http://www.faz.net/-gpf-6y0h6

Beate Klarsfeld : Überrollt vom Vorhersehbaren

Beate Klarsfeld will Bundespräsidentin werden, Chancen hat sie nicht Bild: AFP

Zwei potentielle Bewerber sind düpiert worden, die Parteiführung steht blamiert da. Aber immerhin: Mit Beate Klarsfeld hat die Linkspartei eine eigene Kandidatin für die Bundesversammlung benannt. Erfolgsaussichten: Keine.

          Der Linkspartei war es bereits misslungen, der Aktivistin Beate Klarsfeld zu einem Bundesverdienstkreuz zu verhelfen. In diesem Frühjahr nun verhilft sie ihr dazu, bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten zu unterliegen. Denn die 73 Jahre alte Publizistin Beate Klarsfeld, die seit 1960 in Paris lebt, wird am 18. März in der Bundesversammlung für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren. Das beschloss der Geschäftsführende Parteivorstand der Linkspartei am Montag in Berlin einstimmig. Frau Klarsfeld äußerte hernach "große Befriedigung" über ihre Nominierung. Es sei für sie "eine große Ehre" und "eine Würdigung" ihrer Arbeit. Sie rechne nun mit Stimmen aus dem Lager von CDU/CSU. Der Parteivorsitzende Klaus Ernst äußerte, im Unterschied zu Joachim Gauck, dem Kandidat von CDU/CSU, SPD, Grünen und FPD vertrete die Kandidatin der Linkspartei "die ganze Republik".

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Auf die Frage, wie denn eine Person, die seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr im Land lebte, so ein Amt ausfüllen könne, sagte Ernst, Frau Klarsfeld habe eine Wohnung in Berlin, und ihre Kandidatur werde "der Republik durchaus guttun". Sie sei eine "hervorragende Kandidatin", um die "Konsequenzen der Nicht-Aufarbeitung von Geschichte" zu demonstrieren. Schließlich habe man es in Deutschland gerade mit "Nazi-Terror" zu tun, da könne nicht gleichgültig sein, "was andere über uns denken".

          Innerparteiliche Auseinandersetzungen

          Beate Klarsfeld sei weniger eine Kandidatin der Linkspartei, sagte Ernst, als eine "echte Alternative zu Gauck". Er bemühte sich darzulegen, die "soziale Gerechtigkeit" gehöre neben den Tugenden "Mut, Antifaschismus und Gerechtigkeit", für die sie stehe, "ebenfalls zu ihrem Repertoire". Deutschlands "besondere Verantwortung für Israel", fügte Ernst hinzu, sehe Beate Klarsfeld genau so, wie es im Parteiprogramm der Linkspartei - wenn auch nach entsprechenden innerparteilichen Auseinandersetzungen um israelfeindliche Formen "anti-imperialistischer" Politik - niedergelegt worden sei.

          Die anderen beiden möglichen Kandidaten der Linkspartei hatten zuvor abgesagt. Der Kölner Hochschullehrer Christoph Butterwegge, hatte am Sonntagabend nach Gesprächen mit Parteivertretern seine Bereitschaft zur Kandidatur zurückgezogen. Ihm sei keineswegs klar gewesen, sagte er, dass er einer von drei Kandidaten, also Teil eines "Dreigestirns" gewesen sei. "Karneval ist vorbei", ätzte Butterwegge. Auch die dritte mögliche Kandidatin der Linkspartei, die Bundestagsabgeordnete Lukrezia Jochimsen machte am Montag einen Rückzieher mit der Begründung, sie wolle Frau Klarsfeld nicht im Weg stehen.

          "So geht man nicht mit Menschen um", wurde Klaus Ernsts Ko-Vorsitzende Gesine Lötzsch dieser Tage in der Zeitung "Neues Deutschland" zitiert. Dabei hatte sie allerdings die Kandidatensuche der anderen Parteien im Blick. Doch berichtete Frau Lötzsch auch von einer "selbstkritischen Diskussion" im Vorstand ihrer Partei und gab zu, "bestimmte Dinge hätten ein bisschen besser laufen können". Die Dissonanzen bei der Kandidatenfindung, befand sie, hielten sich bei den anderen Parteien und bei ihrer Partei aus heutiger Sicht die Waage.

          Butterwegge will sich nicht verheizen

          Gesine Lötzsch hatte zunächst in einer Parteitagsrede am 19. Februar geäußert, Frau Klarsfeld entspreche ihrem Ideal für das Amt des Bundespräsidenten. Als sich daraufhin Frau Klarsfeld bei ihr meldete, überraschte sie damit nicht nur die Parteivorsitzende, sondern die gesamte Partei, die sich die Bemerkung der Vorsitzenden ebenso wenig zueigen gemacht hatte wie diese selbst. Butterwegge hingegen galt als der Überraschungskandidat von Oskar Lafontaine und Klaus Ernst. Im Unterschied zu Klarsfeld zeigte Butterwegge aber keine Neigung, sich von einer Partei verheizen zu lassen, die orientierungslos der Bundesversammlung entgegenstolpert. Die Linkspartei sei eben "keine Durchstell-Partei", beschrieb Klaus ernst diesen Sachverhalt am Montag mit eigenen Worten.

          Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung am 02.04.1968 von der Zuschauertribüne in Bonn Bundeskanzler Kiesinger - neben ihr ein Saaldiener
          Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung am 02.04.1968 von der Zuschauertribüne in Bonn Bundeskanzler Kiesinger - neben ihr ein Saaldiener : Bild: dpa

          In der Linkspartei gab es in der Diskussion über die Nachfolge von Christian Wulff völlig konträre Auffassungen. Sogar vom "Boykott" der Bundesversammlung oder dem Verzicht auf einen eigenen Kandidaten war die Rede gewesen. Man sei, hob Gesine Lötzsch hervor, "immer in enger Beratung mit Oskar Lafontaine", der im Saarland Wahlkampf mache. Am Donnerstag, als ein Treffen von Bundes- und Landespolitikern der Linkspartei sich lediglich darauf einigen konnte, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, nicht aber zu entscheiden vermochte, welcher der drei es sein sollte, hatte es geheißen, Lafontaine werde an der Sitzung am Montag teilnehmen. Auch das sollte sich als irrig erwiesen. Lafontaine nahm an der Sitzung nicht teil.

          Die Ohrfeigerin: Beate Klarsfeld

          Einstimmig hat der Geschäftsführende Vorstand der Linkspartei am Montag Beate Klarsfeld zur Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl bestimmt. Frau Klarsfeld zeigte sich sehr zufrieden mit der Entscheidung, die in ihren Augen eine späte Anerkennung ihrer Arbeit in Deutschland darstellt.

          1939 wurde Beate Auguste Künzel in Berlin geboren. 1960 zog sie dann nach Paris und arbeitete zunächst als Au-pair-Mädchen. 1963 heiratete sie Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war. Die junge Frau wurde Journalistin und konzentrierte sich darauf, unbehelligt lebende NS-Verbrecher zu finden, ihre Taten zu publizieren und die Strafverfolgung zu ermöglichen. Die Ohrfeige, die sie dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, einem früheren NSDAP-Mitglied, bei einem CDU-Parteitag in Berlin verpasste, machte sie 1968 berühmt. Ihre Anstellung beim deutsch-französischen Jugendwerk hatte sie schon vorher wegen Anti-Kiesinger-Artikeln verloren. Die Ohrfeige brachte ihr eine Strafe wegen Beleidigung und Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis ein, die später auf vier Monate zur Bewährung reduziert wurde.

          Durch die Arbeit des Ehepaars Klarsfeld in den Archiven und ihre rastlose Publikationstätigkeit wurden beispielsweise Klaus Barbie und Alois Brunner dingfest gemacht. In Deutschland wird Beate Klarsfeld „Nazijägerin“ genannt. Für ihre Arbeit ist sie hier bisher nicht ausgezeichnet worden. Frankreich und Israel dagegen haben sie offiziell gewürdigt: mit den Titeln Ritter und Offizier der Ehrenlegion beziehungsweise der Tapferkeitsmedaille der Gettokämpfer und dem Golda-Meir-Preis. Vorstöße der Linkspartei, Frau Klarsfeld zu einem Bundesverdienstkreuz zu verhelfen, scheiterten. Bis zur Bundespräsidentenwahl will die Linkspartei Frau Klarsfeld einige öffentliche Auftritte in Deutschland organisieren. Sie hoffe, „jetzt auch bei der CDU und der CSU einige Stimmen“ zu bekommen, sagte sie. Dass ihre Kandidatin mehr als die eigenen 125 Stimmen in der Bundesversammlung bekommt, hofft auch die Linkspartei. (mk.)

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Warum wir wählen, was wir wählen

          Tag der Bundestagswahl : Warum wir wählen, was wir wählen

          Für die Parteipräferenzen ist das Gefühl offenbar wichtiger als die Vernunft. Deshalb präsentierten sich die Kandidaten im Wahlkampf emotionaler. Ist das gut oder schlecht für die Demokratie?

          Die Linke auf Stimmenfang in Berlin Video-Seite öffnen

          Bundestagswahl 2017 : Die Linke auf Stimmenfang in Berlin

          Die Linke nutzt die letzten Stunden vor der Bundestagswahl, um noch unentschlossene Wähler von sich zu überzeugen. Die Partei möchte als drittstärkste Partei in den Bundestag ziehen und kämpft um die letzten Stimmen.

          Topmeldungen

          Merkels CDU siegt schwach : Krampf statt Zauber

          Merkel kann Kanzlerin bleiben, wenn es ihr gelingt, ein schwarz-gelb-grünes Bündnis zu schmieden. Das wird nicht einfach werden. Merkels Flüchtlingspolitik erwies sich schon für die untergegangene große Koalition als Ballast, der beiden Partnern schwere Verluste einbrachte. Ein Kommentar.

          Hochrechnungen : Merkel kann weiter regieren, SPD geht in Opposition

          CDU und CSU verlieren laut Hochrechnungen viele Stimmen, werden aber wieder stärkste Kraft. Die SPD erzielt ein historisch schlechtes Ergebnis und geht in die Opposition. Die AfD ist Dritter und die FDP wieder im Bundestag. Grüne und Linkspartei legen zu.

          FAZ.NET live um 19:30 Uhr : Deutschland hat gewählt - was jetzt?

          Volksparteien schwach, AfD und FDP stark. Was bedeutet das für die Republik? Im FAZ.NET-Livestream beantworten Jasper von Altenbockum, Ressortleiter Politik Inland, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur digital die wichtigsten Fragen zur Bundestagswahl.
          Mitglieder der AfD auf dem Parteitag der AfD Niedersachsen, auf dem Podium der Landesvorsitzende Armin Paul Hampel.

          Alternative für Deutschland : Wer sind die Bundestagskandidaten der AfD?

          Die Standpunkte der Spitzenkandidaten der AfD sind bekannt. Laut ersten Prognosen erhält die Partei zwischen 13 und 13,5 Prozent der Stimmen und damit zwischen 80 und 90 Sitze im Bundestag. Wer sind die anderen Kandidaten und wofür stehen sie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.