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Veröffentlicht: 01.08.2017, 18:58 Uhr

Trotz Fachkräftemangel Ausbildung mangelhaft


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Alles nur Einzelfälle? Tobias Wunsch, bei der IG Metall für Ausbildung zuständig, sagt: nein. „Als Unternehmer kann ich das System entweder nutzen, um jemanden sehr gut, auch technisch, auszubilden. Oder ich kann es nutzen, um jemanden günstig drei Jahre lang zu beschäftigen. Und natürlich sind das nicht alles nur Einzelfälle oder schwarze Schafe.“ Nach einer Statistik des Deutschen Gewerkschaftsbunds sind Jugendliche seit Jahren unzufrieden mit der Ausbildung in Branchen wie der Gastronomie oder dem Hotelgewerbe.

Bei wem liegt die Verantwortung für die Misere?

Für diese Probleme ist die Politik mitverantwortlich. Im Jahr 2003 senkte die rot-grüne Bundesregierung die Hürden für Unternehmen, Jugendliche auszubilden. Damals gab es fünf Millionen Arbeitslose im Land, viele Schulabgänger hatten große Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Deshalb entschied die Regierung, dass Ausbilder keinen Lehrgang mehr machen mussten, um jemanden auszubilden. Ein Formular reichte.

47658687 © dpa Vergrößern Eine der schwierigen Branchen: Berufsschullehrer und Auszubildende berichten, dass in der Gastronomie Überstunden üblich sind – häufig zulasten des Berufsschulunterrichts.

Zwar wurde diese Regelung 2009 wieder abgeschafft. Doch Ausbilder, denen es in jenen Jahren gestattet wurde, ohne entsprechenden Nachweis auszubilden, dürfen das weiterhin. Darunter leidet die Qualität der Ausbildung. So erzählen Berufsschullehrer, dass sie Ausbilder nicht erreichen konnten – weil es sie nämlich nicht gab. Die Unternehmenschefs hatten Ausbilder benannt, die nur auf dem Papier existierten. Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt außerdem zu dem Schluss, dass Azubis in solchen Betrieben viel häufiger durch die Abschlussprüfungen fallen als andere.

Obwohl all das schon lange bekannt ist, tut kaum jemand etwas dagegen. Eigentlich müssten die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern über die Qualität der Ausbildung wachen. Nur sie können Betrieben die Ausbildungserlaubnis entziehen. Das geschieht aber so gut wie nie. Die Handwerkskammer in Frankfurt hat in 25 Jahren nur einmal einer Firma die Ausbildungserlaubnis entzogen. Und in der örtlichen Industrie- und Handelskammer ist kein Fall aus den letzten zehn Jahren bekannt.

47658688 © Imago Vergrößern Der SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende Martin Schulz mit Auszubildenden der Münchner Stadtwerke

Warum greifen die Kammern nicht durch? Anne-Kathrin Reich, Schulleiterin der Modeschule in Frankfurt, sagt, die Kammern würden vor allem die Interessen der Unternehmen vertreten. Die müssten immerhin Geld bezahlen, um Mitglied der Kammern zu sein. „Man pinkelt sich doch nicht gegenseitig ans Bein.“ Tobias Wunsch von der IG Metall bestätigt das: „Die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern könnten durchgreifen, tun es aber nicht. Weil sie immer wieder die Interessen der Wirtschaft vertreten, nicht die der Jugendlichen.“ Hinzu kommt: Die Kammern verlangen von den Azubis, ihnen handfeste Beweise für das Fehlverhalten ihres Betriebs zu liefern, bevor sie tätig werden. Doch die Jugendlichen schrecken vor einem solchen Schritt oft zurück.

Die Parteien tun wenig, um die Ausbildung zu verbessern

Dabei wäre es für die Kammern ein Leichtes, die Betriebe selbst zu überprüfen. In jedem Bezirk des Landes beschäftigen sie einen Ausbildungsberater, der für mehrere Branchen und Betriebe zuständig ist. Dieser Mitarbeiter darf jederzeit unangekündigt Unternehmen besuchen und sich ein Bild über die Zustände am Ort machen. Doch auch das passiert so gut wie gar nicht, wie es etwa aus der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt heißt. Man wolle mit den Unternehmen zusammenarbeiten statt gegen sie.

Auch die Parteien tun wenig, um die Ausbildung zu verbessern. Im Programm der Union für die kommende Bundestagswahl steht nur, das Überangebot an Ausbildungsplätzen in Deutschland zeige, dass es dem Land gutgehe. Die FDP will sich zwar für eine „Aufwertung und Ausweitung“ der dualen Ausbildung einsetzen. Damit meint sie allerdings nur: mehr digitalen Unterricht. Die Grünen fordern wie die SPD einen Mindestlohn für Auszubildende. Doch obwohl die Sozialdemokraten seit 2013 im Bund mitregieren, haben sie kaum etwas unternommen, um die Ausbildungsqualität zu verbessern. Vielleicht liegt es daran: Die meisten Azubis dürfen noch nicht wählen.

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Quelle: wahlrecht.de
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