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Antiatomprotest Demonstranten in Beton

10.11.2008 ·  „Folter, Folter!“: Auf dem Weg des Atommülltransports nach Gorleben brüllen manche Demonstranten bei Gleisräumungen, als gehe es um ihr Leben. Andere plaudern nett mit Polizisten über Atompolitik - alles Teil der Widerstandspsychologie.

Von Peter Carstens, Dannenberg
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„Guten Abend, Hamburger Polizei,“ sagt der Bereitschaftspolizist zu dem jungen Mann, der an der Bahnstrecke nach Dannenberg auf den Gleisen sitzt und legt ihm die Hand auf die Schulter. „Folter, Folter!“ brüllt der Jugendliche, die Umsitzenden verfallen in wütendes Gebrüll. „Sie sind in Gewahrsam genommen“, fährt der Polizist ungerührt fort, „ich möchte Sie bitten mitzukommen“.

Als er das sagt, ist es schon Nacht geworden hier im Wald bei Gorleben im Wendland, aber der Atommüll-Transport ist noch immer 20 Kilometer vom Ziel seiner ersten Etappe entfernt. Seit 19 Stunden sind die Männer und Frauen dieses Hamburger Zugs da schon ununterbrochen im Einsatz, wurden schon bei der Ankunft wurden aus dem Dunkel heraus und von einer Böschung herab mit Feldsteinen beworfen, mussten Deckung suchen. In einer Stunde soll der Transport an dieser Stelle eintreffen. Den ganzen Tag über haben Atomkraftgegner versucht, seinen Weg zu blockieren; Gleise wurden gelockert, an einer Stelle wurde eine Schiene mit einem Wagenheber aus dem Gleisbett hoch gehoben.

Manche brüllen, als würden ihnen Gliedmaße abgesägt

Ganze Säcke voller Eisensägen und Brechstangen haben die Beamten im Wald gefunden. Immer wieder werden Baumstämme auf die Wege gezerrt und Strohsäcke angezündet. Dann kommen Räumfahrzeuge, Wasserwerfer. Berittene niedersächsische Polizei prescht durchs Unterholz. Nun, in der Nacht, sind die Temperaturen auf sechs, sieben Grad gesunken. Aber noch immer sitzen hier etwa 300 Demonstranten auf den kalten Gleisen. Es sind vor allem Atomkraftgegner aus der Umgebung – manche von ihnen sind schon im Rentenalter und seit Jahrzehnten im Widerstand gegen das atomare Zwischenlager Gorleben erprobt. Andere müssten wohl am nächsten Tag in der neunten Klasse ihrer Schule sitzen.

Doch hier geht es nun darum, den „Atomwahnsinn“ zu stoppen. Der Staat, so sehen es viele hier, ist fies – und die Polizisten, die „Folterbullen“, sind der Staat. Manche der Demonstranten brüllen, als würden ihnen in einem Foltercamp im Dschungel die Gliedmaßen abgesägt. Das hat bei den vergangenen zehn Atommülltransporten nicht verhindert, dass die Behälter am Ende im Zwischenlager angekommen sind. Immerhin hat der Protest die Transportkosten ins Unermessliche getrieben. 16.000 Polizisten aus ganz Deutschland sind in diesem Jahr im Einsatz. 200 von ihnen kommen aus Hamburg, von der vierten und fünften Hundertschaft der dortigen Bereitschaftspolizei. Sie haben nun abermals die Aufgabe, die Schiene frei zu machen.

Mit Polizisten nett über Atompolitik plaudern

Viele Blockierer machen sich so steif es geht, klammern sich an die Schienen. Manche brüllen auch dann, wenn es gar nicht wehtut, als Teil der Widerstandspsychologie. Einige Demonstranten lassen sich aber auch nur leicht anheben, um ihren Widerstand sozusagen aktenkundig zu machen, dann gehen sie mit. Mitunter wird sogar freundlich mit den Polizisten geplaudert, wobei allerlei Gemeinsamkeiten offenbar werden – auch in Sachen Atompolitik.

Daneben stehen, im Licht von Taschenlampen und mobilen Scheinwerfern, Fernsehteams und Anwälte für die Demonstranten. Sie notieren jede Bewegung, bewerten jeden Handgriff; alles wird gefilmt, fotografiert. Ein Mann in weißer Schutzweste mit der Aufschrift „Seelsorger“ erteilt den Beamten unermüdlich Ratschläge, wie ihr Verhalten rechtens bleiben könnte. Wer wagt, sich skeptisch nach seinen Befugnissen zu erkundigen, wird nach der Dienstnummer gefragt.

Zwei Stunden später sind alle Blockierer von den Gleisen getragen. Die Beamten verteilen sich im Wald, suchen mit Nachtsichtgeräten die Umgebung ab, lauschen ins Dunkel hinein. Dann donnern Hubschrauber über das Wäldchen bei Kilometer 189, gewaltige Scheinwerfer leuchten herab. Es folgt ein dumpfes Rauschen aus der Ferne – dann rollen die elf Wagons des Transports vorbei. Der Hubschrauberlärm entfernt sich. Entlang der Landstraße ziehen die Demonstranten nach Hause oder in ihre Zeltlager. Der Castor ist in Dannenberg. Die Polizisten fahren in ihr Containerdorf für vier, fünf Stunden Schlaf, stärken sich für den nun folgenden Kampf um die Straße, wenn die strahlende Fracht vom Bahnhof ins Zwischenlager gebracht wird.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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