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Ehemaliger SS-Mann : Auschwitz-Prozess startet ohne direkte Beweise

Bild: AP

Reinhold H. wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vorgeworfen. Direkt Nachweisen kann ihm das Gericht dies nicht. Früher taten sich deutsche Gerichte mit solchen Verfahren schwer. Das hat sich aber geändert.

          Fast 72 Jahre ist es her, dass Reinhold H. das Konzentrationslager Auschwitz verließ. Als er im Juni 1944 ins Konzentrationslager Sachsenhausen versetzt wurde, arbeitete die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren. Es war die Zeit der „Ungarnaktion“, während der innerhalb weniger Wochen mehr als 300.000 ungarische Juden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Man weiß nicht, wie sich Reinhold H. fühlte, als er den Ort dieses Menschheitsverbrechens verließ. Ob es Erleichterung war, der Arbeit im Vernichtungslager zu entkommen, oder ob er stolz war auf den Dienst, den er seinem Führer geleistet hatte. 70 Jahre später, im Frühjahr 2014, standen jedenfalls Staatsanwälte vor seiner Tür und interessierten sich für das, was er über 70 Jahre zuvor in Auschwitz gemacht hatte.

          Prozess : Ehemaliger Wachmann von Auschwitz vor Gericht

          Wegen des weltweiten Interesses wurde ein Saal angemietet

          An diesem Donnerstag muss sich Reinhold H. vor dem Landgericht Detmold für seine Taten verantworten. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vor. Das Gericht hat eigens einen Saal der Industrie- und Handelskammer Lippe gemietet, um Platz für Zuschauer und Presse aus aller Welt zu schaffen. 40 Nebenkläger, Überlebende des Vernichtungslagers und deren Angehörige, haben sich dem Verfahren angeschlossen. Zwölf Verhandlungstage sind angesetzt, nur zwei Stunden täglich, denn Reinhold H. ist inzwischen 94 Jahre alt und gebrechlich.

          Reinhold H. war einer der Namen auf einer Liste von mehr als 30 früheren SS-Angehörigen, welche die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg vor mehr als zwei Jahren an die Staatsanwaltschaften weitergab. Im Februar 2014 wurden in zwölf Städten Wohnungen durchsucht. Viele der Verfahren wurden rasch wieder eingestellt, die Beschuldigten waren zu alt oder verstarben.

          Leon Schwarzbaum hat Auschwitz überlebt. Seine Verwandten auf dem Foto nicht. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den SS-Mann Reinhold H., der dort zwei Jahre lang Dienst tat.
          Leon Schwarzbaum hat Auschwitz überlebt. Seine Verwandten auf dem Foto nicht. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den SS-Mann Reinhold H., der dort zwei Jahre lang Dienst tat. : Bild: dpa

          Bisher wurde von dieser Liste nur Oskar Gröning wegen der Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Voraussichtlich noch in diesem Februar wird in Neubrandenburg der Prozess gegen Hubert Z. stattfinden, der in Auschwitz dem Sanitätsbataillon angehörte. Das Landgericht Hanau hat in der vergangenen Woche den Beginn der Hauptverhandlung gegen den früheren Auschwitz-Wachmann Ernst T. für April festgelegt. In Kiel ist zudem eine Frau angeklagt, die offenbar als Funkerin in der Kommandantur von Auschwitz arbeitete.

          Konkret kann ihm die Staatsanwaltschaft keine Taten nachweisen

          Reinhold H. kam 1921 als Sohn einer Arbeiterfamilie im Kreis Lemgo-Lippe zur Welt. Mit 14 Jahren schloss er die Volksschule ab und arbeitete zunächst in einer Fabrik. Damals, 1935, trat er auch in die Hitlerjugend ein. Im Sommer 1940 meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS und kämpfte an der Front, bis er im Januar 1942 zum Totenkopfsturmbann nach Auschwitz versetzt wurde. Zwei Mal wurde er dort befördert, zuletzt zum Unterscharführer. Am 16. Juni 1944 kam schließlich die Versetzung ins Konzentrationslager Sachsenhausen, in dessen Nähe er fünf Tage vor Kriegsende in Gefangenschaft geriet. Über sein späteres Leben ist nichts bekannt.

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