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Arztmangel : Frau Doktor bleibt nicht im Sauerland

Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Maria Davtian, Assistenzärztin im Klinikum Arnsberg Bild: Schoepal, Edgar

Ohne ausländische Ärzte sähe es sehr düster aus im deutschen Gesundheitssystem. Viele junge Mediziner in Nordrhein-Westfalen kommen aus Griechenland. Die meisten wollen später zurück.

          Maria Davtian ist schon viel in der Welt herumgekommen. Ihr Medizinstudium absolvierte die junge Frau in Armenien, Russland und Großbritannien. Zur Facharztausbildung wechselte sie nach Griechenland, wo ihre Familie seit eineinhalb Jahrzehnten lebt. Doch weil es in Thessaloniki keine Stelle für sie gab, heißt die neueste Station in Davtians Ausbildungsbiographie Sauerland. Seit Oktober ist die 28 Jahre alte Frau mit armenischen und griechischen Wurzeln Assistenzärztin im Klinikum Arnsberg. „Ich bin zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, sagt Davtian. In Arnsberg könne sie sich perfekt auf ihren Beruf konzentrieren.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Davtian nimmt an einem Pilotprojekt teil, auf das sich die griechische Ärztekammer und die Ärztekammern Westfalen-Lippe und Nordrhein Ende 2012 verständigt haben. Allein in der Region Thessaloniki gibt es nach Angaben der griechischen Regierung mehrere hundert junge Mediziner, die auf eine Weiterbildungsstelle warten. In Griechenland können Fachärzte nur in staatlichen Krankenhäusern ausgebildet werden, in Privatkliniken ist das nicht möglich.

          „Gelebte europäische Solidarität“

          „In Deutschland fehlen Ärzte, in Griechenland müssen sie manchmal mehrere Jahre auf eine Facharztausbildung warten. Da ist es doch sinnvoll, die Mediziner nach Deutschland zu holen“, sagt der griechische Generalkonsul in Düsseldorf, Grigorios Delavekouras. Seit jeher stammten die meisten ausländischen Ärzte in Nordrhein-Westfalen aus Griechenland. „Diese derzeit rund 1.100 Mediziner genießen einen hervorragenden Ruf, sie sind Botschafter ihrer Heimat“, sagt Delavekouras.

          „Das neue Programm für junge Assistenzärzte verstehen wir als gelebte europäische Solidarität. Und jene Ärzte, die nach einigen Jahren zurückkehren, werden dann dem griechischen Gesundheitssystem gut tun.“ Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) sieht das genauso. Nordrhein-Westfalen gehe solche Kooperationen grundsätzlich nur unter der Bedingung ein, dass beide Seiten davon profitierten, sagt sie. Zum Jahreswechsel soll in Thessaloniki wieder eine nordrhein-westfälische Job- und Informationsbörse für Nachwuchsärzte stattfinden.

          Die Besonderheit des vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und vom Landeszentrum Gesundheit NRW (LZG) unterstützten Projekts besteht auch darin, dass die Jungmediziner vier Monate lang an einem Intensivsprachkurs am Goethe-Institut in Thessaloniki teilnehmen müssen. Auch Davtian musste ihren Sprachkurs in Nordrhein-Westfalen fortsetzen, während sie zunächst in einem Krankenhaus hospitierte. Erst als sie die deutsche Sprache sicher beherrschte, bekam sie ihre Assistentenstelle.

          Heilkunst brauche Sprachkunst

          „Missverständnisse aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse können im Gesundheitssystem im wahrsten Sinn des Wortes fatale Folgen haben“, sagt Ministerin Steffens. Heilkunst brauche Sprachkunst. „In Nordrhein-Westfalen werden deshalb höchstmögliche Sprachstandards eingefordert.“ In Fachsprachprüfungen der Ärztekammern müssen ausländische Mediziner beweisen, dass sie ein Arzt-Patienten-Gespräch ebenso angemessen führen können wie ein Fachgespräch mit den Kollegen. „Leider werden Ärzte in manchen Bundesländern noch nach niedrigeren Standards zugelassen und können dann ohne weitere Prüfung jederzeit auch nach Nordrhein-Westfalen wechseln“, sagt Steffens.

          Diesen Prüfungstourismus gelte es zu stoppen. Mittlerweile haben Fachleute ein Sprachprüfverfahren nach nordrhein-westfälischem Vorbild entwickelt, über das die Gesundheitsministerkonferenz im Juni auf ihrer Sitzung in Hamburg entscheiden soll. Davtian ist noch nicht sicher, ob sie nach ihrer Facharztausbildung in Deutschland bleiben will. „Heimweh habe ich nicht, weil ich ja schon in so vielen Orten auf der Welt zu Hause war“, sagt sie. Doch dass sie eines Tages wieder nach Griechenland wolle, stehe fest. So wie Davtian ging es den meisten jungen griechischen Ärzte auch schon vor dem neuen Programm: Rund 70 Prozent der Mediziner, die in Nordrhein-Westfalen ihren Facharzt gemacht haben, gingen in ihre Heimat zurück.

          Vom Facharztmangel zum Landarztmangel

          „Für Griechenland organisieren wir keinen ,Braindrain‘“, sagt deshalb auch Theodor Windhorst, der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Speziell im Fall Rumäniens, woher die zweitgrößte Gruppe der derzeit rund 8.100 ausländischen Ärzte in Nordrhein-Westfalen stammt, habe er ein schlechtes Gewissen. „Aus Rumänien ziehen wir mittlerweile auch Mediziner an, die eigentlich dringend in ihrer Heimat gebraucht werden.“

          Allerdings sähe es ohne ausländische Ärzte im deutschen Gesundheitssystem längst „sehr, sehr düster aus“, wie Meinolf Hanxleden sagt. Der Sauerländer ist Chefarzt für Geriatrie im Klinikum Arnsberg und derzeit Maria Davtians Vorgesetzter. In seinem Team gibt es fünf deutsche Ärzte, die sieben ausländischen Kollegen stammen aus Peru, der Ukraine, der Türkei, Ägypten und aus Griechenland. Mancherorts im Bezirk der Ärztekammer Westfalen-Lippe ist der Anteil ausländischer Assistenzärzte noch höher. In den Kreisen Höxter und Olpe liegt er bei jeweils rund 80 Prozent.

          Kammerpräsident Windhorst hofft, dass ausländische Mediziner nach ihrer Facharztausbildung zunehmend bereit sein werden, eine Praxis auf dem Land zu übernehmen. Laut einer Erhebung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums droht in 69 Gemeinden des Bundeslandes ein akuter Hausarztmangel. Doch wie viele junge Mediziner aus dem Ausland hat auch Davtian andere Pläne. Sie kann sich schon vorstellen, in der Provinz zu wirken. Aber nicht in Nordrhein-Westfalen. „Mein Traum ist es, eines Tages Ärztin auf einer griechischen Insel zu sein.“

          Quelle: F.A.Z.

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