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Ausnahmezustand in Chemnitz : Alleingelassen mit einem Gefühl

Nach den Ausschreitungen in den vergangenen Tagen wird Chemitz mit Hass und Randale verbunden. Bild: dpa

In Chemnitz wollen die Bürger nichts mit Rechtsradikalen zu tun haben – ihre Skepsis gegenüber Fremden äußern sie trotzdem mit einer Offenheit, die anderswo unüblich ist.

          Im Angebot sind Haselnussplätzchen für 2,10 Euro die Tüte, Florentiner für zwei Euro, Marmorkekse für 2,50 Euro. In dem Regal herrscht eine freundlich-penible Ordnung, die kleine Konditorei führt 40 Sorten Plätzchen, so steht es draußen auf dem Schild, und natürlich hat jede Sorte ihren Platz, nicht zu vergessen die Kuchen, Torten, Brötchen, Brote. Selbst die Getränke sind sorgsam nebeneinander aufgereiht, Capri-Sonne neben Sekt, letzterer natürlich in der Piccoloflasche.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Mit der gleichen milden Strenge steht die Inhaberin zwischen den Regalen, Brunhilde Peuckert, Konditormeisterin in vierter Generation, und sie verbreitet kritische Zuversicht. Die Polizei werde die Lage schon im Griff haben, sagt sie und fügt fast beiläufig hinzu, dass die Beamten ja nun wüssten, was da auf sie zukomme.

          Sie meint damit die Szenen der vergangenen Tage – denn Chemnitz ist im Ausnahmezustand, seitdem ein Syrer und ein Iraker verdächtigt werden, in der Nacht zu Sonntag den 35 Jahre alten Daniel H. in der Innenstadt erstochen zu haben. Es dauerte nur wenige Stunden, ehe aus der Stadt Szenen gemeldet wurden, denen zufolge etliche Rechtsradikale durch die Straßen zogen und Straftaten begangen. Nur einen Tag später, am Montag, kam es zu Ausschreitungen hunderter Demonstranten. Die Konditorin sagt, zur Sicherheit werde man am Abend die Rollläden herunterlassen, für alle Fälle.

          Der Russe ist ihr nicht ganz geheuer

          Man kann ja nie wissen, das ist die neue Wirklichkeit in Chemnitz. Die Konditorei befindet sich im Stadtteil Sonnenberg, der Bezirk gilt als Problemkiez der Stadt, viele Arbeitslose, viel Kriminalität, viele Gebäude sind heruntergekommen. Am Donnerstag wird das Viertel um ein weiteres Problem reicher, die rechtspopulistische Bürgerinitiative „Pro Chemnitz“, die bereits die Kundgebung am Montagabend veranstaltet hatte, hat für den Abend abermals zu einer Großdemonstration aufgerufen.

          Anlass ist der Besuch des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) im Chemnitzer Fußballstadion. Sein Bürgerdialog war seit Monaten geplant und wird nun von den Bildern der vergangenen Tage bestimmt. Bilder von Neonazis mit hasserfüllten Gesichtern sind darunter, und Bilder von Rechtsextremen, die ohne jede Hemmung den Hitlergruß zeigen.

          Unmittelbar vor dem Stadion wollen wieder Bürger gegen die Landesregierung demonstrieren, sie verlangen, dass abgelehnte Asylbewerber schneller abgeschoben werden und dass die Behörden konsequent gegen „kriminelle Araberclans“ vorgehen, wie die Bewegung „Pro Chemnitz“ auf ihrer Facebookseite schreibt.

          Die Demonstranten versammeln sich vor dem Stadion, nur einen Häuserblock von Peuckerts kleiner Konditorei entfernt. Und wie ist das nun in Chemnitz mit den Ausländern? Die Konditorin sagt, es werde immer häufiger eingebrochen in der Gegend, vor allem seit dem Beginn der Einwanderungswelle vor bald drei Jahren, und seit einer Weile wohne im Haus ein Ausländer, ein Russe vermutlich, aus Sibirien, wie man hört. Gestohlen habe der noch nichts, doch er sei ihnen auch nicht ganz geheuer.

          Stimmen wie diese hört man überall in der Stadt. Die meisten Chemnitzer wehren sich dagegen, rechtsradikal genannt zu werden, sie verorten sich stattdessen eher in der Mitte des politischen Spektrums – nur dass die Ablehnung der Eingewanderten hier oft in einer Deutlichkeit zutage tritt, die man sonst eher von Rechtsaußen erwarten würde.

          Zwar propagiert kaum ein Bürger, den man auf der Straße trifft, offen Gewalt gegen Zugezogene, das unterscheidet die Chemnitzer von den Rechtsextremen, doch in ihrer sprachlichen Ablehnung sind viele Bürger der Stadt hörbar entschlossen, dass es so nicht weitergehen könne. Viele berichten im selben Atemzug davon, dass die Kriminalität spürbar gestiegen sei, dass es zu Übergriffen seitens der meist jungen Migranten komme, zu Diebstählen und Schlägereien, auch und gerade im Problemkiez Sonnenberg.

          Kein Vertrauen mehr in die Verwaltung

          Zwischen dem Fußballstadion und dem staatlichen Kepler-Gymnasium reihen sich klassizistische Gebäude und kleinere Plattenbauten aus DDR-Zeiten aneinander, etliche Gebäude sind unbewohnt, die Fenster zerschlagen und mit Brettern vernagelt, aus dem Innern weht ein modriger Mief auf die Straße. Schräg gegenüber der kleinen Konditorei steht ein Reihenhaus, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

          Unter dem Dach, mit Blick auf das Stadion, wohnt eine junge Frau, raspelkurze Haare, tätowiert, mehrere Ohrringe. Sie gehört zweifellos dem linken Spektrum an und sagt: „Wenn an diesem Donnerstag da drüben die Demonstration stattfindet, gehe ich lieber nicht raus.“ Es stimme schon, was in den vergangenen Tagen in den Zeitungen zu lesen gewesen sei, dass die Stadt den Rechtsextremen das Feld überlassen habe. Die junge Frau, die anonym bleiben möchte, sagt auch, sie baue nicht mehr auf die Verwaltung, dafür sei sie zu desillusioniert. Sie lebt seit einem Jahr in Chemnitz und wenn sie ein paar ihrer Freunde, die eine dunkle Hautfarbe hätten, zu sich einladen wolle, überlege sie sich das gut. „Das ist doch traurig.“

          Rechte Mahnwache gegen Linke Demonstranten?

          In der Innenstadt hält sich derweil hartnäckig das Gerücht, dass der erstochene Daniel H. angeblich einer Frau helfen wollte, die zuvor von den beiden Tatverdächtigen belästigt worden sei – die Ermittlungsbehörden haben das früh dementiert, dafür gebe es keine Anhaltspunkte, hieß es. Trotzdem ist Mario Hampel, ein stämmiger Mann mit kurzen Haaren, am Dienstagabend noch immer außer sich. „Mich nimmt das mit“, sagt er. Daniel H. sei doch nur erstochen worden, weil er einer bedrängten Frau habe helfen wollen, das hätte doch jeder in der Situation so gemacht.

          An dem Ort, an dem der junge Mann am vergangenen Wochenende zusammenbrach, nur ein paar Meter von dem bekannten Karl-Marx-Monument entfernt, haben die Chemnitzer mehrere hundert Kerzen abgestellt, dazu etliche Dutzend Blumensträuße. Eine „Mahnwache“ sei nötig, sagt Hampel, damit die Linken die Gedenkstätte nicht nachts verwüsteten, so weit sei es schon.

          Randale statt 875-Jahr-Feier

          Auf die Frage, was passieren müsse, damit die Stadt ein besserer Ort sei, will der Mann, der aus einem Dorf nahe der Stadt kommt, lieber nicht antworten, stattdessen blickt er vielsagend drein. Es ist nicht schwer zu erraten, was er denkt: Also alle Ausländer ausweisen? Hampel nickt überdeutlich, ganz so als wäre er froh, dass ihn endlich mal einer versteht. „Ich sage nichts dazu, aber Sie sehen ja meine Reaktion.“

          Am Mittwochmittag bittet Barbara Ludwig ins Besprechungszimmer im zweiten Stock des Rathauses. Draußen an der Fassade hängen noch die blau-gelben Fahnen, 875 Jahre Chemnitz, die Stadt wollte eigentlich feiern, und jetzt das. Die Oberbürgermeisterin von der SPD hat keinen einfachen Job in diesen Tagen, das ist noch untertrieben, sie hat einen geradezu unmöglichen Job, denn sie muss nun irgendwie die Stadt zusammenhalten und kann es dabei ohnehin nicht allen recht machen.

          Chemnitz fühlt sich alleingelassen

          Das sei ein schöner Sommer gewesen, sagt sie, die Menschen hätten das gute Wetter genossen, dann das Stadtfest, zunächst lief alles gut und dann „so ein Hieb“. Sie meint damit nicht nur den Messerangriff vom Wochenende, sondern auch, was danach in der Stadt passiert ist. Die Trauer um den Verlust des 35 Jahre alten Mannes sei „benutzt“ worden, sagt Ludwig, instrumentalisiert von Menschen, die Hass säen wollten.

          Dabei seien die Chemnitzer vor drei Jahren, am Beginn der Flüchtlingskrise, noch hilfsbereit gewesen. „Das war überwältigend“, sagt Ludwig, die Bürger spendeten Kleidung für die Erwachsenen und Spielzeug für die Kinder. Die Risse kamen mit dem Gefühl, von der großen Politik, von Berlin und Dresden, nicht gefragt worden zu sein, und Ludwig sagt bestimmt: „Wir wurden auch nicht gefragt.“ Die Städte und Gemeinden seien alleingelassen worden mit den Lasten von Aufnahme und Integration der vielen Geflüchteten.

          Was Meldungen über Flüchtlinge als Tatverdächtige auslösen

          Diese Aufgabe hätten wahrscheinlich auch die Chemnitzer noch irgendwie bewältigt, wären nicht immer wieder Meldungen dazwischengekommen, die mit den Monaten eine gefährliche Stimmung entstehen ließen. Es waren Meldungen von kleinen und größeren Zwischenfällen, von Delikten und Straftaten, bei denen Flüchtlinge als Tatverdächtige galten. Gerade erst berichteten lokale Medien davon, dass ein Syrer im Verdacht steht, ein 15 Jahre altes Mädchen in Chemnitz vergewaltigt zu haben, der Haftbefehl erging demnach am Sonntag – nur wenige Stunden, nachdem Daniel H. auf dem Bürgersteig nahe des Marx-Monuments zusammenbrach.

          Solche Ereignisse machen es Menschen wie Martin Kohlmann leicht, seine Botschaft unters Volk zu bringen. Der gebürtige Chemnitzer arbeitet als Rechtsanwalt und sitzt für die Bürgerinitiative „Pro Chemnitz“ im Stadtrat, derselben Gruppierung also, die am Montagabend zur Kundgebung aufgerufen hat und auch an diesem Donnerstag wieder Tausende Wutbürger auf die Straßen in Chemnitz-Sonnenberg bringen will.

          Ab jetzt wird mit Chemnitz Hass verbunden

          Kohlmann steht am Mittwochnachmittag am Rednerpult des Stadtrats, es ist die erste Sitzung des Gremiums seit den Ausschreitungen, er sagt: „Der Bürger muss zu Selbstschutz greifen.“ Es sei nicht nur Trauer, welche die Chemnitzer in diesen Tagen bewege, es sei „Wut, der Ruf nach Konsequenzen“, und das sei „verständlich und richtig“.

          Die anderen Stadtratsfraktionen, mit Ausnahme der AfD, machen keinen Hehl daraus, dass die Kohlmann und seine Gefolgsleute für die geistigen Brandstifter der Ausschreitungen halten, mindestens jedoch für mitverantwortlich für all die Gewalt, für all den Hass, den nun jeder Auswärtige, der die Bilder gesehen hat, mit der Stadt verbindet.

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