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Becks Rede auf dem SPD-Konvent Ein Großmeister des kleinen Formats

01.06.2008 ·  Es sei eine der letzten Chancen für Beck, das Schicksal noch einmal für sich zu wenden, hieß es vor dessen Rede auf dem SPD-Zukunftskonvent in Nürnberg. Sein freier Vortrag war nicht glänzend, aber auch nicht katastrophal. Vorerst darf der Pfälzer SPD-Vorsitzender bleiben.

Von Markus Wehner, Nürnberg
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Kurt Beck ist der Albtraum seiner Redenschreiber. Ihre Reden hält er nie, ihre Ideen nutzt er selten. Wenn Beck ablese, sei das eine Katastrophe, erklären Vertraute seine Missachtung der Schreiberkunst. Jedenfalls weiß Beck die artikulierte Rede, die rhetorische Figuren nutzt und Spannungsbögen aufbaut, nicht zu schätzen. Der SPD-Vorsitzende ist da das genaue Gegenteil von Oskar Lafontaine.

Beck spricht am liebsten frei. Er ist ein Großmeister des kleinen Formats. Sein Metier ist der persönliche Kontakt in Bürgerhäusern oder auf Straßenfesten. Reden auf Parteitagen und Konferenzen sind seine Sache nicht, er hält sich dann an Karteikarten fest. So macht er es auch am Samstag in Nürnberg. Mehr als dreitausend Funktionäre der SPD sind gekommen. Fünfzehn Karteikarten hat Beck vollgeschrieben, das gibt lange achtzig Minuten.

Die Umfragewerte schmerzen ihn

Besonders gut soll diese Rede werden. Manche sprechen von einer letzten Chance für Beck, das Schicksal noch einmal für sich zu wenden. Denn die Umfragen für die SPD und für ihren Vorsitzenden sind schlecht. Der politischen Stimmung nach kommt die SPD nach jüngsten Zahlen noch auf 21 Prozent, in der Sonntagsfrage auf 25. Selbst für die Ampel, für die Beck in Nürnberg in Erinnerung an die sozialliberalen Koalitionen unter den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt wirbt, würde das derzeit nicht reichen.

Beck selbst wollen gerade noch 15 Prozent der Wähler und zwanzig Prozent der SPD-Anhänger als Kanzlerkandidaten. „Man darf sich davon nicht treiben lassen“, sagt Beck in seiner Rede über die Umfragerei. Aber er liest, so berichten Vertraute über ihn, alle Erhebungen. Die Werte schmerzen ihn, er reagiert gereizt, glaubt an eine Medienkampagne. Vieles von dem, was über die SPD geschrieben und gesendet werde, habe mit dem, was wirklich ist, wenig bis gar nichts zu tun, sagt Beck. „Und ihr wisst, wovon ich rede“, fügt er hinzu.

„Köhlers Kandidatur parteipolitisiert“

Die Nominierung von Gesine Schwan – sie sprach am Ende des „Konvents“ unter großem Beifall des Saals ein Grußwort – hat an den jüngsten schlechten Werten nichts geändert; die Umfrage fand erst nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur statt. Beck rechtfertigt die Kandidatur in seiner Rede damit, dass CDU und FDP die Kandidatur von Horst Köhler als Erste „parteipolitisiert“ hätten.

„Es gehört sich aus Respekt vor dem Amt und der Person des amtierenden Bundespräsidenten abzuwarten, bis er sich selbst zu seiner Kandidatur geäußert hat“, zeiht Beck Schwarze und Gelbe der Unanständigkeit. Davon auszugehen, die SPD werde das Votum der Union einfach nachvollziehen, „ohne dass ein Wort mit uns gesprochen wurde“, das sei mit der SPD nicht zu machen, sagte Beck mit dem ihm eigenen Trotz.

Beck soll Horst Köhler zugesagt haben, die SPD in dieser Frage ruhig zu halten, bis sich der Bundespräsident zu seiner Kandidatur geäußert habe. Die Zusage konnte er nicht einhalten. Als es in der SPD zu rumoren begann, musste Köhler die Ankündigung seiner Kandidatur vorziehen. Beck selbst sieht sein Vorgehen heute als Fehler an. „In Rheinland-Pfalz wäre es wie geplant gegangen“, sagt ein Vertrauter. Aber Mainz war wieder einmal nicht Berlin.

Ein konservativer Sozialdemokrat

Ursprünglich hatte sich der Zukunftskonvent mit dem Verhältnis zur „Linken“ befassen sollen. Beck selbst hatte das Thema unfreiwillig auf die Tagesordnung gesetzt, als er der Hessen-SPD freie Hand für ein Zusammengehen mit der „Linken“ gab und das noch kurz vor der Hamburg-Wahl ausplauderte. Doch dann galt die Frage als geklärt, in Nürnberg sollte sie nur eine Nebenrolle spielen.

Spätestens mit der Kandidatur von Gesine Schwan steht das Thema wieder ganz oben, da sie auf die Stimmen der „Linken“ angewiesen ist. Beck ist ein konservativer Sozialdemokrat und will kein Bündnis mit den Linken. Aber ein großer Teil der Partei sieht das anders. Weil sie nicht mehr Juniorpartner der CDU sein wollen und weil sie, anders als Beck, nicht an eine Ampel mit der FDP glauben mögen. Aber auch, weil die Linke ihnen, etwa in der Bildungs- und Sozialpolitik, näher ist, sie an die alte SPD erinnert. Davon kommt in Becks Rede nichts vor. Sie soll ein Signal der Geschlossenheit sein, des Aufbruchs in schwieriger Zeit.

Auch Gesine Schwan sagte in ihrem 15 Minuten langen Rede mit Blick auf innerparteiliche Auseinandersetzungen: „Wir haben keine gespaltene Partei. Diese dauernden Vermutungen von Teilung und Spaltung sind großer Unsinn.“ Sie fügte hinzu, nur die SPD und die Grünen seien auf der Höhe der Zeit und ihrer Herausforderungen. Frau Schwan sagte, Politik müsse Wirtschaft gestalten: „Politik darf nicht ein Anhängsel von Wirtschaft sein.“ Die 65 Jahre alte Hochschulprofessorin rief Schwan zu Fairness in der politischen Auseinandersetzung auf. Sie wünschte zugleich der SPD spannende Monate, die „hoffentlich mit einem guten Ergebnis enden werden“.

„Auf zwei tektonischen Platten“

Das ändert freilich nichts daran, dass die SPD zerrissen bleibt. Weiterhin stehen sich die Anhänger des Schröderschen Kurses, der der Partei den Verlust von 300 000 Mitgliedern und elf verlorene Wahlen in Folge bescherte, und die SPD-Linken gegenüber.

Die einen dominieren in der Regierung und im Bundestag, die anderen stellen die Mehrheit in den Landesverbänden der Partei. „Kurt Beck steht auf zwei tektonischen Platten, die ständig aneinanderkrachen. Und dann wundert man sich, dass er schlecht tanzt“, sagt eine SPD-Funktionärin, die mehr als zwanzig Jahre im Bundestag saß, im privaten Gespräch.

Sie gehört zu den Linken, die Schröder nicht verzeihen können, was er mit der Partei gemacht hat. Doch eine Aufarbeitung der Schröder-Jahre würde zu einem Vulkanausbruch führen, fürchtet sie. „Wir bräuchten einen Zukunftsentwurf, der uns die Vergangenheit vergessen lässt“, sagt sie. Doch dafür sei der Zukunftskonvent viel zu schlecht vorbereitet. Die Leute, die Vordenker für die Partei sein könnten, hätten die Partei verlassen oder seien in die innere Emigration gegangen.

Mit alldem kann der junge Delegierte aus Berlin-Köpenick in weißem Hemd, Anzug und Krawatte nichts anfangen. Er ist ein bekennender „frog“, einer der „Friends of Gerd“, wie sich eine Gruppe von Schröder-Anhängern nennt. Den entsprechenden Anstecker trägt er aber nur in der Hemdtasche. Dass er als junges SPD-Mitglied automatisch bei den Jusos sein muss, findet er schrecklich, weil er gar nicht links ist. Und auf die Diskussion mit der früheren Abgeordneten hätte er sich gar nicht eingelassen, sagt er, wenn er gleich gewusst hätte, dass sie zur Parteilinken gehört.

„Irreparabler Schaden“

Kurt Beck wäre eigentlich einer, der noch am ehesten eine solche Partei zusammenhalten könnte. Doch von seinem Fehler vor der Hamburg-Wahl hat er sich nicht erholt. Selbst Freunde von ihm sprechen von einem „irreparablen Schaden“. Die Bevölkerung glaube nicht mehr, dass man es mit den Linken nicht machen werde. „Wir gelten als Hasardeure, das ist schlimm“, sagt einer. Dass Beck zu neuer Stärke finden könne, das werde sehr schwer. Zwar wolle er Kanzlerkandidat werden, aber er sei zu sehr Parteisoldat, als dass er die Umfragen ignorieren werde. „Er wird das rational entscheiden“, sagt einer, der ihn gut kennt. Beck sagt dazu in Nürnberg kein Wort.

Seine Rede ist nicht glänzend, aber auch nicht katastrophal. Er ist weiter Parteivorsitzender, weil kein anderer sich für dieses Amt aufdrängt. Klaus Wowereit, Berlins Bürgermeister, ist den Schröderianern ein Greuel, Finanzminister Peer Steinbrück ist als Parteirechter für die Linken undenkbar. „Wenn Beck noch einen großen Fehler macht, dann wird es Frank-Walter Steinmeier“, sagen viele. Dann hätte die SPD einen Vorsitzenden, der nicht einmal für den Gemeinderat kandidiert hat.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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