27.10.2009 · Der designierte Ministerpräsident Stefan Mappus wurde als ein in die Landespolitik verlängerter Lokalpolitikertypus beschrieben, der sich einen instinktiven Zugang zur Politik bewahrt hat. So wie der junge Strauß, sagen manche, nur weniger intellektuell.
Von Timo FraschWenn man in der Politik noch etwas werden möchte, gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, das zu bekunden. Entweder man sagt, man sei in seinem Amt hoch zufrieden. Oder man gibt ohne Umschweife zu verstehen, zu welchen anderen Aufgaben man sich noch befähigt fühlt. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU-Fraktion, Stefan Mappus, hat eher die zweite Variante gewählt. In Hintergrundgesprächen vor allem der jüngeren Zeit ließ er jedenfalls keinen Zweifel an seinem Ziel: Ja, irgendwann wolle er Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg werden.
Mappus ist zu Recht als ein in die Landespolitik verlängerter Lokalpolitikertypus beschrieben worden, der sich einen instinktiven Zugang zur Politik bewahrt hat. So wie der junge Strauß, sagen manche, nur weniger intellektuell. Freilich: Eine Zeitlang hat Mappus als Assistent für Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim gearbeitet; die Lehren für seine eigene Karriereplanung hat der Praktiker, der auch eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht hat, aber doch aus der unmittelbar erlebten Zeitgeschichte gezogen. Ein erster Markstein für ihn war die Amtsübernahme von Erwin Teufel, der 1991 als damaliger Fraktionsvorsitzender zugriff, nachdem Lothar Späth seinen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten erklärt hatte. Damals saß der heute 43 Jahre alte Mappus noch im Gemeinderat der badisch-württembergischen Grenzstadt Mühlacker und war Mitglied des Landesverbands der Jungen Union (JU), in die er, aus einem weitgehend unpolitischen Elternhaus stammend, eher geraten als eingetreten war.
Den Plan B in der Tasche
Mappus hat es am vergangenen Samstag ein bisschen wie Teufel gemacht. Nachdem er erfahren hatte, dass Oettinger sein Amt niederlegen würde, wusste er, dass es jetzt schnell gehen musste. Auch er versicherte sich des Rückhalts in der Fraktion, die er in den vergangenen Jahren eher mit der Peitsche als mit dem Zuckerbrot zu seiner Machtbasis ausgebaut hat. Noch ehe mögliche Gegenspieler – Rech, Stächele, Reinhart –, die in der Partei zum Teil besser vernetzt sind als er, wussten, wie ihnen geschieht, war in aller Munde, dass alles auf Mappus zulaufen würde. Hatte er etwa schon länger etwas geahnt, gar den Wechsel Oettingers nach Brüssel mitbetrieben, vielleicht über seine Beziehungen nach Berlin, die er in jüngerer Zeit intensiviert haben soll?
Im Landesverband zweifelt niemand daran, dass Mappus einen Plan B in der Tasche gehabt hat. Aber eine Axt? Nein. Dafür wusste er zu genau, dass es nicht gut ankommt, einen Baum zu fällen, nur, um an dessen Früchte zu kommen. Er hat an ihm allerdings immer wieder geschüttelt. So erteilte er 2006 einer schwarz-grünen Koalition eine Absage, als Oettinger noch mit den Grünen sondierte. Außerdem ist er dem Ministerpräsidenten im Streit über die Besetzung des Chefpostens bei der Landesbank nicht eben hilfreich gewesen. Andererseits hat er Oettinger nach dessen verunglückter Filbinger-Rede den Rücken gestärkt.
Ein zweiter Markstein für Mappus war das erzwungene Ende von Teufels Zeit als Ministerpräsident und die quälende Suche nach einem Nachfolger, die der Partei Wunden zugefügt hat. Das sollte diesmal anders laufen. Auch deshalb hat Mappus am Samstag sogleich darauf gedrungen, die Nachfolge nicht wieder über eine Mitgliederbefragung zu regeln, sondern von den Parteigremien und der Fraktion entscheiden zu lassen – wohl wissend, dass seine Chancen dort größer sein würden als an der Basis. Das Kalkül scheint aufgegangen zu sein. Jedenfalls hat zu Wochenbeginn keiner derjenigen, die zunächst gemahnt hatten, bei der Entscheidungsfindung auf ihr eigenes Tempo Rücksicht zu nehmen, Protest geäußert. Sogar von Harmonie war die Rede – und von der verbreiteten Einsicht, dass Mappus gegenwärtig der einzige Landespolitiker sei, der, sofern er seine Gegner einbinde, die CDU in der Landtagswahl 2011 zu einem Erfolg führen könne.
Gut im Austeilen, weniger gut im Einstecken
Mappus hat noch viel Arbeit vor sich. Auch wenn er im Unterschied zum Großstadtmenschen Oettinger immer die Bedeutung der Provinz hervorgehoben hat, ist er gerade dort, in Biberach oder Ellwangen, ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Wer also ist dieser Mappus? Er hat ein Gespür für Stimmungen und ein Talent für Inszenierungen. Letzteres hat der Hobbypilot schon unter Beweis gestellt, als er einst höchstselbst zu einem Treffen der Jungen Union flog. Auch an der geläufigen Beschreibung als Gegen-Oettinger ist manches wahr: Anders als dieser versteht sich Mappus auf die Kunst, seine Wörter gerade so markig zu wählen, dass sie in Erinnerung bleiben, ohne einen Skandal auszulösen.
Während für den Ministerpräsidenten Politik vornehmlich ein Mannschaftssport ist, sieht Mappus in ihr eher einen Boxkampf, der tunlichst nicht unentschieden ausgehen sollte. Mappus, heißt es, sei gut im Austeilen, weniger gut im Einstecken. Er sei verlässlicher als Oettinger, auch, weil er im Gegensatz zu diesem meist wisse, was er wolle. Es heißt aber auch, er sei weniger verbindlich und bisweilen aufbrausend. Während Oettinger auf gesellschaftlichen Empfängen aufblüht, geht Mappus abends gerne nach Hause zu seinen beiden Kindern und seiner Frau, wobei die frühere CDU-Landesgeschäftsführerin, die in zweiter Ehe verheiratet ist, weit weniger konservativ sein soll, als ihr Mann vermuten lässt.
Weggefährten von Mappus sagen anerkennend, er habe klare konservative Wertvorstellungen, so wie Erwin Teufel oder Helmut Kohl, zu denen er freundschaftlichen Kontakt pflegt. Vor zwei Jahren hat er zusammen mit anderen jungen Politikern aus der Union versucht, diesen Konservatismus zu konkretisieren. Herausgekommen ist dabei ein Papier, das klären sollte, „warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln denken muss“. Am Samstag ist ein weiterer Grund hinzugekommen.