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Baden-Württemberg : Türkisch für Anfänger

Abiturprüfung im Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen Bild: dpa

Mit ihrem Vorschlag, Türkisch als dritte Fremdsprache an Gymnasien einzuführen, will die SPD in Baden-Württemberg aus dem 20-Prozent-Loch kommen. Die CDU spricht von einer Mogelpackung.

          Auch gewieften Sozialdemokraten in Baden-Württemberg fallen nicht mehr viele Wählergruppen ein, mit deren Unterstützung sich die Partei aus ihrem 20-Prozent-Tief befreien könnte. Eine davon sind die türkischstämmigen Einwanderer.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Deshalb hat die SPD vor zwei Jahren ein Integrationsministerium mit der Ministerin Bilkay Öney geschaffen, deshalb kommt jetzt aus der SPD-Fraktion der Vorschlag, an Gymnasien Türkisch als dritte Fremdsprache einzuführen - zunächst an zwei Modellschulen. Natürlich gibt es Gymnasien im Südwesten, an denen die Schüler von Klasse acht an Spanisch, Französisch, Englisch oder Portugiesisch lernen können. Auch Chinesisch ist im Angebot - nur Türkisch gibt es bisher nicht.

          Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sieht in dem Schulversuch ein „integrations- sowie bildungspolitisches Signal“ an die türkischstämmige Bevölkerung. Etwa 400.000 türkischstämmige Menschen leben im Südwesten, von den Jugendlichen schaffen es die wenigsten bis zum Abitur. Wie viele Kinder aus türkischen Einwandererfamilien das Gymnasium besuchen, wird statistisch nicht erhoben.

          Angebot an eine schmale Bildungselite

          Die SPD-Fraktion kam dem Minister wohl auch deshalb zuvor, weil die schlechten Umfrageergebnisse - gerade in Bezug auf die sozialdemokratische Bildungspolitik - für heftige Kontroversen sorgen. Bis zum Herbst will man diese Ergebnisse noch mit Meinungsforschern besprechen, es dürfte noch eine Diskussion über den bildungspolitischen Kurs an sich ins Haus stehen.

          Türkisch als dritte Fremdsprache wäre in jedem Fall ein Angebot an eine schmale Bildungselite. Schon seit längerem können Gymnasien Türkisch als „spät beginnende Fremdsprache“ nach Klasse zehn anbieten, doch die Schüler fragten nicht danach. An der Universität Tübingen gibt es die Möglichkeit, Türkisch als Erweiterungsfach zu studieren.

          Stoch will nun einen Bildungsplan erstellen lassen. Den Vorwurf, diese Erweiterung des Fremdsprachenangebots werde zur Ausbildung von „Parallelgesellschaften“ führen, weist der Kultusminister zurück: Türkischstämmige Zuwanderer, die das Abitur anstreben, dürften in der Regel kein Integrationsproblem haben und auch die deutsche Sprache gut bis sehr gut beherrschen.

          Außerdem betrifft das Projekt vorerst nur eine kleine Minderheit, denn diskutiert wird über zunächst zwei Modellversuche an Schulen in Stuttgart und Mannheim. „Es geht darum, dass wir uns besser verstehen, und zwar im wörtlichen Sinne. Das hilft, Intoleranz abzubauen“, sagte Stoch dieser Zeitung.

          CDU: Eine Mogelpackung

          Die CDU nennt die Pläne der SPD eine Mogelpackung. Ein Modellprojekt reiche nicht aus, sagt Bernhard Lasotta, der integrationspolitische Sprecher der CDU-Fraktion. Lasotta und die Grünen schlagen stattdessen vor, den muttersprachlichen Türkischunterricht von der Grundschule an in den Bildungsplänen zu verankern. „Wenn es die Sprachkompetenzen in den Familien gibt, dann müssen auch Rechtschreibung und Grammatik gut gelernt werden, das ist beim jetzigen muttersprachlichen Unterricht nicht immer der Fall“, sagt Lasotta.

          Die Grünen haben auf den Vorschlag ihres Koalitionspartners leicht verschnupft reagiert. Die türkischstämmige Landtagsabgeordnete Muhterem Aras sagt: „Wenn man sich den verschwindend geringen Anteil der türkischstämmigen Gymnasiasten anschaut, muss man viel früher anfangen. Wir wollen deshalb eine Stärkung des muttersprachlichen Unterrichts in den Grundschulen.“ Deshalb müsse der muttersprachliche Unterricht in den deutschen Bildungsplänen verankert und auch von deutschen Lehrern unterrichtet werden.

          „Jede Woche Bilder von Kemal Atatürk malen“

          Wie in anderen Ländern gibt es in Baden-Württemberg derzeit einen muttersprachlichen Zusatzunterricht, an dem die türkischen Einwandererkinder freiwillig teilnehmen können. Von 1,5 Millionen Schülern nehmen 24.602 Schüler dieses Angebot wahr. Frau Aras, selbst Mutter von zwei Kindern, hat damit nicht nur gute Erfahrungen gemacht: „Es waren Lehrer, die von der hiesigen Gesellschaft keine Ahnung hatten. Meine Tochter musste jede Woche Bilder von Kemal Atatürk malen, bei meinem Sohn war der Unterricht, zugegeben, wesentlich besser.“

          Aus Kostengründen, weil sich die Landesregierung mit ihren zahlreichen Schulreformen ohnehin schon übernimmt und weil man sich auch mit den türkischen Konsulaten auseinandersetzen müsste, will man im Kultusministerium von einer groß angelegten Einführung des Türkischunterrichts nichts wissen. „Das steht im Moment nicht auf der Tagesordnung“, sagt ein Sprecher.

          Inhaltlich halten CDU, SPD und Grüne den muttersprachlichen Türkischunterricht von Klasse eins an übereinstimmend für wichtig. Die SPD scheint eher den schnellen Erfolg im Blick zu haben. Dass es auch Bildungsforscher wie Hartmut Esser gibt, die behaupten, dass das Erlernen der „Muttersprache auf den entscheidenden Feldern von Bildung und Beruf keinen Gewinn bringt“, müsste vor einer Reform vielleicht noch diskutiert werden.

          Quelle: F.A.Z.

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