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Atomares Endlager Viel zu entsorgen, nichts zu verbergen

11.07.2008 ·  So ungelöst, wie oft behauptet wird, ist die Endlagerfrage in Deutschland nicht. Für neunzig Prozent der Abfälle gibt es einen genehmigten Standort. Ende 2013 sollen die ersten Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen in der ehemaligen Eisenerzzeche Schacht Konrad eingelagert werden. Ein Besuch vor Ort.

Von Robert von Lucius, Schacht Konrad
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Ist das Kunst am Bau? Vor dem Eingang zum Schacht Konrad stapeln sich einige gelbe Tonnen mit dem atomaren Warnzeichen drauf. Wolfram König winkt ab, so viel Selbstironie dürfe man von seiner Behörde nicht erwarten. König ist Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter, das die Errichtung des Atommüllendlagers im Schacht beantragt hat und nun dessen Realisierung betreibt. Seit Jahresbeginn laufen erste Ausbauarbeiten, und seit Mitte Juli werden alte Einbauten am Förderschacht abgebaut.

Ende 2013 sollen die ersten Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen in der ehemaligen Eisenerzzeche eingelagert werden. Bisher hatten die Betreiber gewartet, bis alle Gerichtsverhandlungen beendet sind. Konrad ist nun „gerichtsfest“, nachdem die letzten Klagen dagegen auf dem ordentlichen Instanzenweg abgewiesen sind. Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wurde der Planfeststellungsbeschluss im April vorigen Jahres rechtskräftig und Konrad zum ersten nach Atomrecht genehmigten Endlager in Deutschland.

Traube-Neffe klagt in Karlsruhe

Fast gerichtsfest: Der Bauer Walter Traube, der auf seiner Feldseite am Eingang des Schachtgeländes die Tonnen aufstellte, klagt noch vor dem Bundesverfassungsgericht, und notfalls will er vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Seine Erfolgsaussichten werden aber als gering eingeschätzt, nachdem das Bundesverfassungsgericht bereits die Beschwerde der Stadt Salzgitter abgewiesen hat.

Traube ist ein Neffe des Energiewissenschaftlers Klaus Traube, der in den Siebzigern vom Geschäftsführer einer Atomindustriegesellschaft zum vom Verfassungsschutz überwachten Atomkritiker wurde. Die Ironie will es, dass das alte Schachtgelände mit seinem Klagegegner nach niedersächsischem Wegerecht in einer „Feldmarkinteressenschaft“ verbunden ist.

Sein Gehöft und seine Felder mit Steckrüben, Weizen und Erdbeeren liegen gut 500 Meter entfernt vom Förderturm. Mit dem quirligen Landwirt aus Salzgitter-Bleckenstedt, der Galionsfigur der Schacht-Konrad-Gegner, sucht das Bundesamt ansonsten nicht einen engen Schulterschluss, wohl aber mit anderen Gegnern des nun beginnenden Ausbaus zum Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. So kommen in einem neuen Werbefilm Kritiker zu Wort, und das Tonnenkunstwerk wird mehrfach eingeblendet.

König will Kritiker einbinden. Als Motto schätzt er: „Wir haben etwas zu entsorgen, aber nichts zu verbergen.“ So ließ er in Salzgitter just ein Informationszentrum eröffnen. Jährlich fahren 240 Besuchergruppen, ausgerüstet mit Schutzanzügen, Lampen, Atemschutzmasken und Sauerstoffrettungsgeräten, in das tausend Meter tiefe Bergwerk ein.

Schlamperei in Asse

Königs Werbespruch ist noch wichtiger geworden, seit bekannt wurde, dass im benachbarten Salzbergwerk Asse vorschriftswidrig mit radioaktiv verseuchter Lauge umgegangen wurde. Deren Betreiber, das ebenfalls bundeseigene Helmholtz-Zentrum in München, hielt Informationen zurück und duldete, ebenso wie das regionale Bergamt, über viele Jahre hinweg Schlamperei.

Beim Landesbergamt hat das inzwischen auch zu personellen Konsequenzen geführt. In Hannover sind sich alle Landtagsparteien und die Regierung einig, dass in Asse viel schiefgelaufen ist. Doch auch die oppositionelle SPD mag sich an der Skandalisierung dieses Falles nicht so recht beteiligen, da die Aufsichtsmängel in Zeiten begannen, als Sozialdemokraten noch mit den Ministerpräsidenten Schröder und Gabriel in Hannover regierten.

Bei allem Werben für Schacht Konrad verhehlt König nicht, dass er als ehemaliger Grünen-Politiker zur Kernkraft eine durchaus kritische Haltung einnimmt. So lässt er sich nicht ein auf Argumente, dass es in Deutschland bisher „nur“ zwei Tote gab, die unmittelbar Atomkraftwerken zuzuordnen sind - bei einem Unglück im Kernkraftwerk Gundremmingen wurden 1975 zwei Betriebsschlosser mit austretendem Wasserdampf verbrüht -, und dass auch diese beiden nicht der radioaktiven Strahlung, sondern einem konventionellen Kraftwerksunfall zum Opfer gefallen sind.

König hält dagegen, dass „Hunderte“ Krebspatienten an den Folgen des Abbaus in Uranerzbergwerken in der ehemaligen DDR gestorben seien. Gesetzliche Genehmigungen im Umgang mit radioaktiven Stoffen müssten von allen Betreibern eingehalten werden, und wer das wie in Asse nicht tue, verstoße gegen das Gesetz.

Unterschiede zwischen Asse und Konrad

Zwischen Asse und Konrad sieht König grundlegende Unterschiede. Konrad ist ein Erzbergwerk mit festem Gestein - eine 400 Meter dicke Ton- und Mergelsteinschicht verhindert jedes Eindringen von Wasser -, Asse sei „ein löchriges Salzbergwerk“ mit fließenden Strukturen. Asse ist feucht mit einem Wasserzutritt von 12,5 Kubikmeter täglich, Konrad „knochentrocken“. Für Konrad wurde die Langzeitsicherheit vorher nachgewiesen, in Asse soll das erst im Nachhinein geschehen.

In Asse wurde Atommüll in den Jahren 1967 bis 1978 „vorläufig“ eingelagert, als Kenntnisse über Endlagerung und Wirkungen ebenso wie die öffentliche Aufmerksamkeit gering waren und die Sorgfalt noch geringer. In Konrad beginnt die Einlagerung über 30 Jahre hinweg erst 2013. Asse soll - geklärt ist das noch nicht - mit einem Schutzfluid geflutet werden. In Konrad werden Einlagerungskammern mit Dickstoff versiegelt und hermetisch mit mehreren Schichten abgeriegelt. In Asse wurde der Abfall in vorhandene Hohlräume eingelagert, in Konrad in neue, dafür zeitnah zur Lagerung ausgebohrte. Und in Asse, angeblich einem „Forschungsbergwerk“, wurde eingelagert nach Bergrecht, in Konrad nach dem viel strengeren Atomrecht.

Gabriel: Keine Gefährdung

Auch Bundesumweltminister Gabriel (SPD) wirbt für Konrad. Als Landtagsabgeordneter hatte er sich noch gegen das Endlagerprojekt in seinem Wahlkreis gewandt. Nun sagt er: Hier gebe es keine Gefährdung und es herrsche Planungssicherheit - so müsse jetzt gebaut werden. Selbst grüne Landespolitiker in Niedersachsen, dem Sitzland aller derzeit geplanten Endlagerstandorte, gestehen hinter vorgehaltener Hand, alles scheine sicher. Laut aber wollen sie das nicht sagen.

Sollte der Bund weiter zögern, sagt Gabriel, drohten Schadensersatzforderungen „in Milliardenhöhe“. Den umliegenden Gemeinden will Gabriel die Entscheidung versüßen. Derzeit verhandelt der Bund mit der Stadt Salzgitter, einer weitläufigen Ansammlung von mehr als 30 Dörfern und Ortsteilen südlich von Braunschweig, die von der Stahlindustrie und dem Zuckerrübenanbau geprägt ist. Dabei geht es um einen finanziellen Ausgleich dafür, dass den Gemeinden die übliche Gewerbesteuer entgeht, weil die Anlage vom Bund betrieben wird. Damit aber, heißt es, solle niemand gekauft werden.

Derzeit arbeiten etwa 130 Menschen in drei Schichten unter Tage in den insgesamt vierzig Kilometer langen, fünf Meter breiten und sechs Meter hohen Stollen und in den Kontrollräumen und alten Förderanlagen am Schacht 1 und Schacht 2. Während der Ausbauarbeiten - 33 Jahre nach ersten Untersuchungen, ob Konrad für ein Endlager geeignet ist, und 26 Jahre nach Einleitung des Planfeststellungsverfahrens - werden es zeitweise weit mehr sein.

Riesige Teilschnittmaschinen (Fräser) stehen schon in den Tunneln. Derzeit werden die vorhandenen Stollen noch mit einer Betonschicht ausgespritzt. Der schwierigste Teil des Ausbaus dürften die Errichtung der Endlagerkammern werden, in denen die Abfälle eingeschlossen werden sollen. Lange hatte Gabriel noch das Konzept seines Vorgängers Trittin (Grüne) verfolgt, ein einziges Endlager für alle Arten von Atommüll zu bauen. Heute sagt er im Einklang mit vielen Wissenschaftlern, diese Idee sei zu riskant.

Knapp eine Milliarde Euro sind schon verbaut. Am Ende dürften es doppelt so viel sein. Gut ein Drittel davon trägt der Bund, den Hauptteil tragen dagegen die Kernkraftwerksbetreiber, also die großen Energieunternehmen. Die Kostenaufteilung beruht auf dem Verursacherprinzip: Ein Drittel des Abfalls stammt aus Forschungslabors des Bundes und aus der Medizintechnik, zwei Drittel stammen aus dem Betrieb und dem künftigen Abbau der Kernkraftwerke.

Große Mengen liegen bereits in Sammellagern der Länder und in den Kraftwerkszwischenlagern. Dabei handelt es sich um schwach- und mittelaktive Stoffe, die keine nennenswerte Wärme abstrahlen - Schutzkleidung, Wischlappen, Luftfilter, Rohre, Betonteile, Schlämme. Genehmigt ist Konrad für 303 000 Kubikmeter Abfall. Mehr wird nicht benötigt, glauben die Betreiber - es sei denn, dass Einlagerungen aus Asse nach Konrad verbracht werden. Das Material, das nach Konrad verbracht werden soll, umfasst neunzig Prozent des Volumens aller radioaktiven Abfälle, aber nur 0,1 Prozent ihres radioaktiven Inventars. Ein einziger der in Gorleben zwischengelagerten Castorbehälter mit Wärme entwickelndem Material enthält eine höhere Aktivität als die gesamten zulässigen 303 000 Kubikmeter Atomabfälle, die in Konrad bis zum Jahr 2040 eingelagert werden.

Brennstäbe aus Atomkraftwerken und Reste aus Wiederaufarbeitungsanlagen, dürfen in Konrad nicht gelagert werden. Für diese sucht die Politik weiter nach einem Standort. Viele Hoffnungen und Investitionen wurden in den Salzstock Gorleben gesetzt. Und obwohl bis heute nicht erwiesen ist, dass er ungeeignet ist, hat Gabriel die Losung ausgegeben, dass die Suche nach dem „bestgeeigneten“ Endlager von neuem beginnen müsse.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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