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Kriminalität und Zuwanderung : Begehen Flüchtlinge mehr Sexualstraftaten?

  • -Aktualisiert am

Im Sog der Gruppe: Sexualstraftaten mit mehreren Tätern haben zugenommen. Auch in der Silvesternacht 2015 kam es zu solchen Übergriffen. Bild: dpa

15 Prozent der Tatverdächtigen sind Zuwanderer. Werden sie öfter angezeigt – oder ist ihr Anteil ähnlich hoch? Forscher füllen jetzt die Lücken in der Statistik. Ihre Hauptaufgabe: Genauer zu differenzieren als die Polizei.

          Als Frau muss man heute nicht mehr Angst vor sexuellen Übergriffen haben als noch vor ein paar Jahren. Die allgemeine Sicherheitslage in Deutschland hat sich nicht verschlechtert. Die Mehrzahl der sexuellen Übergriffe ereignet sich nach wie vor nicht im öffentlichen Raum, sondern im privaten Umfeld. Aber die Fälle, wo Frauen in der Öffentlichkeit sexuelle Gewalt erfahren, haben einen großen Effekt auf das Sicherheitsgefühl der Gesellschaft.

          Wer erfahren will, ob Sexualstraftaten in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen haben und ob Flüchtlinge daran in überproportional hohem Maße beteiligt sind, kann sich bisher nur an der polizeilichen Kriminalstatistik orientieren. Die gibt jedoch lediglich Auskunft über die Fälle, die den Behörden bekanntwurden. Sie ist ein Arbeitsnachweis der Polizei. Aber was sagt sie eigentlich aus?

          15 Prozent der Tatverdächtigen Zuwanderer

          Die Fälle, die besonders im Fokus der Öffentlichkeit stehen, werden in der Statistik „überfallartige“ Vergewaltigung und besonders schwere sexuelle Nötigung genannt. Das sind Konstellationen, in denen sich Täter und Opfer meist nicht kannten. Im vergangenen Jahr waren das deutlich weniger als noch im Jahr 1999, nach der Reform des Sexualstrafrechts. Die Zahl sank von 2459 auf heute 1132 Fälle.

          Allerdings hat sich die Zahl der Sexualstraftaten, die in Gruppen verübt wurden, 2016 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Das geht vor allem auf die Silvesternacht 2015/2016 zurück, wo Männergruppen in Köln und auch in Hamburg Frauen umkreisten und sexuell bedrängten. Knapp dreihundert Fälle von Vergewaltigung und schwerer sexueller Nötigung gingen infolge dieser Nacht in die Polizeistatistik ein. 750 solcher Taten wurden insgesamt im vergangenen Jahr von Gruppen verübt. Zählt man aber alle schweren Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigung zusammen, durch Gruppen sowie durch Einzeltäter, sind im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte die Zahlen relativ stabil geblieben, mit kleinen Schwankungen. Es gab also langfristig keine Zunahme, sondern eine Verschiebung innerhalb der Gruppe der Täter: von Einzeltätern zu Gruppentätern.

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          Der Statistik des Bundeskriminalamtes zufolge waren knapp 15 Prozent der Tatverdächtigen, die im vergangenen Jahr wegen Vergewaltigung und schwerer sexueller Nötigung angezeigt wurden, Zuwanderer, ein überproportionaler Anteil. Als solche werden Asylbewerber im laufenden Verfahren gezählt, Bürgerkriegs- und Kontingentflüchtlinge sowie Geduldete und solche, die illegal hier leben. Diese Zahl ist mit Vorsicht zu betrachten. Die Flüchtlinge, die schon anerkannt wurden, fehlen. Außerdem hängt die Anzeigebereitschaft der Frauen stark davon ab, wie fremd der Täter ist. Der unbekannte Mann im Park wird häufiger angezeigt als der Arbeitskollege, der nach der Betriebsfeier übergriffig geworden ist.

          Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat das Phänomen erforscht. „Je emotionaler oder bedrohlicher das Delikt, desto größer der Unterschied in der Anzeigebereitschaft“, sagt er. Das gelte gerade bei Sexualstraftaten, denn da seien Frauen besonders stark von Schamgefühlen belastet und nicht gewohnt, über das Thema zu sprechen. Fremde, so Pfeiffer, hätten immer ein erhöhtes Risiko, mit ihren Untaten sichtbar zu werden. „Das Bedrohungsgefühl ist größer bei jemandem, mit dem ich nicht reden kann.“

          Martin Rettenberger von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden hat sich die Anzeigen, die nach der Silvesternacht bei der Kölner Polizei eingingen, genauer angesehen. Seine Hypothese: „Der öffentliche Diskurs hat das Thema sehr schnell und sehr intensiv aufgegriffen. Das hat manche der Betroffenen ermutigt, sich mit Verzögerung einige Tage später bei der Polizei zu melden, teilweise auch per E-Mail.“ Kriminologen vermuten, dass seit jener Silvesternacht die Anzeigebereitschaft im Land noch zusätzlich gestiegen ist, insbesondere dann, wenn es sich um ausländische Täter handelt. Und damit steigen auch die Daten in der Statistik. Das Thema sexuelle Übergriffe wurde weiter enttabuisiert. Mehr Opfer trauen sich, darüber zu reden, fühlen sich ernst genommen. Der Trend geht zur Anzeige. Das ist wichtig zu wissen, um die Polizeistatistik richtig zu interpretieren. Hohe Fallzahlen in der Polizeistatistik sagen nämlich nur bedingt etwas über die tatsächliche Lage in einem Land aus. Schweden etwa hat sehr hohe Polizeizahlen, was angezeigte Fälle von Vergewaltigung angeht. Daraus kann man aber keineswegs schließen, dass das Leben für Frauen in Schweden besonders gefährlich ist, dass dort mehr Frauen vergewaltigt werden. Im Gegenteil. Es gab dort schon sehr früh ein großes Bewusstsein für sexuelle Gewalt, der Tatbestand der Vergewaltigung war lange schon viel weiter gefasst. Und darauf wächst auch das Vertrauen, sich damit an die Behörden wenden zu können.

          Meistens junge Männer

          Thomas Feltes, Kriminologieprofessor an der Uni Bochum, beschäftigt sich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik. Er sagt, die Taten würden nur unzureichend erfasst. Viele Tatverdächtige hätten zum Beispiel keine Papiere. Dadurch würden die Daten ungenau. Außerdem seien etwa zwanzig Prozent der Polizeilichen Kriminalstatistik unzuverlässig. Daten würden falsch eingegeben, Delikte falsch zugeordnet. Das Problem der sexuellen Übergriffe durch Flüchtlinge auf Frauen in der Öffentlichkeit wird seiner Meinung nach überschätzt. Die Mehrzahl der Gewalttaten durch Flüchtlinge spiele sich in Flüchtlingsunterkünften ab. Feltes wertet derzeit die Daten verschiedener Städte aus. Er guckt sich jeden Stadtteil einzeln an, um untersuchen zu können, ob es einen Anstieg von Straftaten durch Flüchtlinge gibt.

          Kann man dann die Frage, ob Flüchtlinge überproportional viele Sexualstraftaten begehen, überhaupt beantworten? Schon, aber die Antwort bleibt ungenau. Man müsste vergleichen können, wie hoch der Anteil von deutschen Sexualstraftätern ist (im Verhältnis zur deutschen Bevölkerung) und wie hoch der Prozentsatz der Flüchtlinge ist, die Sexualstraftaten begehen, im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl. Die kennt man aber gar nicht so genau. Wenn man aber davon ausgeht, dass Flüchtlinge in Deutschland ein bis zwei Prozent der Bevölkerung stellen, bei schweren Sexualstraftaten aber knapp 15 Prozent der Tatverdächtigen, dann ist das eben deutlich überproportional.

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          Flüchtlinge in Berlin : Und alles war anders Bild: Jens Gyarmaty

          Dabei muss man, neben der höheren Anzeigebereitschaft der Opfer, Folgendes beachten: Die meisten Asylbewerber, die ab 2015 nach Deutschland kamen, sind junge Männer. Das ist die Bevölkerungsgruppe, die überall auf der Welt die meisten Straftaten begeht. Wenn diese jungen Männer dann noch losgelöst von Familienstrukturen und Autoritäten gemeinsam mit Gleichaltrigen unterwegs sind, steigt das Risiko, das von ihnen ausgeht. Der Kriminologe Pfeiffer drückt es so aus: „Ihnen fehlt das zivilisierende Element der Ehefrauen, Schwestern und Mütter. Sie kommen aus Machokulturen und sind das freie Verhalten von deutschen Frauen nicht gewöhnt. Sie empfinden es schon als ein provokatives Verhalten, wenn eine Frau im Sommer mit kurzem Rock und T-Shirt herumläuft.“

          Frust und Aggression

          Pfeiffer arbeitet an einer Studie, die einige Löcher in den Polizeistatistiken stopfen soll. So soll die Kategorie „Zuwanderer“ genauer beschrieben werden. Mit einem Team von Kriminologen hat er festgestellt, dass es große Unterschiede zwischen den Flüchtlingsgruppen gibt. Er teilt sie in zwei Gruppen auf. „Zu den Ersten sagen wir: Ja, euch haben wir gemeint, ihr dürft hier bleiben, Sprachkurse machen und erfahren, dass bei uns Männer und Frauen gleichrangig sind.“ Die halten sich meist an die Regeln, denn sie wissen, dass jede polizeiliche Auffälligkeit ihre Chancen senkt, mit dem Asylantrag durchzukommen. Die andere Gruppe hingegen erfährt bald nach ihrer Ankunft, dass sie hier keine Chance hat. Das erzeugt Frust und Aggression.

          Dort lauert Gewalt, auch sexuelle Gewalt. Das Problem lässt sich nur lösen, indem man abgelehnte Asylbewerber konsequenter in ihre Heimatländer zurückbringt. Sie dorthin abzuschieben ist eine Möglichkeit; allerdings wehren sich viele Asylbewerber mit Klagen dagegen. Eine andere Möglichkeit ist, sie zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen. „Eine Rückkehr erhobenen Hauptes“, so nennt es Pfeiffer. Für die Ungewollten müsse die Rückkehr eine attraktive Lösung werden. Das bringe innere Sicherheit.

          Dem Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung kann man nur begegnen, wenn man selbst genügend weiß. Die frühere Polizistin und Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic fordert einen Sicherheitsbericht, der regelmäßig aktualisiert wird, um die Polizeiliche Kriminalstatistik und weitere Zahlen wissenschaftlich einzuordnen. Wie sind diese Delikte zu bewerten? Wer begeht sie? Welche räumlichen Bezüge gibt es? Wo passiert viel, wo passiert nichts? Dann, sagt Mihalic, könne die Polizei diese Straftaten auch besser bekämpfen.

          Quelle: F.A.S.

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