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Antisemitismus-Bericht : Juden in Deutschland fühlen sich von Muslimen bedroht

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Ein Rabbiner steht zum Auftakt des Lichterfestes im Dezember 2016 auf dem Opernplatz in Frankfurt am Main vor einem Chanukkah-Leuchter. Bild: dpa

Die Zuwanderung von Muslimen verunsichert die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Judenfeindliche Botschaften im Netz lösen Angst vor Übergriffen aus. Die bedeutendste Trägergruppe kommt indes weiter aus dem Inland.

          Juden in Deutschland sehen Antisemitismus unter Muslimen als immer größeres Problem. Das geht aus dem am Montag veröffentlichten Antisemitismus-Bericht einer Expertenkommission hervor. Internet und soziale Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und judenfeindlicher Hetze geworden, was zur Wahrnehmung einer steigenden Gefahr beitrage.

          Juden in Deutschland sorgten sich aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit. Der Expertenkreis fordert deshalb eine verbesserte Erfassung und Ahndung antisemitischer Straftaten sowie die Stärkung von Beratungsangeboten für die von Antisemitismus Betroffenen. Die Sachverständigen warnen aber zugleich vor voreiligen Schlussfolgerungen. Rechtsextremisten seien nach wie vor die bedeutendsten Träger des Antisemitismus in Deutschland.

          Für große Aufmerksamkeit hatte vor kurzem der Fall eines 14 Jahre alten jüdischen Jungen in Berlin gesorgt, der an seiner Schule gemobbt und bedroht worden war. Einer der Mitschüler, von denen viele aus türkisch- oder arabischstämmigen Familien stammen, soll gesagt haben: „Alle Juden sind Mörder.“

          Das Ausmaß antisemitischer Einstellungen unter muslimisch sozialisierten Jugendlichen sei zwar höher als unter nichtmuslimischen, heißt es in dem Bericht. Insbesondere Migranten aus arabischen und nordafrikanischen Ländern neigten zum Antisemitismus. Ältere Muslime und Nichtmuslime unterschieden sich aber kaum. Schulbildung trage auch bei jungen Muslimen zu einer Reduktion von Antisemitismus bei.

           

          In der Bevölkerung insgesamt gehen die Experten von etwa zwanzig Prozent „latentem Antisemitismus“ aus. Für die vom Bundestag eingesetzte Kommission stellte die Historikerin Juliane Wetzel fest: „In der Öffentlichkeit steht die Gruppe der Muslime als vermeintliche Hauptverursacher des Antisemitismus im Fokus. Mit der Flüchtlingswelle haben solche Zuschreibungen noch zugenommen.“ Der Rechtsextremismus sei dagegen als zentrales Milieu antisemitischer Inhalte in der Wahrnehmung in den Hintergrund getreten.

          Muslimische Verbände und Moscheengemeinden würden undifferenziert als Hort antisemitscher Agitation gesehen, Imame als Hassprediger charakterisiert, sagte Wetzel. Zuverlässige wissenschaftliche Befunde über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen unter in Deutschland lebenden Muslimen fehlten jedoch. Antisemitismus unter Muslimen müsse beobachtet werden; zugleich dürften judenfeindliche Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte nicht verharmlost werden.

          Der Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt die Forderung der Experten nach einem Antisemitismus-Beauftragten, der für die Umsetzung der Vorschläge der Kommission sorgen müsse. Die Amadeo-Antonio-Stiftung sprach von „ungehemmtem Judenhass“ und forderte ebenfalls Konsequenzen.

          Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sagte, der Antisemitismus-Bericht dürfe nicht das Schicksal eines ersten ähnlichen Papiers erfahren und routinemäßig zu den Akten gelegt zu werden. Teil der Forderungen der Kommission ist auch eine bessere Koordination der Präventionsprojekte zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.

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