Das Bundeskabinett hat am Mittwoch in Berlin den zweiten Armuts- und Reichtumsbericht gebilligt. Das teilte eine Sprecherin von Bundessozialministerin Ulla Schmidt (SPD) mit, deren Ministerium den Bericht vorlegte.
Der Untersuchung zufolge hat sich in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich seit dem Amtsantritt von Rot-Grün 1998 weiter geöffnet. Der Anteil der unter der Armutsgrenze lebenden Menschen nahm von 12,1 Prozent im Jahr 1998 auf zuletzt 13,5 Prozent zu. Der Verlust des Arbeitsplatzes birgt weiterhin das größte Armutsrisiko.
„Der Mehrheit geht es gut“
Gleichzeitig nahm der Besitzanteil der Reichsten im Lande am Gesamtvermögen zu. Der Bericht macht Arbeitslosigkeit als Hauptursache von Armut und sozialer Ausgrenzung aus und unterstreicht die Bedeutung von Beschäftigung und Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig weist er darauf hin, daß viele Reformen erst 2004 und 2005 griffen und sich daher noch nicht niedergeschlagen hätten.
„Deutschland ist ein reiches Land“, der großen Mehrheit gehe es gut. Dennoch sei Armut kein Randphänomen, sondern könne auch die Mitte der Gesellschaft bedrohen. „Soziale Ungleichheit ist eine Tatsache, und analog zur Entwicklung am Arbeitsmarkt ist sie in manchen Bereichen in den letzten Jahren gewachsen.“
Geringes Armutsrisiko Im internationalen Vergleich
Der Begriff Armutsrisiko bezeichnet den Anteil der Bürger in Haushalten, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Diese Risikogrenze liegt derzeit bei 938 Euro. Nach einer „günstigen Entwicklung“ von 1998 bis 2000 stieg die Quote dem Bericht zufolge mit Einsetzen der wirtschaftlichen Stagnation ab 2001 wieder an.
Im internationalen Vergleich jedoch gehört Deutschland nach Dänemark und Schweden zu den EU-Ländern mit dem geringsten Armutsrisiko und liegt unter EU-Durchschnitt.
Risikogruppen: Große Familien und Alleinerziehende
Erwerbstätige, Selbstständige und ältere Menschen haben dem Bericht zufolge ein unterdurchschnittliches Armutsrisiko, ebenso Paare mit zwei Kindern. Bei den mehr als 65 Jahre Alten ging es entgegen dem allgemeinen Trend von 13,3 auf 11,4 Prozent zurück. Alleinerziehende dagegen stehen schlechter da.
Relative Einkommensarmut ist demnach allerdings in der Mehrzahl der Fälle kein permanenter Zustand; nach einem Jahr haben sich ein Drittel und nach zwei Jahren etwa zwei Drittel aus der Situation befreit. Staatliche Leistungen wie Renten, Kindergeld, Bafög oder Sozialhilfe senkten das Armutsrisiko 2003 um zwei Drittel.
Das reichste Zehntel besitzt fast die Hälfte
Am anderen Ende der Skala wuchsen die Vermögen privater Haushalte weiter und erreichten dem Bericht zufolge 2004 eine Summe von fünf Billionen Euro. Das entspricht im Durchschnitt aller Haushalte 133.000 Euro. Von 1998 bis 2003 stieg das Nettovermögen nominal um 17 Prozent. Immobilien machen rund 75 Prozent des Gesamtvermögens aus.
Der Ost-West-Unterschied wird allmählich kleiner. Ostdeutsche Haushalte hatten 2003 ein Durchschnittsvermögen von 60.000 Euro, das sind nur 40 Prozent des Westniveaus von 149.000 Euro. Doch holten ostdeutsche Haushalte mit einem Zuwachs von 63 Prozent gegenüber 19 Prozent im Westen langsam auf.
Allerdings seien die Privatvermögen sehr ungleichmäßig verteilt, heißt es in dem Bericht. Während die unteren 50 Prozent der Haushalte weniger als vier Prozent des gesamten Nettovermögens besitzen, haben die reichsten zehn Prozent der Haushalte knapp 47 Prozent. Der Anteil dieses oberen Zehntels stieg von 1998 bis 2003 um zwei Prozent an.