09.11.2008 · „Wir sind wieder da“, sagte der Sprecher der Anti-Atom-Initiative „X-tausendmal quer“ auf einer Kundgebung. Von 15.000 Demontranten kamen aber nicht alle mit friedlichen Absichten zum Protest gegen den Castor-Transport. Es kam an diesem Sonntag auch zu gewaltsamen Ausschreitungen.
Bei der größten deutschen Anti-Atom-Demonstration seit Jahren haben 15.000 Menschen gegen den Transport von hoch radioaktivem Müll ins Zwischenlager Gorleben protestiert. Der Zug aus der Wiederaufarbeitungsanlage in Frankreich erreichte Niedersachsen. Zwischenzeitlich hatte der Transport gut zwölf Stunden Verspätung, weil sich in der Südpfalz drei Demonstranten an Bahngleise gekettet hatten. Am Sonntagvormittag kam es in einem Waldgebiet bei Hitzacker zu gewaltsamen Ausschreitungen. Am Nachmittag blockierten 300 Atomkraftgegner an zwei Stellen die Schienen. Die Aktion blieb zunächst friedlich.
Die Polizeikräfte drängten rund 700 Demonstranten von den Bahngleisen. Auf den Schienen steckten Atomkraftgegner Barrikaden aus Holz in Brand. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. Unbekannte beschädigten bei Hitzacker ein Gleis, das von Bahnfachleuten wieder repariert werden sollte. Andere Demonstranten versuchten mit weiteren Blockaden, den Atommüll-Transport zu stören. Viele Aktionen blieben aber friedlich. „Die Demonstranten spielen mit uns jetzt Katz und Maus“, sagte ein Polizeisprecher. Baden-Württemberg passierte der Zug zuvor noch ohne Probleme, auch aus Hessen wurden keine Störungen gemeldet.
Elf Atommüll-Behälter vom Zug auf Tieflader
Die Ankunftszeit im Verladebahnhof Dannenberg blieb zunächst unklar. Dort sollten die elf Atommüll-Behälter vom Zug auf Tieflader umgesetzt werden. Auf der letzten rund 20 Kilometer langen Etappe bis ins Zwischenlager Gorleben wurde mit Störungen gerechnet. Von Samstag auf Sonntag hatten hunderte Menschen die Zufahrt zum Zwischenlager versperrt und hatten auf Strohsäcken und in Schlafsäcken auf der Straße übernachtet.
„Die Aktion verläuft bisher absolut störungsfrei“, sagte eine Polizeisprecherin. „Wir lassen sie erst einmal gewähren.“ Demonstranten der Umweltschutzorganisation Robin Wood hängten sich an der Zufahrt zum Zwischenlager mit Seilen an Bäume.
Auch mehrere Brandstiftungen an Bahnstrecken in ganz Deutschland und in Frankreich brachte die Polizei mit den Protesten im Wendland in Verbindung. Menschen wurden dabei nicht verletzt, es kam aber zu Verzögerungen im Bahnverkehr. Auf der Rheintalstrecke bei Karlsruhe sowie in den Großräumen Hamburg, Berlin, Hamm und Wiesbaden waren Kabel an Anlagen der Bahn in Brand gesetzt worden.
„Wir sind wieder da“
Bei einer großen und friedlichen Kundgebung in Gorleben hatten am Samstag knapp 15.000 Demonstranten das Abschalten aller Atomanlagen und ein Ende der Atommülltransporte gefordert. „Wir sind wieder da“, sagte am Sonntag der Sprecher der Anti-Atom-Initiative „X-tausendmal quer“, Jochen Stay. Die Kette der Atommüll-Skandale und die Debatte über Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke habe viele Menschen wachgerüttelt.
„Statt des Comebacks der Atomenergie erleben wir in diesen Tagen die Renaissance der Anti-Atom-Bewegung“, sagte Stay. Der Ansturm sei so groß gewesen wie zuletzt 2001, hieß es. Angeheizt wird der Protest durch den politischen Streit um längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und durch die Pannen im einsturzgefährdeten Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel.
Bundesweit schützten gut 16.000 Polizisten den Transport, 10.000 davon allein in Niedersachsen. Bei dem stark strahlenden Atommüll in elf Behältern handelt es sich um nicht wiederverwertbare Überreste alter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken.