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Veröffentlicht: 27.02.2012, 17:38 Uhr

Beate Klarsfeld Überrollt vom Vorhersehbaren

Zwei potentielle Bewerber sind düpiert worden, die Parteiführung steht blamiert da. Aber immerhin: Mit Beate Klarsfeld hat die Linkspartei eine eigene Kandidatin für die Bundesversammlung benannt. Erfolgsaussichten: Keine.

von , Berlin
© AFP Beate Klarsfeld will Bundespräsidentin werden, Chancen hat sie nicht

Der Linkspartei war es bereits misslungen, der Aktivistin Beate Klarsfeld zu einem Bundesverdienstkreuz zu verhelfen. In diesem Frühjahr nun verhilft sie ihr dazu, bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten zu unterliegen. Denn die 73 Jahre alte Publizistin Beate Klarsfeld, die seit 1960 in Paris lebt, wird am 18. März in der Bundesversammlung für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren. Das beschloss der Geschäftsführende Parteivorstand der Linkspartei am Montag in Berlin einstimmig. Frau Klarsfeld äußerte hernach "große Befriedigung" über ihre Nominierung. Es sei für sie "eine große Ehre" und "eine Würdigung" ihrer Arbeit. Sie rechne nun mit Stimmen aus dem Lager von CDU/CSU. Der Parteivorsitzende Klaus Ernst äußerte, im Unterschied zu Joachim Gauck, dem Kandidat von CDU/CSU, SPD, Grünen und FPD vertrete die Kandidatin der Linkspartei "die ganze Republik".

Mechthild Küpper Folgen:

Auf die Frage, wie denn eine Person, die seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr im Land lebte, so ein Amt ausfüllen könne, sagte Ernst, Frau Klarsfeld habe eine Wohnung in Berlin, und ihre Kandidatur werde "der Republik durchaus guttun". Sie sei eine "hervorragende Kandidatin", um die "Konsequenzen der Nicht-Aufarbeitung von Geschichte" zu demonstrieren. Schließlich habe man es in Deutschland gerade mit "Nazi-Terror" zu tun, da könne nicht gleichgültig sein, "was andere über uns denken".

Innerparteiliche Auseinandersetzungen

Beate Klarsfeld sei weniger eine Kandidatin der Linkspartei, sagte Ernst, als eine "echte Alternative zu Gauck". Er bemühte sich darzulegen, die "soziale Gerechtigkeit" gehöre neben den Tugenden "Mut, Antifaschismus und Gerechtigkeit", für die sie stehe, "ebenfalls zu ihrem Repertoire". Deutschlands "besondere Verantwortung für Israel", fügte Ernst hinzu, sehe Beate Klarsfeld genau so, wie es im Parteiprogramm der Linkspartei - wenn auch nach entsprechenden innerparteilichen Auseinandersetzungen um israelfeindliche Formen "anti-imperialistischer" Politik - niedergelegt worden sei.

Die anderen beiden möglichen Kandidaten der Linkspartei hatten zuvor abgesagt. Der Kölner Hochschullehrer Christoph Butterwegge, hatte am Sonntagabend nach Gesprächen mit Parteivertretern seine Bereitschaft zur Kandidatur zurückgezogen. Ihm sei keineswegs klar gewesen, sagte er, dass er einer von drei Kandidaten, also Teil eines "Dreigestirns" gewesen sei. "Karneval ist vorbei", ätzte Butterwegge. Auch die dritte mögliche Kandidatin der Linkspartei, die Bundestagsabgeordnete Lukrezia Jochimsen machte am Montag einen Rückzieher mit der Begründung, sie wolle Frau Klarsfeld nicht im Weg stehen.

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"So geht man nicht mit Menschen um", wurde Klaus Ernsts Ko-Vorsitzende Gesine Lötzsch dieser Tage in der Zeitung "Neues Deutschland" zitiert. Dabei hatte sie allerdings die Kandidatensuche der anderen Parteien im Blick. Doch berichtete Frau Lötzsch auch von einer "selbstkritischen Diskussion" im Vorstand ihrer Partei und gab zu, "bestimmte Dinge hätten ein bisschen besser laufen können". Die Dissonanzen bei der Kandidatenfindung, befand sie, hielten sich bei den anderen Parteien und bei ihrer Partei aus heutiger Sicht die Waage.

Butterwegge will sich nicht verheizen

Gesine Lötzsch hatte zunächst in einer Parteitagsrede am 19. Februar geäußert, Frau Klarsfeld entspreche ihrem Ideal für das Amt des Bundespräsidenten. Als sich daraufhin Frau Klarsfeld bei ihr meldete, überraschte sie damit nicht nur die Parteivorsitzende, sondern die gesamte Partei, die sich die Bemerkung der Vorsitzenden ebenso wenig zueigen gemacht hatte wie diese selbst. Butterwegge hingegen galt als der Überraschungskandidat von Oskar Lafontaine und Klaus Ernst. Im Unterschied zu Klarsfeld zeigte Butterwegge aber keine Neigung, sich von einer Partei verheizen zu lassen, die orientierungslos der Bundesversammlung entgegenstolpert. Die Linkspartei sei eben "keine Durchstell-Partei", beschrieb Klaus ernst diesen Sachverhalt am Montag mit eigenen Worten.

Beate Klarsfeld im Bundestag in Bonn 1968 © dpa Vergrößern Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung am 02.04.1968 von der Zuschauertribüne in Bonn Bundeskanzler Kiesinger - neben ihr ein Saaldiener

In der Linkspartei gab es in der Diskussion über die Nachfolge von Christian Wulff völlig konträre Auffassungen. Sogar vom "Boykott" der Bundesversammlung oder dem Verzicht auf einen eigenen Kandidaten war die Rede gewesen. Man sei, hob Gesine Lötzsch hervor, "immer in enger Beratung mit Oskar Lafontaine", der im Saarland Wahlkampf mache. Am Donnerstag, als ein Treffen von Bundes- und Landespolitikern der Linkspartei sich lediglich darauf einigen konnte, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, nicht aber zu entscheiden vermochte, welcher der drei es sein sollte, hatte es geheißen, Lafontaine werde an der Sitzung am Montag teilnehmen. Auch das sollte sich als irrig erwiesen. Lafontaine nahm an der Sitzung nicht teil.

Die Ohrfeigerin: Beate Klarsfeld

Einstimmig hat der Geschäftsführende Vorstand der Linkspartei am Montag Beate Klarsfeld zur Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl bestimmt. Frau Klarsfeld zeigte sich sehr zufrieden mit der Entscheidung, die in ihren Augen eine späte Anerkennung ihrer Arbeit in Deutschland darstellt.

1939 wurde Beate Auguste Künzel in Berlin geboren. 1960 zog sie dann nach Paris und arbeitete zunächst als Au-pair-Mädchen. 1963 heiratete sie Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war. Die junge Frau wurde Journalistin und konzentrierte sich darauf, unbehelligt lebende NS-Verbrecher zu finden, ihre Taten zu publizieren und die Strafverfolgung zu ermöglichen. Die Ohrfeige, die sie dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, einem früheren NSDAP-Mitglied, bei einem CDU-Parteitag in Berlin verpasste, machte sie 1968 berühmt. Ihre Anstellung beim deutsch-französischen Jugendwerk hatte sie schon vorher wegen Anti-Kiesinger-Artikeln verloren. Die Ohrfeige brachte ihr eine Strafe wegen Beleidigung und Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis ein, die später auf vier Monate zur Bewährung reduziert wurde.

Durch die Arbeit des Ehepaars Klarsfeld in den Archiven und ihre rastlose Publikationstätigkeit wurden beispielsweise Klaus Barbie und Alois Brunner dingfest gemacht. In Deutschland wird Beate Klarsfeld „Nazijägerin“ genannt. Für ihre Arbeit ist sie hier bisher nicht ausgezeichnet worden. Frankreich und Israel dagegen haben sie offiziell gewürdigt: mit den Titeln Ritter und Offizier der Ehrenlegion beziehungsweise der Tapferkeitsmedaille der Gettokämpfer und dem Golda-Meir-Preis. Vorstöße der Linkspartei, Frau Klarsfeld zu einem Bundesverdienstkreuz zu verhelfen, scheiterten. Bis zur Bundespräsidentenwahl will die Linkspartei Frau Klarsfeld einige öffentliche Auftritte in Deutschland organisieren. Sie hoffe, „jetzt auch bei der CDU und der CSU einige Stimmen“ zu bekommen, sagte sie. Dass ihre Kandidatin mehr als die eigenen 125 Stimmen in der Bundesversammlung bekommt, hofft auch die Linkspartei. (mk.)

Quelle: F.A.Z.

 

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