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Vor dem Urteil : Diese Rätsel bleiben nach dem NSU-Prozess

  • Aktualisiert am

Hat wenig zur Klärung beigetragen: Beate Zschäpe Bild: dpa

Am Mittwoch soll das Urteil gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte verkündet werden. Schon jetzt ist klar: Sechs wichtige Fragen wird auch das Urteil nicht beantwortet können.

          In wenigen Tagen will der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts das Urteil gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte im NSU-Prozess verkünden. Mit bislang 437 Verhandlungstagen und einer Dauer von mehr als fünf Jahren war er ein Mammutprozess. Trotzdem blieb vieles offen. Hier die wichtigsten sechs Fragen, die der NSU-Prozess nicht klären konnte:

          1.: Warum endete die Serie der rassistisch motivierten Morde mit der immer gleichen Tatwaffe vom Typ „Ceska“ im Jahr 2006?

          Darüber gibt es nur Spekulationen. Eine lautet: Beim letzten Mord in einem Internetcafé in Kassel sei ein Verfassungsschutzbeamter am Tatort gewesen. Die beiden Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten gefürchtet, jetzt könnten sie auffliegen. Tatsächlich gilt aber gerade das Auftauchen dieses Beamten während der Tatzeit als weiteres Rätsel. Die Behörden sprechen von Zufall. Eine Verwicklung des Beamten wurde immer wieder vermutet, ließ sich aber nicht beweisen.

          2.: Warum änderten Mundlos und Böhnhardt für ihren letzten Mord das Motiv?

          Der letzte Mord war der an der Heilbronner Polizistin Michéle Kiesewetter im Jahr 2007. Die Bundesanwaltschaft meint, die Täter wollten damit den Staat und seine Repräsentanten angreifen. Einen plausiblen Grund für den Wechsel des Mordmotivs nennt die Anklage nicht. Bis dahin waren alle Opfer Gewerbetreibende mit türkischen oder griechischen Wurzeln. Beate Zschäpe hat in ihren Einlassungen einen anderen Grund für den Kiesewetter-Mord genannt: Es sei Mundlos und Böhnhardt nur um die Waffen der Polizistin und deren Kollegen gegangen.

          3.: Woher hatten die NSU-Terroristen ihr Waffenarsenal?

          Zwei Maschinenpistolen, ein Gewehr, der Rest Pistolen und Revolver – insgesamt 20 Waffen. Woher sie stammen, hat der NSU-Prozess nicht geklärt. Nur die Herkunft einer einzigen Waffe will die Bundesanwaltschaft nachvollzogen haben: Die Mordpistole vom Typ „Ceska“ stammt beweisbar aus der Schweiz. Auch der weitere Weg bis in die Hände der Terroristen gilt als aufgeklärt, jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit. Über die anderen Waffen ist nichts bekannt. Und offen ist auch, ob es nicht noch weitere NSU-Waffen gibt, die nie gefunden wurden. Das Gericht hält das für möglich und hielt das in einem Beschluss auf einen Beweisantrag auch schriftlich fest.

          4.: Woher hatten die Terroristen die Adressen von rund 10.000 potenziellen Anschlagszielen?

          Parteibüros, Kirchen und Moscheen, Bürgerinitiativen, sogar eine Geflügelfarm, die ihre Hennen klassisch in geschlossenen Massenställen hält: Quer durch ganz Deutschland hatten die Terroristen Namen und Adressen gesammelt und meist noch Kartenausschnitte beigefügt. Die gesammelten Unterlagen fanden sich in den Trümmern der Zwickauer Fluchtwohnung. Die Einträge passen mehr oder weniger gut zu denkbaren Motiven von Neonazi-Terroristen. Wie diese Liste zusammengestellt wurde, ist aber völlig unklar. Mundlos und Böhnhardt sollen viel gereist sein, auch mit der Bahn. Es könnte Tippgeber vor Ort gegeben haben. Der Prozess brachte dazu nichts Eindeutiges. Beweisanträgen, vor allem von Nebenklägern, ging der Senat oft nicht nach.

          Eine Gedenktafel für die Opfer des NSU in München. Nicht alle Fragen um ihre Ermordung konnten beantwortet werden.

          5.: Lebten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe die gesamten 14 Jahre als Trio im Untergrund zusammen?

          Die Bundesanwaltschaft scheint das so zu sehen. Sie lässt jedenfalls keine Alternative zu dieser Möglichkeit gelten. Es gibt aber Zweifel an der offiziellen Version. Ein Zeuge sagte im Prozess aus, Mundlos habe sich vorübergehend ausquartiert und sei allein bei einem Bekannten untergekommen. Zschäpe selber erklärte, die beiden Männer seien manchmal längere Zeit unterwegs gewesen und sie habe nicht gewusst, wo sie steckten. Diese Frage ist nicht geklärt.

          6.: Gehörten noch mehr Leute zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ als die drei, die die Bundesanwaltschaft dafür hält – Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe?

          Beim Bundeskriminalamt gibt es Ermittler, die diese Frage für sich bejahen. Man sei auf Hinweise gestoßen, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Teil einer deutlich größeren Gruppe gewesen seien. Die Bundesanwaltschaft bleibt dagegen bei ihrer Überzeugung vom abgeschotteten Trio.

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