http://www.faz.net/-gpf-6y5e1

Bahr: „Mit Konsequenz verfolgen“ : Millionenbetrug in der Pflege

Bild: dpa

Abrechnungsbetrug bei ambulanten Pflegediensten ist in Deutschland weit verbreitet. Gesundheitsminister Bahr spricht sich in der F.A.S. dafür aus, ihn „mit aller Konsequenz“ zu verfolgen.

          Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat sich dafür ausgesprochen, dass Abrechnungsbetrug bei ambulanten Pflegediensten in Zukunft „mit aller Konsequenz verfolgt werden muss“. Das Geld, das in die Taschen der Betrüger wandere, „fehlt uns an anderer Stelle, um Pflegebedürftigen und ihren Familien und Angehörigen zu helfen“, sagte Bahr der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.).

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Ausmaß des Betrugs auf Bundesebene ist nicht zu beziffern. Allein in Berlin jedoch betrügt nach den Worten von Michael Büge (CDU), Staatssekretär für Soziales im Berliner Senat, ein Drittel der 560 ambulanten Pflegedienste systematisch: „Das sind mafiöse Strukturen.“ Es gehe in Berlin um eine Summe von 100 Millionen Euro im Jahr, die zu Unrecht abgerechnet würde. Die Dienste kassierten für Leistungen, die sie nicht erbracht hätten.

          Nach Ansicht der Berliner Sozialämter gibt es dabei drei Varianten des Betrugs. Im ersten Fall wisse der Klient nichts vom Betrug des Pflegedienstes und werde ohne sein Wissen instrumentalisiert. Der Dienst kassiere das gesamte Pflegegeld, mache alle Behördengänge und sorge dafür, dass niemand die Vernachlässigung des Patienten bemerke. Im zweiten Fall stelle der Klient sich kränker, als er sei, wenn die Begutachtung zur Pflegestufe stattfinde. Der Pflegedienst zeige ihm, wie er das machen müsse, zum Dank bekomme der Klient einen Teil des erschlichenen Geldes ab.

          Die dritte Variante: Der angebliche Patient ist kerngesund. Er hält sich monatelang in seinem Herkunftsland auf, während in Deutschland ein Pflegedienst für seine angebliche Pflege kassiere. Dienst und Patient und auch der Arzt steckten in einem solchen Fall unter einer Decke, es handele sich um ein geschlossenes System, das von den deutschen Behörden schwer zu durchblicken sei. Vor Gericht ist der Betrug schwer nachzuweisen. Die meisten Verfahren werden eingestellt, weil Aussage gegen Aussage steht. Wenn überhaupt, wird eine Geldstrafe verhängt. „Solche Strafen haben keinerlei abschreckende Wirkung, da gründet man eben einen neuen Pflegedienst und macht weiter wie bisher“, sagt der Leiter der „Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen“ einer großen Krankenkasse.

          Barbara Stolterfoht, ehemalige hessische Sozialministerin und Leiterin der „Arbeitsgruppe Pflege“ bei Transparency International, sagt, das Abrechnungssystem der Pflegedienste öffne Betrügern Tür und Tor: „Das ist so kompliziert, es verlockt zum Betrug.“

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Die Unverzichtbaren Video-Seite öffnen

          Wahlspezial : Die Unverzichtbaren

          Deutschland wird nicht allein in Berlin gemacht. Die Menschen, ohne die nichts geht, arbeiten nachts oder in ihrer Freizeit, retten Leben oder den Freitagabend. Die F.A.S. erzählt 14 Geschichten über die Stützen der Gesellschaft. Ein Auszug.

          Gemischte Gefühle Video-Seite öffnen

          CDU-Politiker zum Wahlausgang : Gemischte Gefühle

          Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther äußerte sich positiv zu einem Jamaika-Bündnis. Julia Klöckner macht sich Sorgen über den Einzug der AfD in den Bundestag.

          Topmeldungen

          CSU-Beben in Bayern : „Wir brauchen einen anderen Spitzenkandidaten“

          Nach dem katastrophalen Abschneiden der CSU bei der Bundestagswahl werden die Rücktrittsforderungen an Horst Seehofer lauter. Das Festhalten an der Flüchtlingsobergrenze könnte schon früh jede Jamaika-Verhandlung erschweren.
          Bald nicht mehr in der AfD: Frauke Petry und Markus Pretzell

          Parteivorsitzende : Petry und Pretzell verlassen die AfD

          Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry und ihr Mann, der NRW-Landesvorsitzende Marcus Pretzell, wollen aus der Partei austreten. Einen Zeitpunkt nannten sie noch nicht. Auch andere Fragen bleiben offen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.