 2,50 Euro, dafür aber nicht besser schmeckt.
Alle Angebote, dort eine Filiale zu eröffnen oder auch eine im Regierungsviertel, hat sie abgelehnt - weil sie dann nicht mehr selbst entscheiden könne, wann sie den Grill anwirft und wann nicht. Sagt sie. Die Touristen werden am Mittwoch jedenfalls vor ihren heruntergelassenen Rolläden stehen und fluchen.