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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Anschlagsgefahr in Deutschland Die Programmierer der Ego-Shooter

04.03.2011 ·  Der Anschlag vom Frankfurter Flughafen war vermutlich die Tat eines „Einzelgängers“. Aber kam das Attentat tatsächlich „aus dem Nichts“, wie Hessens Innenminister angibt? Manche glauben, mit Vorratsdatenspeicherung hätte die Tat verhindert werden können.

Von Peter Carstens, Berlin
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Der Anschlag vom Frankfurter Flughafen war nach bisheriger Behördenlesart vermutlich die Tat eines „Einzelgängers“. Dieser Täter-Typ gilt unter den Fahndern der Terrorabwehr als der unberechenbarste. Zuletzt tauchte er in der schwedischen Hauptstadt Stockholm auf. Dort ereignete sich ein Anschlag, bei dem am 11. Dezember ein bis dahin vollkommen unbekannter Iraker, der kurz vorher aus Großbritannien eingereist war, erst ein Auto, dann sich selbst in die Luft sprengte. Wegen der technisch unzulänglichen Vorbereitung des Anschlags waren keine Opfer zu beklagen. Der Täter starb.

Für die Terrorabwehr ist der Einzeltäter seit längerem eine unfassbare Bedrohung. Denn anders als bei Terrorgruppen oder selbst sogenannten Schläferzellen gibt es bei Einzeltätern keine oder erst im Nachhinein erkennbare Hinweise auf die Planung eines Anschlags. Die Vermutung ist, dass Terrornetze wie Al Qaida genau diesen Umstand nutzen könnten. So sollen, beispielsweise mit den inzwischen auch mannigfach produzierten Videoaufrufen zum Dschihad in deutscher Sprache nicht nur Kämpfer für Afghanistan gewonnen werden. Angesprochen werden immer wieder auch Sympathisanten, die sich durch den angeblichen Ruf Allahs oder verabscheuungswürdige taten Dritter ihrerseits zu mehr oder minder spontanen Gewalttaten verleiten lassen könnten.

Konzept der Anti-Radikalisierung

So war es etwa auch bei den Kölner Kofferbombern, die als brave Studenten aus dem Libanon nach Deutschland gekommen waren, um dann, nach schneller Radikalisierung und unter dem Eindruck einschlägiger Filmchen, zum Massenmord bereit zu werden. Der niedersächsische Innenminister Schünemann (CDU) hat nun größere Anstrengungen des Bundes und der Länder gefordert, um der schnellen Radikalisierung und dieser Form des Spontan-Terrors besser begegnen beziehungsweise vorbeugen zu können. „Wir müssen unsere Anstrengungen zur Früherkennung verbessern“, forderte Schünemann.

In Niedersachsen arbeite derzeit eine Projektgruppe unter Federführung des Verfassungsschutzes an einem umfassenden Konzept der „Anti-Radikalisierung“. Zweitens müsse, sagte Schünemann gegenüber dieser Zeitung „der Salafismus in Deutschland konsequent bekämpft werden“. Wichtig sei nicht nur eine nachhaltige Beobachtung durch den Verfassungsschutz, sondern auch der enge Schulterschluss mit muslimischen Gemeinden und Akteuren, um salafistische Gruppen in Deutschland zu ächten und zu isolieren.

Ein Attentat aus dem Nichts?

Aber wie will man in die Köpfe der Tausenden kommen, die auch in Deutschland still und leise mit dem Terror sympathisieren? Schon die lückenlose Überwachung der etwa 150 als „Gefährder“ eingestuften potentiellen Gewalttäter überfordert die Sicherheitsbehörden. Noch schwieriger wird es beim Gefährderumfeld oder gar bei den etwa 36 000 bekannten Anhängern islamistischer Organisationen, die der Verfassungsschutz für 2009 registriert hat.

Noch nicht geklärt ist die Frage, ob es sich bei Arid U., dem aus dem Kosovo stammenden Attentäter von Frankfurt, überhaupt um einen dieser schwer zu identifizierenden Einzeltäter handelte, also um „eine Art Attentat, das aus dem Nichts kam“, wie der hessische Innenminister Rhein (CDU) am Donnerstag sagte. Denn inzwischen werden Verbindungen in das Umfeld islamistischer Prediger bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass Arid U. beispielsweise zu dem in Afghanistan von Amerikanern wegen Terrorverdacht festgenommenen Rami M. gutnachbarschaftliche Beziehungen hatte.

Die Tatsache, dass Arid U. im sozialen Netzwerk „Facebook“ seit kurzem unter einem Aliasnamen radikale Ansichten vertrat und dort auf seiner Seite eine ziemlich dubiosen Freundeskreis versammelte, hätte vielleicht ebenfalls auffallen können. Der SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann sagte dieser Zeitung, es gebe jedenfalls die Vermutung, dass bei früherer Entdeckung der Zusammenhänge ein Verdacht gegen Arid U. hätte aufkommen können. Für die Streifentätigkeit der Polizei und des Verfassungsschutzes in der virtuellen Welt gelte der Grundsatz: „Mehr wäre besser“.

Per Computerspiel auf Attentat vorbereitet?

Allerdings weist man in Sicherheitskreisen auch darauf hin, dass es im Netz erstens eine unübersehbare Menge islamistischer Propaganda gebe. Viele Einträge seien durchaus viel auffälliger als die jetzt bekannt gewordenen von Arid U. Nur wenn es konkrete Anhaltspunkte für geplante Straftaten gebe, könne man sich daran machen, über die IP-Adresse des Computers Standort und Namen von Gewaltbefürwortern ausfindig zu machen. Außerdem führten die Wege dann oft in ein anonymes Internetcafé.

Der CDU-Innenpolitiker Clemens Binninger sagte, es müsse besser gelingen, aus der Vielzahl vorhandener Informationen die relevanten herauszufiltern. Facebook-Kontakte seien jedenfalls nur sehr oberflächliche Hinweise. Als Mangel wird in diesem Zusammenhang abermals das Fehlen der Vorratsdatenspeicherung genannt. Vielleicht wäre Arid U. aufgefallen, wenn man die Verbindungsdaten seines Bekannten, des in Afghanistan festgenommenen und inzwischen in Deutschland inhaftierten Rami M., gründlich hätte auswerten können beziehungsweise überhaupt gespeichert hätte. Und vielleicht wäre dann auch irgendwo ein Warnlämpchen errötet, als Arid U. seine Arbeit am Frankfurter Flughafen aufnahm. Ob er sich dort mit Bedacht so nahe wie möglich am Terminal, aber doch nicht im Bereich von vorbeugenden Sicherheitskontrollen anstellen ließ, muss aufgeklärt werden. Angeblich war er eher zufällig über Zeitarbeitsfirma in das dortige Postzentrum gekommen.

Interessant ist schließlich, dass der Todesschütze sich möglicherweise per Computerspiel („Ego-Shooter“) auf seine Tat vorbereitet hat. Wer solche Spiele kennt, ahnt, dass sie zumindest einen enthemmenden Beitrag leisten können, wenn es darum geht, einem wildfremden jungen Amerikaner eine Pistole an den Kopf zu halten und abzudrücken, oder einen wehrlosen Busfahrer niederzuschießen, wie es Arid U. getan hat.

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