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Das Ende von Opel in Bochum : Der letzte Blitz aus dem Pott

Im kalten Krieg mit der Bergbauindustrie: Die Opelaner feierten 1966 in ihrem Bochumer Werk den millionsten Kadett Bild: GM

Mit der Herstellung des letzten Opel-Autos in Bochum endet eine Ära. Entlang der Geschichte der Fabrik lässt sich viel über verpasste Chancen im Ruhrgebiet erfahren.

          Sang- und klanglos geht nach 52 Jahren eine große Geschichte zu Ende. Am Freitag stellen die Arbeiter des Opel-Werks in Bochum ihr letztes Auto her. Eine offizielle Abschiedsfeier des Unternehmens wird es nicht geben. Gerne hätte die Stadt Bochum etwas organisiert. Opel ist Bochum, und Bochum ist Opel – so hieß es schließlich einst im Ruhrgebiet. „Aber eine städtische Veranstaltung war von Opel nicht gewünscht“, sagt Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD). Auch zur internen Feier für altgediente Mitarbeiter hat Scholz keine Einladung bekommen. Am Montag soll es noch einmal eine Betriebsversammlung im Werk geben, am Freitag in einer Woche werden dann die meisten Opelaner, wie sich die Angestellten des Autobauers stolz nennen, ihre Werkskleidung und ihre Ausweise abgeben.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Für alle Betroffenen und für die ganze Stadt sei die Schließung „sehr, sehr bitter“, sagt die Oberbürgermeisterin. Die große Mehrheit der zuletzt 3300 Bochumer Opelaner wechselt mit ungewisser Perspektive in eine Transfergesellschaft. Unter ihnen ist auch Rainer Einenkel, der seit 1972 Opelaner ist, alle Höhen erlebt hat und in den vergangenen Jahren dann alle Tiefen. Als Bochumer Opel-Betriebsratsvorsitzender konnte Einenkel sechs Schließungspläne abwehren. Zuletzt kämpfte er sogar gegen die eigene Gewerkschaft für den Standort Bochum – und verlor.

          Als die Montanwelt im Ruhrgebiet noch in Ordnung schien

          Nur einige wenige Opel-Reste werden in Bochum bleiben: Das zentrale Ersatzteillager und das vor kurzem vorläufig unter Denkmalschutz gestellte Verwaltungsgebäude am Werk I. Die freiwerdenden Großflächen des Werksgeländes will die Entwicklungsgesellschaft „Bochum Perspektive 2022“ herrichten. Schritt für Schritt sollen alte Hallen abgerissen und der Baugrund begradigt werden. Als erstes Hoffnungszeichen gilt, dass DHL bis 2016 eines seiner größten Paketzentren Deutschlands auf dem Gelände errichten will. Wieder einmal ist Bochum schwer damit beschäftigt, das Beste aus seiner Lage zu machen.

          Die Ansiedlung von Opel Anfang der sechziger Jahre galt lange Symbol des Strukturwandels. Rückblickend lassen sich mit Hilfe dieses Beispiels verpasste Chancen nachzeichnen. Es begann schon damit, dass Opel sein neues Werk ursprünglich weiter östlich im Ruhrgebiet, in Dortmund, errichten wollte. „Doch das verhinderte die Dortmunder Montanindustrie mit dem Platzhirsch Hoesch an der Spitze in engem Schulterschluss mit den Spitzen der Kommunalpolitik“, sagt Karl-Peter Ellerbrock, der Direktor des westfälischen Wirtschaftsarchivs in Dortmund. Das sei damals „ein übliches Muster“ gewesen.

          Vordergründig schien die Montanwelt vielerorts im Ruhrgebiet noch in Ordnung. Es herrschte Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel. In Dortmund kamen 415 Beschäftigte auf 1000 Einwohner und die Arbeitslosenquote betrug unglaubliche ein Prozent. Die gewaltige Grundstückskonzentration in der Hand der Montankonzerne habe zu einer regelrechten Bodensperre geführt, sagt Ellerbrock. „Sie war das wichtigste Steuerungsmittel zur Verhinderung der Ansiedlung anderer Industriezweige, die im gesamten Ruhrgebiet eine lange Tradition hat und bis in die 1920er Jahre zurückreicht als beispielsweise Ansiedlungspläne von AEG und Daimler in Essen scheiterten.“

          Die Landesregierung schmückte sich mit fremden Federn

          Den Montanfürsten ging es in erster Linie um den Arbeitsmarkt, auf dem sie unliebsame Konkurrenz fürchteten. „Die versauen uns doch hier nur die Löhne!“, sagte Thyssen-Chef Hans Günther Sohl in den fünfziger Jahren einmal unumwunden. „Bochum war also die Ausnahme, getrieben von der Angst einer ,sterbenden Stadt‘“, sagt Ellerbrock. Bochum wurde als erste Stadt besonders heftig von der Kohlekrise erfasst. Binnen kurzer Frist schlossen mehrere Großzechen. Die CDU-Alleinregierung unter Ministerpräsident Franz Meyers hatte zunächst keinen Bedarf für strukturpolitische Eingriffe gesehen.

          Seit der Eröffnung hat das Bochumer Opel-Werk das Ruhrgebiet geprägt. In Spitzenzeiten gab es rund 20.000 Menschen einen Arbeitsplatz. Hier ein frühes Farbbild aus der Opel-Produktion in Bochum. Bilderstrecke
          Ende eines Traditionswerks : Tschüs, Opel Bochum

          Lange war sich die nordrhein-westfälische Landesregierung mit Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) darüber einig, „die anstehende Umwälzung der Bochumer Wirtschaftsstruktur ganz den Kräften des Marktes zu überlassen und den Staat herauszuhalten“, wie der Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn in seinem Standardwerk über die Ruhrbergbaukrise schreibt. Doch nicht nur unter den Bergleuten, auch unter den Bürgern und den Gewerbetreibenden in Bochum formierte sich Widerstand. Zehntausende gingen gegen die Bochumer Stilllegungsbeschlüsse der Gelsenkirchener Bergwerks AG auf die Straße. Unter diesem Eindruck revidierten Bund und Land ihre Position. In „Sonderfällen“ wie Bochum müssten „aus politischen Gründen“ und um eine „Radikalisierung“ zu verhindern Fördermittel für Industrieansiedlungen fließen.

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